Liebe Cristina, Dank für Deinen Brief, mit seinem Glaubensbekenntnis und mit Deiner Theologie, die ich als Weihnachtsgeschenk empfange, ein Geschenk dem nichts als Anerkennung gebührt, und zu dem jeder Kommentar sich als ungehörig erwiese. Meinem Verständnis gemäß ist die mosäische Entdeckung oder Erfindung der inwendigen, namensfreien und namensfeindlichen Gottheit die dialektische Grundlage unsrer geistig-seelischen Kultur. Ich sage dialektisch, weil das Unsagbare am Widerspruch leidet, insofern der Name, die Sprache, Vorbedingung für Mitteilung ist. Sprache und Mitteilung aber sind unabdingbare Eigenschaft der Gesellschaft. Sie sind das Wesen des Zusammenlebens, sei es von zwei Menschen oder von vielen. Ich erkenne die Mitteilung oder die Mitteilbarheit als Merkmal der Objektivität. Ich erkenne die Unmitteilbarkeit oder die Unsagbarkeit als Merkmal der Subjektivität. So hat denn auch mit dem Erlass der Zehn Gebote die unnennbare Gottheit ihre Anonymität umgehend widerrufen, es sei denn man stelle sich vor, dass sie - die Gottheit - um ihre Anonymität zu bewahren, sich geweigert habe, die erlassenen und in steinerne Tafeln gravierten Gebote mit ihrem Namen zu unterschreiben. Unsere Religionsgeschichte deute ich als Dialektik, als Hin und Her, als geistig-seelisches Pingpongspiel, zwischen, einerseits, der inwendigen, namenlosen subjektiven Gottheit, wie Du sie mit der Dir unveräußerlichen Leidenschaft beschreibst, wie sie sich auf Golgatha ein und für alle Mal offenbarte und verhüllte, und andereseits, der äußerlichen ausgesprochenen und bezifferten Gottheit, wie sie sich in der Krippe in Bethlehem zur Schau stellte, um im Nizäischen Glaubensbekenntnis, in den wunderbar aufwendigen Kirchenbauten der Romanik und Gothik, der Renaissance und des Barock, um ausdrücklich in der Dogmatik des Thomas von Aquino und in der Kirchenmusik des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts, und inbegriffen in der Klassischen und Romantischen Musik des neunzehnten Jahrhunderts zu widerhallen. Auch in der Philosophie meine ich die Züge dieser Dialektik von Subjektivität und Objektivität nachziehen zu können. Als solche deute ich den Umschwung der protestantischen Reformation von der Rechtfertigung durch die äußerlichen "guten Werke", „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele sua dem Fegefeuer in den Himmel springt!“ zum Seligwerden durch den rein innerlichen, allein seligmachenden Glauben. Dieser Umlegung der Seligkeit von Außen nach Innen, entspricht eine notwendige Umlegung des Ortes der geistigen, intellektuellen, wissenschaftlichen Wirklichkeit, eine Aufgabe an welche die Akademiker seit fünfhundert Jahren würgen, und die sie, so weit ich zu verstehen vermag, bis heute noch nicht enträtselt haben. So jedenfalls deute ich Kants Behauptung mit seiner Kritik der reinen Vernunft eine "Kopernikanische Wendung" des menschlichen Denkens bewirkt zu haben indem er behauptet in den düsteren labyrinthischen Verhaltensweisen von Vernunft, Verstand, Anschauung, Empfindung, Sinnlichkeit und etlicher anderen von ihm entdeckten oder erfundenen geistigen Fakultäten, die Beheimatung von Wahrheit und Wirklichkeit gefunden zu haben. Bis jetzt aber ist, mir jedenfalls, die Ariadne mit dem Faden zu dem Ausweg aus dem Kantschen Labyrinth noch nicht erschienen. Wenn nun mein wegen seiner Ungewöhnlichkiten verfolgter Romanheld Maximilian Katenus in seiner Verzweiflung erklärt "Gott wird uns retten." so hat er selbst, bei all seinem Interesse an der Philosophie, noch nicht bestimmt was er meint. Was ich ihm noch beizubringen habe, ist, dass "Gott" das geistig-seelische Gebiet - wie ausgedehnt oder beschränkt auch immer, vielleicht nicht größer als ein verschwindender Punkt, - bezeichnet, wo Subjektivität und Objektivität sich schneiden, will sagen wo die seelischen Erlebnisse verschiedener Menschen zusammentreffen und objektiv werden, wie zum Beispiel, in der Musik. Aus dem ethischen und ästhetischen "Gotteserlebnis", und nur aus ihm, fließt das gesellschaftlich Gute und Schöne, - wenn es so etwas überhaupt gibt. Dir und Deinen Eltern wünsche ich ein gesundes und zufriedenes Neues Jahr. Dein Jochen