From: Bernd Strangfeld Date: Dec. 31. 2020 Subject: dein Brief vom 24.12. am 31. Dezember 2020 Lieber Jochen, da hat sich ja wieder Rätselhaftes ereignet in unserem wahrlich harmlosen Briefverkehr. keine Ahnung, wer sich da strafend einmischt. Ich verdächtige da allerdings eher die von hier aus gesehen transatlantische Seite. Schließlich wurde schon en ganzes Buch verschlungen, wenn auch wohl von anderen Stellen. Es schneit, dünn, also eher trocken. Temperaturen um Nul. Du schreibst wieder von grausiger Kälte. Offenbar bist Du freundlicher zu Deinen diversen Leitungen im Haus als zu Dir. Kannst Du überhaupt denken bei den Temperaturen, die Du Deinem HAuse gönnst? Ich wäre schon erfroren, und kein einziger Gedanke hätte sich in meinem vereisten Gehirn entwickeln können. Kein Wunder, wenn Dein Roman so finster und trostlos endet. Oder liegt es an Corona? Da zeichnet sich für das kommende Jahr doch wohl eine allmähliche verbesserung ab. Du wirst Dich vermutlich nicht impfen lassen, denke ich. Bleib trotzdem gesund, und habe öfter mal Freude! Bernd repariert zum xten Mal die Tür des riesigen Briefkastens, den wir im Winter 1993, als wir Dich und Margaret mit meiner Schwester besucht haben, gekauft haben und seither enorm schätzen, weil fast alle postalischen Sendungen hinein passen. Er ist aus Metall und rostet emsig vor sich hin, bedarf daher ständiger Pflege, und jetzt hatte Bernd eine neue Reparaturmöglichkeit gefunden, die aber ein eiliger Postbote im Vorweihnachtstrubel mittels eines Päckchens zunichte gemacht hat. Jetzt gerade sägt er mit einer Eisensäge und seufzt und stöhnt mitunter, während draußen das Schneien zunimmt und richtig entschlossen wirkt. Unser Schneeräumer hat uns letzten Winter gekündigt, er finde niemand mehr, der so früh aufstehen wollte, sagte er uns. Daraufhin kaufte Bernd eine Schneefräse, übte zwei Tage, bis er sie - in Trockenübung - bedienen konnte und brauchte sie dann den ganzen Winter mangels Schnee nicht einzusetzen. Aber dieses Jahr mag das wohl nötig werden. Im Hochsauerland um Winterberg gab es letztes Wochenende einen gewaltigen Ansturm von entschlossenen Skifahrern, so dass schließlich die Straßen gesperrt werden mussten, ebenso in unserer Nähe im Ebbegebirge, wo wir noch vor eineer Woche kräftig gewandert sind und gefunden haben, wir sollten diesen Kammweg öfter bewandern. Nun ist er zur Loipe für Wintersportler geworden. Dafür entfalten sich auf unserer großen Süd-Fensterbank die prachtvollen Blüten der Amaryllen (Hippeastrum), vor allem rot, aber auch weiß gestreift oder ganz weiß. Ein schieres Wunder. Insgesamt 61 Zwiebeln, von denen aber nicht alle Blütenstängel entwickeln. Nach 4 Monaten Ruhe von August bis Dezember habe ich sie aus dem Keller geholt, und offenbar hatte ich sie letztes Jahr zufriedenstellend gedüngt, denn dieses Mal strahlen sie und produzieren ganz viele Blüten. Das ersetzt ein wenig die Freude am Garten. Auf der Terrasse tummeln sich, wie schon öfter beschrieben, allerlei Vögel. Wir warten noch auf die Bergfinken, die manchmal aus dem hohen Norden kommen. Du siehst, wir versuchen uns abzulenken von Trübnis und innerer und äußerer Dunkelheit. Weil wir zu zweit sind, geht das leichter. Bernd liest in Philosophiebüchern, ich fülle eine literarische Bildungslücke, nach Stevensons "Kidnapped" nun nach und nach alle Narnia-Bücher, von C.S.Lewis, den ich früher nicht schätzte, aber den ich nun doch ganz spannend finde. Lektüre spätabends im Bett, mit Kräutertee. Zudem stricke ich heftig und konzentriere mich dabei auf Hörbücher oder gucke fern, zuletzt zwei sehr gute - wie ich finde - Verfilmungen von Tom Sawyer und Huckleberry Finn, von 2011 und 2012. Unlängst habe ich zwei Grundschul-Klassenkameraden angerufen, wir haben lange keinen Kontakt