Die großen verhängnisvollen von Schwiegel und Selbstmacher geprägten Besprechungen über Wahrheit, Gerechtigkeit, Recht und Gerichte waren vorüber. Selbstmacher hatte sich in die ihm vertraute Einsamkeit zurückgezogen. Auch Moritz Schwiegel war von der Bildfläche des Döhringhauses verschwunden, vermutlich war er in seine eigene kleine Wohnung jenseits des Universitätsplatzes zurückgekehrt, ein anspruchsloses Zuhause das ihm nicht nur Küche zum Essen und Zimmer zum Schlafen bot, sondern eine bescheidene Kanzlei wo sich nebst Bücherregalen und Aktenschränken ein kleiner Schreibtisch befand an dessen Rechner Schwiegel seine gerichtlichen Eingaben verfasste, und der ihm hin und wieder zum Gegenüber mit einem seiner Kunden diente. Die Vorstellungen die ihn noch vor Kurzem zu seinen Besuchen an den Freilichttisch vorm Grünen Kranze bewegt hatten, dass die Bewohner des Döhringhauses seiner überdrüssig geworden sein mochten, dass seine Beziehungen zu ihnen und dass seine Bemühungen um sie sich als unnütz erwiesen hätten, waren endgültig verflüchtigt. Charlottens Berichte über die Erpressung deren Richter Adams sich ihr gegenüber schuldig gemacht hatte, und die Gelegenheit diese widerrechtlichen Anstrengungen zugunsten seiner Mandanten Katenus und Elly zu erwidern, und ins Besondere Charlottens Nachricht, dass Adams seine Frau ins Irrenhaus gesperrt hatte um seinen Bemühungen um sie, Charlotte freie Bahn zu machen, hatten Schwiegel stark beeindruckt. Er sah die Gelegenheit der brenzlichen Gefahr in der Katenus und Elly sich befanden wesentlich vorzubeugen, und dass es ihm gelingen möchte zugleich seinen Freund Jonathan Mengs und dessen Protegee Joachim Magus in Schutz zu nehmen, machte seine Bemühungen, so empfand Moritz Schwiegel, umso wünschenswerter und dringender. Mit den Umständen der Internierung in örtliche Irrenhäuser war Schwiegel hinlänglich vertraut, denn seit Jahren hatten die Gerichte Schwiegels großzügiges Angebot die minderbemittelten Patienten die dort interniert gehalten wurden, gebührenfrei, pro bono wie man sagt, zu vertreten. Demzufolge war Schwiegel nicht nur mit den Umständen der Patienten, sondern auch mit dem Pflegepersonal und ihren Gepflogenheiten vertraut geworden. Es war ihm bekannt dass eine Rechnerkartei mit Eintragungen der Personalien aller eingeschriebenen Patienten bestand, nicht nur des einzelnen Krankenhauses, nicht nur der ganzen Stadt, sondern aller privaten sowohl als auch öffentlichen Krankenhäuser des Staates. Selbstverständlich waren diese Listen streng vertraulich, aber da er mit den zuständigen Beamten bekannt und befreundet war, erfuhr Schwiegel keinen Aufschub. Beim Ermitteln der erwünschten Informationen machte man ihm keine Schwierigkeiten. Im Gegenteil, der befreundete Beamte war zuvorkommend in einem Maße, das es überflüssig machte sich überhaupt in ein stadtliches Büreau zu begeben. Telephonisch teilte er Schwiegel das Meldewort und den Schlüssel mit, und kaum eine Minute war verstrichen eh Schwiegel ermittelt hatte dass Frau Richter Adams vor etwa drei Wochen ins Krankenhaus Am großen See mit unbestimmter Verbleibensfrist eingeliefert worden war. Unverzüglich begab er sich dorthin. Unwillkürlich erinnerte Schwiegel jetzt seinen Besuch bei Charlotte in der Altheia vor nur wenigen Wochen. Auch hier, Am großen See, fragte ihn ein Wärter nach dem Namen der erwünschten Person, führte ihn dann in einen geräumigen Saal, wo eine geringe Anzahl Patienten verteilt auf Stühlen, Armsesseln und Sofas saßen, einige in gegenseitiger Unterhaltung, andere mit Blicken an Fernsehschirme geheftet, die meisten aber stumm und ausdruckslos, scheinbar, wenn überhaupt, nur mit sich selber im Gespräch. Der Wärter wandte sich zu Schwiegel um sich des Namens der erwünschten Patientin zu versichern. Dann rief er mit kräftiget Stimme, "Frau Richter Adams". An der entlegenen Wand fuhr eine Frauenhand in die Höhe, ohne dass ihre Besitzerin sich erhob. Schwiegel und der Wärter bahnten sich ihren Weg durch den spärlich besetzten Raum. Als sie zu Frau Richter Adams gelangten, sagte der Wärter zu Schwiegel, "Stellen Sie sich bitte vor." Der hub an, "Ich bin Moritz Schwiegel, ein Anwalt, und bin gekommen mit dem Wunsch und dem Angebot Sie kostenlos zu vertreten." "Ich hab um keinen Anwalt gebeten," sagte Frau Adams. "Weshalb ich hier bin, weißich nicht. Lassen Sie mich bitte in Ruh." Nun aber empfand der Wärter, dass seine wohlbegründeten