Die Beziehungen der Bewohner des Döhringhauses, vielleicht sollte ich sie als eine Familie bezeichnen, waren durch Charlottens Bekenntisse die sie Joachim ursprünglich in jener traumdurchtränkten Nacht gebeichtet hatte, in mehr sachliche und nüchterne Geleise eingelenkt. Besonders Katenus und Elly waren erleichtert, und ihre Pläne waren gewissermaßen geregelt, insofern als sie, da ihr örtliches Befinden den Behörden sowieso bekannt war, die umständlichen Vorsichtsmaßnahmen derer sie sich bedient hatten um ihren Aufenthaltsorts geheim zu halten, nunmehr überflüssig waren, und sie sich nun in der Öffentlichkeit unbehindert zeigen lassen konnten. Vorläufig jedenfalls waren sie befreit. Sie waren sich durchaus bewusst was, und wieviel, sie Charlotte verdankten, dieser Frau die Katenus vorausahnend schon als eine Heilige bezeichnet hatte. Obgleich alle in das große Geheimnis eingeweihten sich weiterer Ausprachen darüber enthielten, wirkte das große gemeinsam gepflegte Bewusstsein als ein Zement, als ein Band das die Familienmitglieder mit einander verknüpfte. Die einzelnen Familienmitglieder waren es zufrieden, erstaunlicher, überraschenderweise auch Charlotte die das große Opfer zu bringen schien, das dennoch kein so großes Opfer war, weil einerseits der Umgang des Richters Adams mit ihr sie weniger quälte und demütigte, als sie um die Probität zu bewahren, vorgeben musste. Wichtiger noch, so paradox und widersprüchlich es erscheinen mochte, befestigte die Zwitterhaftigkeit ihrer geschlechtlichen Beziehungen zu zwei aus verschiedenen Gründen bedeutenden Männern in ihrem Leben, das Verhältnis zu Joachim das ihr so teuer war. Die Qual welche sie bei ihrem ersten nächtlichen Bericht so beredtsam im Ausdruck überflutet hatte, war fast bis zur Unkenntlichkeit geebbt. Moritz Schwiegel der Katenus und Elly seine beruflichen Dienste in so großzügiger Weise angeboten hatte, und der sich als ein zurückgewiesener Verehrer Charlotte Graupens empfand, hielt sich abseits, zurückgezogen, denn er wollte sich nicht aufdrängen, weder seinen Flüchtlingsmandanten noch der geliebten Frau. Auch Jonathan Mengs, seinem Studienfreund und Komilitonen aus Universitätszeiten den er sehr schätzte, den er bewunderte und den er heimlich wegen seiner akademischen Ehren ein wenig beneidete, wollte er sich nicht aufdrängen. Von Tag zu Tag wartete er auf eine Einladung in die Linnaeusstraße, und als dies nicht erfolgte, erkannte Moritz Schwiegel dass er sich mit der Einsicht abfinden musste, dass man ihn nicht benötigte, vielleicht sogar, dass man ihn als störend empfand. Aus Gefühlen über die er nicht weiter nachgrübelte, zog es ihn zurück zu dem kleinen runden Tisch unter der Linde vor der Gaststätte Zum Krug am grünen Kranze an der Landesallee, dem Universitätshof gegenüber, eben jener Ort wo er nun schon mehrere Mal von Jonathan Mengs angetroffen worden war, Gelegenheiten an denen er jetzt zu erkennen meinte, dass sie sich als Wendepunkte in dem Verlauf seines Lebens erwiesen hätten. Weshalb es ihn dorthin zog, war eine Frage die er sich nie gestellt hatte, wäre sie aber von einem anderen aufgeworfen worden, so hätte Schwiegel freimütig bekannt, es möchte einem unausgesprochenen Wunsch zufolge sein, dort die alte Begegnung mit Jonathan Mengs ein weiteres Mal zu wiederholen, vielleicht auch mit Joachim Magus, den er beim letzten Mal dort getroffen hatte, denn dass Charlotte Graupe selbst ihm dort erscheinen möchte, war zu unwahrscheinlich um der Erwägung wert zu sein. Eine solche Gunst des Schicksals wagte er nicht sich vorzustellen. Was aber seine verfolgten Flüchtlingsmandanten, Maximilian Katenus und Elly anbelangte, so war es ihm