From: bugstrangfeld@web.de Subject: Mal wieder so spät! Date: Tue, 15 Jun 2021 14:35:25 +0200 Lieber Jochen, es ist witzig, schon mehrmals habe ich Dich vertröstet, dabei müsste ich als kinderlose Rentnerin eigentlich doch jede Menge Zeit haben - aber irgendwie finden sich immer jede Menge Füllsel. gestern Abend sollte es nun endlich sein, aber dann entdeckten wir im Fernsehen in "Hart aber fair" (ARD), einer oft sehr interessanten und informativen politischen Talk-Runde, das Thema Flüchtlinge, Tote im Mittelmeer, Seenotrettung, Lager z.B. in Griechenland, Folterlager in Lybien und überhaupt all diese unlösbaren Probleme, sahen und hörten uns fest, und dann war es fast 23.00, Bettzeit. Danach weiter im frisch herausgekommenen Briefwechsel zwischen Albert Camus und Maria Casarès, 15 Seiten, ich bin erst auf S.150. Und heute Morgen, worauf ich diesen Brief verschoben hatte, musste ein Kuchen gebacken werden für Besuch heute Nachmittag, dazu kamen zwei Anrufe aus Weimar von guten Freundinnen, die zusammen zwei Stunden dauerten. Ein kleiner Gang durch den sehr besonnten und von Bienen schwirrenden Garten musste auch dazwischen geschoben werden. Nun aber endlich! Danke für Deinen sehr intererssanten Brief vom 3.Juni. Erfreulich auch, dass das Duden-Büchlein nach 41 Tagen angekommen ist. Was ist da eigentlich los mit der US-Post? Wir freuen uns, dass die USA in Gestalt Eures sympathischen Biden wieder dabei sind, wo es um die großen Themen geht. Es ist, als sei ein wichtiges Familienmitglied zurückgekehrt. Deine vielen Kontakte und die immer wieder erschienenen Aspekte der Vergangenheit, der Familiengeschichte, müssen Dich sehr beschäftigen, hoffentlich auf angenehme Weise. An Dr.Busch erinnere ich mich durchaus, er hat mir auch mal geschrieben. Du wirst doch seiner Bitte entsprechen? Ganz abgesehen von Deinen überlegungen allgemeinerer Art zum Übersetzen von Texten, ist wohl das Übertragen vom Deutschen ins Englische und umgekehrt eine der leichteren Übungen. Allerdings, die begriffe, die Du zitierst, sind ja schon im Deutschen von höchst abenteuerlicher Art und rufen sofortiges heftiges Stirnrunzeln hervor. Die kann man oder besser muss man umständlich umschreiben bzw. erklären, denke ich mir. Was machst Du damit? Das Amerikanische hat sich nach meinem Eindruck weit vom Englischen entfernt, vor allem sicher das Umsprachliche, ich lese jedenfalls neue Literatur nur mit Mühe und dann lieber gar nicht. Deine Überlegungen zur Posttraumatischen Belastungsstörung - ein Begriff, der inzwischen häufig zu hören und zu lesen ist und auch inhaltlich ziemlich geläufig - sind sehr interessant, ich werde mich demnächst - wieder so eine Ankündigung von zeitlicher Weichheit - gründlicher mit ihr befassen. Seit längerem klebt an meiner Pinnwand ein Blatt mit Beispielen von Sprachveränderung. Ich zitiere mal ein paar: "Geld in die Hand nehmen" für ausgeben "Erwartungshaltung" für Erwartung ("Die Erwartungshaltung ist sehr hoch", woran man die Idiotie besonders gut sieht) "scheinbar" als Alleinsieger in dem Duell zwischen "scheinbar" und "anscheinend", das ganz verschwunden ist "aufgehangen" für aufgehängt, das findet sich allerdings auch schon mal bei Storm, aber die korrekte Form ist verschwunden "lohnenswert" für lohnend, sicher klangliche Analogie zu "lobenswert" und schlicht idiotisch, aber leider auch von Fachkollegen verwendet. Ist aber im Rückgang begriffen. "genetisch" und "...liegt in ihren Genen", wo wir früher von "angeboren" oder "Veranlagung" sprachen. Ist ja korenkt, aber mit "Veranlaguing" und "angeboren" kamen wir früher auch gut zurecht. "Genau" für richtig, ja eben, ja... "instrumentalisieren" für missbrauchen, was wiederum eine Begriffsverengung durchgemacht hat und sich nur noch auf Sexuelles beziieht "nachvollziehen" für begreifen, verstehen. Ich weiß, Sprache verändert sich und hat das immer getan. Aber manchmal stört mich das beträchtlich! Es ist schwül. Ach, ich habe gar nicht von dem Aufenthalt bei meinem Vetter um die Ecke, Thomas, und seiner Frau berichtet. Die Beiden sind Biologen, allerdings mikrobiologisch und waren in der Medizinforschung tätig, sind aber Liebhaber von Pflanzen und allen Tieren, wir haben also viel gemeinsam, und in der lieblichen Gegend dort gibt es eine Fülle zu entdecken. So haben wir Bienenfresser gesehen, die dort eins der seltenen Vorkommen in Deutschland haben. In einer senkrechten Lösswand haben sie ihre tiefen Bruthöhlen. Aber jetzt koche ich wieder einen Tee und wandle etwas durch den Garten, der unglaublich üppig ist, Natternkopf in voller Blüte und über einen Meter hoch ist das