am 2. Juni 2021 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vielen Dank für Euern Brief. Gestern Morgen fand ich ihn in meinem e-mail Fach. Gestern Nachmittag lag "Was nicht mehr im Duden steht" im Postkasten. Das Buch war 41 Tage lang unterwegs, indessen die Sprache vermutlich unablässig fortfuhr sich zu verändern. Inzwischen hab ich mit fast gierigem Interesse angefangen das interessante Buch zu lesen. Habt auch, und besonders dafür, Vielen Dank. Dank auch für das Anvertrauen von Bernds Krankengeschichte. Ist es anmaßend zu schreiben, dass ich meine, mich in seine Umstände versetzen zu können, besonders in Erwägung der "gelegentlichen Absencen" und des Schwannomas. Dazu weiß ich nichts als ein Goethe Zitat: „O glücklich, wer noch hoffen kann, / Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen! / Was man nicht weiß, das eben brauchte man, / Und was man weiß, kann man nicht brauchen.“ eine Weisheit die mir jedoch bei keinem Medizinexamen angerechnet würde. Ich besinne mich lebhaft, wie wenn meine Mutter in ihren alten Tagen mir ihre Krankheitsbesorgnisse anvertraute, ich sie zu vertrösten suchte mit der Versicherung: "Das habe ich auch," und dies so oft, dass es zu einem witzigen geflügelten Wort zwischen uns wurde. Je älter ich werde, desto schläfriger befinde ich mich, desto öfter schlafe ich ein über der Tastatur, manchmal nur vorübergehend, einen Augenblick, manchmal, wie vorhin, eine ganze Stunde lang; und desto länger schlafe ich des Nachts, manchmal mehr als zwölf Stunden, bis in den frühen Nachmittag, wie ein kleines Kind. Und wieder überlasse ich Goethen die Erklärung: "Das Alter macht nicht kindisch, wie man spricht, es findet uns nur noch als wahre Kinder“. Weil unmittelbar nach dem Erwachen, oftmals mein Kopf voll von Einfällen ist, die sich als neu und erinnerungswert behaupten, setze ich mich nach dem ich aufwache, zuerst an meinen Klapprechner und trage alles ein, bis der Kopf leer ist. Dann bewege ich mich mit großer Vorsicht die Wendeltreppe hinab zum "Frühstück" das heute Nachmittag erst um 16 Uhr stattfand, das dann mit der Bereitung von diesem und jenem und dem Abwaschen eine ganze Stunde in Anspruch nahm, und zugleich als Mittag- und Abendbrot taugen musste, denn später, nach mehr als drei Stunden, berichet mir mein Magen "Ich bin noch nicht leer, und will nichts mehr." Als wesentlichste Betätigung betrachte ich die Fortführung des neunten Bandes meiner Romanserie, wobei ich mir erlaube die Welt und die Gesellschaft, den Herrgott und die Seele so gut ich kann zu beschreiben wie ich sie erlebe. Um dies Erleben zu erquicken, hab ich mich auf ein zweites, konkurrierendes Unternehmen eingelassen. Dr. Reinhold Busch aus Hagen - ihr mögt Euch auf ihn besinnen als den Verfasser der Familiengeschichte meiner Großmutter Elfriede, "Verstreut über alle fünf Kontinente, Das Schicksal der jüdischen Familie Rosenthal aus dem Ruhr Gebiet", hat mich gebeten sein Opus ins Englisch zu übersetzen, nachdem ein Vorgänger, mein von Busch entdeckter ferner Cousin, Donald Strauss, sozusagen Pleite gemacht, und den Versuch aufgegeben hatte. Tatsache ist, dass Strauss, ein freundlicher, zuvorkommender fast 80 jähriger, sich jetzt im Ruhestand befindender Unternehmensberater, der mich mit seiner Frau am vergangenen Freitag zwei Stunden lang besuchte, - kein Deutsch versteht, es weder zu schreiben noch zu lesen vermag, aber dennoch den Versuch gemacht hatte, sich "künstlicher Intelligenz" zu bedienen, in der Form des Rechnerprogramms "Google Translate", von dem es sich ergab, dass es, gleich ihm selber, der Aufgabe nicht gewachsen war. Ob ich es bin, muss sich herausstellen. Vorerst verlockt mich das bedachte Übersetzen als Erforschung des Wesens von Sprache, Denken und Erleben. Da drängen sich Ausdrücke auf, wie etwa Golddiskontbank, Reichsbürgergesetz, Reichshaushalt, Reichsfluchtsteuer, Reichsfinanzminister, Zollfahndungsstelle, und über allem, Deutsches Reich, wo davon jedes Wort sich zwar wortgetreu übertragen lässt, wo aber der Hauch von Böshaftigkeit, von Verlogenheit, Grausamkeit und Unmenschlichkeit der mit ihnen im Original untrennbar verbunden ist, in der gebräuchlichen Übersetzung verschleiert, wenn nicht sogar unauffindbar versteckt wird. Die Ehefrau von Reinhold Busch is Psychologin und hat ihn auf die Bedeutung vom PTBS auferksam gemacht, eine Modediagnose worüber das Internet mich mit Folgendem belehrt: "Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) tritt als eine verzögerte psychische Reaktion auf ein extrem belastendes Ereignis, eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmaßes auf. Die Erlebnisse (Traumata) können von längerer oder kürzerer Dauer sein, wie z.B. schwere