peinlich, dass er sich so sehr um sie sorgte, und dass er dennoch so sehr wenig von ihnen und von dem was sie bedrohte, wusste. Fast fürchtete er, dass er den beiden seine Dienste unter unerwünschten und vielleicht berufswidrigen Umständen aufgedrängt hatte. Schließlich wurde der Besuch an dem kleinen runden Tisch vorm Grünen Kranze ihm zur Gewohnheit. Die Kellnerin die ihn wiedererkannte, hatte sich längst an die Geringfügigkeit seiner Bestellungen gewohnt, und brachte ihm seine Tasse schwarzen Kaffee auch ohne seine Anweisungen, vergütet, nebst den Kosten und dem Trinkgeld mit dem unschuldigen, anspruchslosen Wohlwollen des Kunden das die Spärlichkeit seiner Geldausgaben aufwog. An wie vielen Tagen Moritz Schwiegel dort Jonathan Mengs vergebens erwartete hatte, hätte er nicht zu sagen vermocht, denn es war sein Grundsatz die Tage des Lebens nicht zu zählen. Eines sonnigen Mittags mitte Mai, jedoch, war der Vergeblichkeit des Wartens eine Ende, denn ohne dass Schwiegel sein Kommen bemerkt, hatte Jonathan sich zu ihm gesetzt. "Moritz," sagte Jonathan, "wir haben dich vermisst. Wo bist du denn so lange geblieben?" "Ach," antwortete Schwiegel, "ich wollte euch nicht stören, weder dich noch deine Flüchtlingsfreunde, vor allem aber nicht meine geliebte Charlotte, von der wir wissen, dass sie in deinen Joachim vernarrt ist, nicht in mich." "Ja, deine verehrte Charlotte, sie ist eine bemerkenswerte Frau, sagte Mengs, "Wäre Katenus der Papst, hätte er sie heilig gesprochen." "Um die Heiligkeit des Menschen zu erkennen," erwidert Schwiegel, "ist es nicht erforderlich Papst zu sein." "Was in der Aletheia getrieben wird," fuhr Mengs fort, "das weißt du ja besser als ich. Und Charlotte macht es mit, und behauptet es mitmachen zu müssen aus Gründen die auch dich als unser Anwalt etwas angehen, ich sollte meinen, sehr viel angehen." "Bitte, erzähl, lass mich nicht warten," stieß Schwiegel dringlich hervor. "Anfangs," begann Mengs, "wenn ich richtig informiert bin, hatte Charlotte die Dummheit begangen $400 Dollar die sie in mir unverständlicher Weise ohne Abrechnung, und ohne Quittung dafür zu erhalten, in was sie als eine kristallne Opferschale bezeichnete abgelegt hatte. Als sie's sich dann anders überlegte, und entschied sich nicht mit der Aletheia einzulassen, entnahm sie einer beliebigen Schublade, zwanzig Zwanzigdollarscheine die sie meinte als die von ihr geopferten zu erkennen, Bei dieser Rücknahme einer Summe von welche Charlotte meinte dass sie ihr gehörte, hatt man sie ertappt, hat sie des Diebstahls bezichtigt, um dann mit der Drohung anderweitiger straflicher Verfolgung von ihr Prostitution zu erpressen. Es war eine Zwangslage in die sich Charlotte als unlösbar verstrickt betrachtete." "Ach," klagte Schwiegel, "hätte sie mir das nur erzählt, ich hätte ihr zu helfen gewusst." "Nun hat sich Charlottens Situation drastisch verändert," fuhr Mengs fort, "denn einer ihrer Sinnlichkeitslehrer hat sich in sie verliebt." "Und der neue Liebhaber wäre?" "Der Richter Adams." "Er ist mir wohl bekannt," sagte Schwiegel. "Charlotte berichtet, Adams habe seine Frau in die Irrenanstalt gesperrt, um Charlotte als ihren Ersatz sozusagen, in ihrem Heim zu feiern." "Das sieht ihm ähnlich, genau das hätte ich von Adams erwartet." "Aber nun ein neuer und für uns sehr wesentlicher Fazit dieser Angelegenheit ist, dass Adams Charlotte im Bett flüsternd mitgeteilt hat, dass Katenus und Ellys Anwesenheit in der Linnaeusstraße den Behörden bekannt ist, und dass er, Adams, deren Inhaftierung so lange aufzuschieben bereit ist, wie Charlotte ihm willfährig bleibt. Was sagst du dazu?" "Die Angelegenheit wird zunehmend bunter," sagte