Bemühungen abgewiesen wurden, und mischte sich in die Unterhaltung, "Gerade deshalb, weil Sie nicht wissen weshalb Sie hier sind, ist es ihnen wünschenswert sich mit diesem Herrn zu besprechen. Kommen sie beide mit, ich zeige ihnen hier in der Nähe das Konferenzzimmer, wo sie zu einem Einverständnis, was immer es sei, kommen mögen." Jetzt erwies sich Frau Richter gefügig, und folgte den beiden Männern in das Konferenzzimmer. Der Wärter emphahl sich und ließ indem er ging, die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Schwiegel ließ seine Blicke erst zu der einen, dann zu der anderen der an entlegenen Seiten des Raums befestigten Überwachungskameras schweifen. Dann deutete er auf sie mit dem Zeigefinger. "Wir sind hier nur scheinbar allein," sagte er. "Vermutlich haben die beiden Kameras die uns beobachten auch Ohren, und jedes Wort das wir austauschen kann überhört und aufgenommen werden." "Das soll mir egal sein," sagte Frau Adams, "denn ich habe ihnen nichts zu sagen." "Wenn ich Sie recht verstand," fuhr Schwiegel fort, "erklärten Sie mir, und dem Wärter eh er sich entfernte, dass Sie nicht wissen weswegen man Sie hier eingeliefert hat. Wissen sie denn von der Art dieses Krankenhauses?" "Nein, auch das weiß ich nicht. Vielleicht würden Sie so gu sein es mir zu erklären." "Frau Adams," begann Schwiegel, "Es ist ein Krankenhaus für geistig verstörte Patienten, es ist eine Irrenanstalt in die man Sie gebracht hat." "Ja, warum den das?" fragte Frau Adams. "Sind Sie je geisteskrank gewesen?" "Nie", "Sind Sie jemals von einem Psychiater, von einem Irrenarzt, untersucht oder behandelt worden?" "Nie." "Ja, dann verstehe ich, dass Sie nicht wissen weswegen Sie hier sind." "Und das wäre? Bitte sagen Sie es mir." "Ihr Ehemann, der Richter Lemuel Adams hat ihre Einlieferung in dieses Krankenhaus veranlasst." "Ach ja," sagte die Frau, "da muss ich meine vorige Antwort berichtigen. Als ich den geheiratet habe, da war ich ganz und gar, da war ich total meschugge." "Möchten, wünschen Sie, dass ich ihre umgehende Entlassung aus diesem Krankenhaus bewerkstellige?" "Wie könnte ich es nicht wünschen?" "Sie sollten wissen, dass Herr Richter sich in ihrer Abwesenheit eine andere Frau in ihr Haus geholt hat." "Das kann ich mir gut vorstellen. Das ist seine Art. Aber ich lasse mich weder ins Bockshorn noch aus meinem Hause jagen. Die Frau die mich ersetzen sollte, die jage ich aus meinem Haus. Dann lasse ich mich von dem Grobian scheiden, und nehme ihm das Haus weg, denn das Haus ist mir sehr teuer und ich bin nicht gesinnt es aufzugeben." "Sie sind sehr mutig, Frau Richter. Ich biete mich an ihnen behilflich zu sein." "Das können vorerst indem Sie ihre Anrede meiner Lage anpassen. Nicht nur ist es vorbei mit dem Frau Richter. Ich bin auch Frau Adams nicht mehr. Der Mädchenname auf den ich zurück falle, ist Anneliese Stark. Als Fräulein - oder wenn Sie wollen, als Frau Stark mögen Sie mit mir verhandeln. Vorerst bitte gehn Sie zur Verwaltung und lassen Sie eine Taxe bestellen um mich und meine Kleidung nach Hause zu fahren. Den Herrn Richter brauchen Sie nicht zu benachrichtigen. Der wird erfahren was vor sich geht, wenn ich in mein Haus trete." Schwiegel folgte den Anweisungen der plötzlich unerwartet starken Frau und ging fort. Nach wenigen Minuten kehrte er zurück. Er hatte sein Amt verrichtet, und berichtete seiner Mandantin, dass sie umgehend aus dem Krankenhaus entlassen, die Taxe aber erst in etwa drei Stunden verfügbar sein würde. Und dann verabschiedete er sich. Schwiegel fuhr unverzüglich zum Döhringhaus in der Linnaeusstraße, denn er beabsichtigte Charlotte so bald wie möglich über die veränderten Umstände in Kenntnis setzen zu sollen. Er wollte Charlotten die Demütigung ersparen, von einer offensichtlich energischen Anneliese Stark von deren Haus das Charlotte nur notgedrungen und vorläufig bewohnte, hinaus geschmissen zu werden. Andererseits meinte Schwiegel einzusehen, dass die feindselige Begegnung der beiden Frauen, Charlottens Stellung dem Richter gegenüber wesentlich stärken würde. Diese Überlegung war es die Schwiegel im Sinne hatte als er vergeblich an die Tür des Döhringhauses klopfte, und auch auf verlängertes Schellen der Glocke in der Eingangshalle die Tür ungeöffnet blieb. Dass Katenus und Elly zuhause waren, dachte Schwiegel war fast selbstverständlich, und sehr vernünftig schien es ihm, dass sie es unterließen die Tür zu öffnen.