Unfälle, Gewaltverbrechen, Naturkatastrophen oder Kriegshandlungen, wobei die Betroffenen dabei Gefühle wie Angst und Schutzlosigkeit erleben und in Ermangelung ihrer subjektiven Bewältigungsmöglichkeiten Hilflosigkeit und Kontrollverlust empfinden." Dr. Busch und seine Frau weisen darauf hin, dass PTBS nicht nur das Erleben von Holocaust Opfern begreiflicher macht, sondern, und dies ist mir von zwingendem Interesse: zugleich das Betragen der Täter, die der Terror grundsätzlich vor die Alternative stellt, zu schänden oder geschändet, zu quälen oder gequält, zu töten oder getötet zu werden. In diesem unentrinnbaren Widerspruch meine ich eine vorsichtige, vorläufige Antwort auf die Frage, die mich lebenslang begleitet hat, zu finden, wie war dies Entsetzliche möglich? Schießlich ergibt sich aus meiner Beschäftigung mit den von der vorgesehenen Übersetzung ausgelösten Fragen, eine mir interessante Erwägung über die wesentlichste von Juden und Christen umstrittene Frage, nämlich um die Beziehung des Erlösers zu einem angeblichen göttlichen Vater. Wenn man sich auf den überlieferten religiösen Mythos verlässt, so ist es unmöglich zu bezweifeln dass der Erlöser von einer "alleinerziehenden"Mutter stammte, deren Ehemann Joseph ihm nicht zum Vater taugte, dass Er demgemäß einen irdischen Vater entbehrte, and dass diese Entbehrung eine PTBS auslöste, mittels der Er sich einredete, dass Er tatsächlich einen Vater hätte, und dass dieser "Vater" der Herrgott selber sei, eine Phantasie welche in der Rabbinerwelt in der Er erzogen wurde und in dem er aufwuchs, genährt wurde bis sie sich unausrottbar in seinem Gemüt verwurzelt hatte, eine Phantasie dergemäß Er sich kreuzigen ließ, in dem Vertrauen, dass sein Vater ihn durch ein Wunder erretten würde, bis zu dem Ruf der endgültigsten Verzweiflung "Mein Gott, warum hast du mich verlassen." Aber die Hypothese einer PTBS, dient auch damals, wie jetzt, die Verfassung nicht nur des Opfers, sondern auch der Täter um ein Geringes zu erleuchten. Denn es war eine erbarmungslose, brutale Zeit, wo Kreuzigungen gang und gäbe waren, wo Kreuze mit Sterbenden die Seiten der Landstraßen bestückten. Es war eine Leidenslandschaft geeignet die Gemüter der Zeitgenossen nachhaltig to verwunden und zu belasten. Das Volk, das damals die Kreuzigung verlangte, befand sich vor derselben Alternative wie die heutigen Täter, zu verletzen oder verletzt zu werden, zu töten oder getötet zu werden. Sie bedurfen des Opfers um sich selber zu schützen. Genauso Pilatus von dem der Evangelist (Johannes 18) berichtet: "8 Als Pilatus das hörte, fürchtete er sich noch mehr..." Schließlich weisen mich meine Übersetzungsbemühungen auch in Richtung der Autobiographie zu der ihr mir schon seit Jahren geraten habt. Im gegebenen Falle, ist die Lebensgeschichte ja schon von Reinhold Busch verfasst, größten Teils mit Stoff den ich selber ihm geliefert habe, aber auch mit Zutaten einer enfernten Kusine oder Tante, einer Antonie Gerson, die über meinen Großvater (laut Reinhold Buschs Übersetzung) berichtete: „Ihn mochte niemand, besonders wir Kinder nicht. Er klagte ständig vor Gericht, kämpfte mit Anwälten und war eine sehr dominante Person. Außerdem borgte er sich ständig Geld von der Familie und zahlte mit vollständig abgewertetem Geld zurück. Ich erinnere mich, daß mein Vater lachte und mich rausschickte, um mit dem Geld schnell ein paar Lebensmittel zu kaufen, weil die Preise während der Inflation 1923 täglich stiegen.“ Das klingt nicht nur als ob man meinen Großvater für die Inflation beschuldigte; es bestätigt auch dass ich wirklich, allenfalls betreffs des Kampf mit den Gerichten und der Dominanz der Person, sein Enkel bin. Soll ich versuchen uns beide mit dem Hinweis auf PTBS zu entschuldigen? Bezeichnend für PTBS, wie für so manches von der Vorstellung Erfundene, ist dass sie sich verniedlichen lässt. Das Trauma, die Verletzung, welche die Belastungsstörung hervorruft möchte geringer, oder jedenfalls anders als ein Bombenangriff sein. Der Alltag selbst möchte als zureichend traumatisch erlebt werden, und dienen eine allgemeine post traumatische Belastungsstörung auszulösen. Dann ließe sich sämtliches Tun und Lassen der Menschen als Ergebnis von PTBS erklären, und die herkömmliche Gesetzesethik des kategorischen Imperativs und der unzähligen Regeln, Gesetze und Gebote wäre wesentlich unterstützt, wenn nicht gar abgelöst. Wenn es überhaupt noch Sinn hat, für ein so langes, ungezügeltes Schreiben um Entschuldigung zu bitten, dann sei dies getan. In jedem Falle aber, sende ich Euch beiden mit meinen herzlichen Sommergrüße, und Wünsche für leidliche Gesundheit und einen behaglichen, frohen Alltag. Die Maiglöckchen sind längst dahin. Euer Jochen