Schwiegel, und Mengs fuhr fort: "Charlotte fühlt sich zu dem Verhältnis zu Adams erpressed, bis zu dem Augenblick an dem Frau Adams zurückkehrt. Dann ist Charlotte frei, aber zugleich verlustig ihres Einflusses auf Adams, die Gefangennahme von Katenus und Elly, und vielleicht auch Joachim und meiner selbst zu unterbinden." "Und da siehst du keinen Ausweg?" fragte Moritz. "Doch, ich hab zu Charlotte gesagt: 'Du verfügst nunmehr über ein Geheimnis das dem Richter Adams sehr gefährlich ist. Du musst ihn es unmissverständlich wissen lassen, dass wenn den Katenusens oder einen von uns anderen Dreien auch nur das unscheinbarste Haar von den Behörden gekrümmt würde, er, der RichterAdams, über die Umstände der Vergewaltigungen die er wochen-, nein monatelang an dir verbrochen hat, unter einer eklatanten Schlagzeile auf der Vorderseite der Tageszeitung würde nachlesen können. Er wird ohne weitere Drohungen verstehen, dass damit nicht nur sein Amt, sondern wichtiger noch, seine bürgerliche Existenz zerstört wäre.'" Daraufhin sagte Schwiegel, "Wo hast du das eigentlich gelernt. Genau was du vorschreibst ist der praktische, wirksame Weg. Zugleich aber musst du gewahr sein, dass was du Charlotte vorschlägst auch Erpressung ist, und als solche strafbar." "Was soll ich tun?" fragte Mengs. "Wie soll ich vorgehen?" "Genau wie du vorgeschlagen hast. Ich weiß nicht was geschehen würde, wenn es so weit käme, und Charlotte Richter Adams öffentlich bezichtigte, ob man ihr glauben würde, oder fortfahren sich von dem idealisierenden Nebel der die Gerichte und die Richter mit den Wolken der Gerechtigkeit umhüllt, täuschen zu lassen. Aber ich bezweifle, dass es so weit kommen wird. Denn die Richter sind schlau. Adams weiß was er verbrochen hat, und was für eine Katastrophe Charlottens Aussage über ihn auszulösen vermöchte." "Aber wie lange, Moritz, soll denn dies alles so weiter fortgehen. Ich sehe kein Ende." "Das Ende ist verschieden für einen jeden von uns," antwortete Schwiegel. "Denn das Ende ist der Tod, und ein jeder hat seinen eigenen Tod und bewältigt ihn in eigener Weise. So lange wir leben ist ein jeder von uns den Launen, oder soll ich sagen den Unbestimmtheiten des Schicksals ausgesetzt. Ich aber," setzte Schwiegel fort," werde mich anmaßen eine kleine Runde Schicksal zu spielen, indem ich in Erfahrung bringe in welche Irrenanstalt Adams sein Frau eingesperrt hat. Im Laufe meiner Tätigkeit, sind mir das Pflegepersonal, die Ärzte und die Schwestern bekannt und zuweilen auch vertraut geworden. Auf meinen Wink Frau Adams umgehend zu entlassen werden sie willig eingehen. Du verstehst mich, Jonathan. Mein Zweck ist Charlotte so bald wie irgend möglich von der Last die ihr auferlegt ist zu befreien. Ich spüre dass du zweifelst, ob es recht ist den Richter mit Drohungen zu zwingen die Verfolgungen von Katenus und Elly, ja von uns allen zu unterbinden, wo doch jedes Drohen widerrechtlich ist. Erlaube mir dich an des Selbstmachers bedeutenden Beitrag zur Begriffsbestimmung der Gerechtigkeit zu erinnern. Das Geschenk das Selbstmacher uns beschert hat ist er Beweis dass es jedenfalls in diesem am meisten selbstgerechten Staates, kein Recht gibt, und dass alles was sich als Recht brüstet, Unrecht, Unwahrheit, Lüge ist; und unsre Aufgabe, wenn wir hier gedeihen, oder überhaupt nur überleben wollen ist uns in diese Beamtenwelt der Verlogenheit einzufügen und einzugliedern; und das ist es, wenn Charlotte ihrem Peiniger, dem Richter Adams mit der Enthüllung seiner Verbrechen droht, wenn er es unterlässt Katenus und Elly, Joachim und dich, Charlotte, und ja, auch mich, vor den zerstörerischen Schikanen der Beamtenschaft zu schützen.