gehabt, sind aber alle dieses Jahr 80 geworden, und dieses Bewusstsein verbindet. Wir haben jeweils eine gute Stunde geklönt, viel natürlich über Liebenburg, und das verbindet ganz besonders. Hoffnungsvoll haben wir uns verabredet für nächsten Sommer . Einer der Beiden hat uns dringend eingeladen, bei ihm zu wohnen. Das sind freudige Aussichten. Ich stelle öfter fest, dass gemeinsames Erleben in frühen Jahren auch noch viel später abrufbar ist und große Vertrautheit gesät hat, die man spät im Leben ernten kann. Jetzt schneit es ganz doll, wie in Bilderbüchern mit Winterliedern und -geschichten. Ich möchte mich in Ruhe mit einer Tasse Tee ans Fenster stellen und gucken. Lieber Jochen, Dir wünsche ich auch solche Freude! Und ein neues Jahr, in dem Duz Dich wohl fühlen kannst und in dem Dir viele Inspirationen geschenkt werden. Liebe Grüße! Deine Gertraud und Bernd. ============= From: Bernd Strangfeld Date: January 9, 2021 Subject: Brettschneider eber Jochen. das war eine freudige Überraschung, dass Dich das Buch doch noch erreicht hat. Das Postdatum hast Du treffend identifiziert, es war in der Tat der 19.10., eine Rekordleistung an verlangsamung. 20.10., lese ich, zur Post hatte ich es am 19.10. gegeben. Columbus ist übertroffen. Ein seltsames Land. Ich schreibe nicht auf, wie ich das alles finde, was sich kürzlich in Washington begeben hat, denn vielleicht wird das wieder zensiert. Hast Du meinen brief vom 31.12. erhalten? Ich möchte Dich bitten, meine Mails mit Datum zu bestätigen. Ein polnischer freund begann seine Briefe eine Zeitlang mit "Hi Censor". Vielleicht wird ja noch einmal alles oder manches besser. Die führende Weltmacht, Leuchtturm der Demokratie. gratulation zum Beschließen Deines 8. Bandes. Das muss sich königlich anfühlen, ein so gewaltiges Werk. Liest Du Deine Bücher eigentlich hinterh und ergötzt Dich daran? oder behältst Du den Inhalt so genau, dass Du alles vor Dir hast? Und jetzt gehst Du vermutlich an den 9. Band? Vielleicht kannst Du wieder Hoffnung wagen. Darauf warten wir ja auch im wirklichen Leben, und manchmal wird die Hoffnung belohnt. Hier ist nicht viel zu berichten, außer dass es in der Nacht zu gestern richtig geschneit hat, mindestens 10 cm, wunderschön, ganz zauberhaft, wenn auch zu nass. ich habe angefangen, den Schneeschieber zu betätigen, dass Bernd geweckt, der erst um 5 Uhr eingeschlafen war und nun versuchte, die im letzten Winter erstandene Schneefräse in Gang zu setzen. Das gelang nicht, aber Nachbarn eilten herbei, ihm unter die Arme tzu geifen, und dann noch ein Nachbar, unser Installateur, schräg gegenüber, und der hat es schließlich geschafft. Dabei hatte Bernd kurz nach dem Kauf schon zwei Tage lang daran gearbeitet, dem Motor gedanklich näherzukommen und die ganze Maschine mit ihrer künftigen Arbeit vertraut zu machen, aber zunächst nur als Trockenübung, denn der Winter blieb fast schneelos. jedenfalls schaffte Bernd es diesmal, mit der gewaltigen nachbarschaftlichen Unterstützung, unter beträchtlichem Getöse die Fräse den Fußweg entlang zu schieben. Nun sind wir erleichtert. Ringsum Eltern mit Kindern und Schlitten. Weiter oben auf dem Kamm des Ebbegebirges ist die Loipe gESPURT und tummeln sich wohl Skiläufer. Winterberg im Hochsauerland hat die Straßen gesperrt gegen den Ansturm der letzten Tage, kein Platz für Autos und wandelnde Menschen, kein Café, kein Restaurant, keine Toilette offen, es sind schwierige Umstände. Wir Glücklichen am Rande kleiner orte und gleich gegenüber dem Wald können wandern, wo wir wollen. Lieber Jochen, wir wünschen Dir Zufriedenheit mit Deinem Werk und Mut zu Neuem! Erfriere nicht! freue Dich an gelegentlichemn Kardinals und anderem Geflügel und glaube an den Frühling. Wir schicken Dir viele liebe Grüße! Deine Gertraud und Bernd.