Als, nach beendeter Unterhaltung mit Jonathan, Joachim sich die breiten Stufen in die zweite Etage hinauf wandte, da bestand für ihn kein Zweifel, dass er, anstatt in sein eigenes Zimmer, zu Charlotte gehen würde. Ohne anzuklopfen öffnete er die Tür. Das Zimmer war dunkel. Im Dämmerlicht das von dem matt erleuchteten Flur über seine Schulter kam, sah Joachim dass Charlotte schon zu Bett gegangen war. Mit gedämpfter Stimme redete er sie an, bekam jedoch keine Antwort. Scheinbar war sie eingeschlafen. Er zog seine Schuhe aus und hängte seinen Rock über die Lehne des Stuhls, schloss die Tür und legte sich neben sie. Wie lange er wach gelegen haben mochte eh er eingeschlafen war, konnte er am Morgen nicht mehr bestimmen. Auch hätte er nicht zu entscheiden vermocht ob es in seinem Wachen oder in seinem Traum gewesen war, dass er Charlottens Stimme gehört hatte und ob es in Charlottens Wachen oder in Charlottens Traum war, dass sie ihm die Erlebnisse war es ihrer jüngsten Entführung oder ihrer jüngsten Flucht gebeichtet hatte. "Ich möchte dir alles erzählen," hatte Charlotte gesagt, und war fortgefahren, "Der Richter Adam, weißt du, der als ein Sinnlichkeitslehrer in der Aletheia wirkt, hat sich im Verlauf der Übungen die uns vorgeschrieben waren, so völlig in mich vernarrt, dass ich mich habe überreden lassen nach dem Abschluss unserer letzten gemeinsamen Übungsstunde zusammen, von ihm in seinem neuen eleganten Auto in seine prächtige Vorortsvilla mitgenommen zu werden. "Ich halte es für möglich dass du mir meine Untreue niemals vergibst, aber ich glaube es ist nicht nur meine, es ist auch deine Schuld, weil ich so wahnsinnig in dich verliebt bin, und weil ich dich und deine Hilfe so dringend nötig hatte, und weil ich dir so lästig bin, dass du meine Liebe nicht anzunehmen vermagst, dass du meintest mich und meine Liebe verstoßen zu müssen. Ihr Männer seid alle Narzissten. Ein jeder von euch meint er wär unvergleichbar, er wär der Einzige. Aber von dem was eine Frau bei euren Zudringlichkeiten erlebt, vermögt ihr euch auch nicht die geringste Vorstellung zu machen. Abwesend die Vorstellung der Liebe wäre ihr die Verbindung unerträglich. Und wo es ihr an Gelegenheit fehlt, die Beziehung, die Verbindung einzuleiten, ist es unvermeidlich, dass ihr der Gegenstand ihrer Liebe unbestimmt bleibt. Das ist es, was ich in der Aletheia erlebt und erlitten habe, und erleben und erleiden werden bis zum Augenblick der Befreiung. Wann wird er kommen? Wann kommt der Tag? Der Augenblick der Befreiung aber wird nie kommen. Bis dann werde ich mir vorstellen dass jeder Mann der sich neben mich legt, dass jeder Mann der sich auf mich legt Joachim ist. Wo bist du Joachim? Warum lässt du mich so lange warten? Bei diesen Worten brach Charlotte in Tränen aus. Ob sie schlief und träumend, oder ob sie im Wachen weinte, konnte Joachim nicht bestimmen. Er fragte sich, und hätte nicht einmal zu sagen gewusst, ob er selbst dieses mitternächtliche Erleben im Wachen erfuhr, oder im Traum. Hatte Joachim all dieses im Wachen gehört, so schlief er jetzt ein. Träumte Joachim all dies, so verfiel er jetzt in einen tieferen Schlaf. Als er schließlich am Morgen erwachte, standen zwei Stühle neben seinem Bett. Auf dem einen Stuhl saß Charlotte. Auf den anderen hatte sie frische saubere Kleidung für ihn gelegt. Er blickte sie an. Sie weinte nicht, aber ihr Gesicht war sehr traurig. "Das war aber lieb von dir, dass du dich mit mir in mein Bett gelegt hast," sagte sie. "So hab ich mir's schon lange gewünscht. Kommst du heute Abend wieder?" "Ja, das glaube ich ist unvermeidlich," sagte er. Sie sagte, "Du redest ja so als ob du es vermeiden möchtest, als ob es in deiner Absicht läge, es nach Möglichkeit zu vermeiden." "Ach, Charlotte, rede doch nicht so." "Das sagst du nur weil es die Wahrheit ist, und weil du die Wahrheit nicht hören willst." "Ja, was ist, was wäre denn die Wahrheit?" fragte Joachim. "Ach das weißt du genau so gut wie ich," antwortete Charlotte, und indem du versuchst mich zu zwingen es auszusprechen, beabsichtigst du mich zu demütigen." "Vielleicht hast du recht," sagte Joachim, ich weiß nicht, ob du im Recht bist, aber du hast mir, als wir zusammen im Bett lagen sehr viel erzählt. Ich bin nicht sicher ob ich es richtig erinnere, denn ich kann jetzt nicht entscheiden, ob ich wach war, oder ob ich träumte dich sprechen zu hören." "Und welchen Unterschied würde das gemacht haben?" fragte Charlotte. Ohne ihre Frage zu beantworten, fuhr Joachim fort. "Auch bin ich nicht sicher ob du wachend oder träumend mit mir redetest." "Und welchen Unterschied würde das machen?" "Ich weiß es nicht, Charlotte," sagte Joachim aber ich finde es wünschenswert, nein, ich finde es notwendig, dringend notwendig, dass wir uns gegenseitig im Wachen aussprechen, dass wir uns mitteilen was wir erlebt haben und was wir erleben, denn dadurch, und nur dadurch, wird eine Gemeinsamkeit zwischen uns möglich." "Ach, Joachim," sagte Charlotte, "Du versprichst dir soviel von der Sprache, vom Reden und Schreiben. Das ist wohl ist das Ergebnis von deinem Beruf." "Und du nicht?" "Du, du stellst dir vor, dass alles ausgesprochen zu werden vermag, dass sich alles aussprechen lässt, und dass es dadurch dass es ausgesprochen wird verschwindet" "Nein, verschwindet wohl nicht, aber dass es zwischen uns geteilt wird, und somit als geteilt, leichter zu ertragen wäre." "Manchmal scheint mir," sagte Charlotte, "ist es leichter zu vergessen wenn es nicht mitgeteilt wird, nicht ausgesprochen, und gewisslich nicht niedergeschrieben. Meine Vergangenheit überzeugt mich, dass die Genesung von der Krankheit als dem körperlich Bösen, und von der Schande als dem seelischen Bösen, nur vom Vergessen zu erhoffen ist. In so fern ist eure Literatur, wie ihr sie nennt, etwas sehr Bedrohliches und Zerstörerisches, weil es das Vergessen, das Genesen, das Wiedergesundwerden, unmöglich macht, und noch dazu absichtlich. Die Literatur feiert die Krankheit zum Tode als ihren größten Erfolg." "Was du soeben sagst, Charlotte, ist Weisheit die bezeugt, wie sehr du gelitten hast." "Manches aber," fuhr Charlotte fort, "muss trotzdem mitgeteilt werden, muss ich dir mitteilen, um größeres Unheil zu verhüten. Unsere Freunde, Maximilian Katenus und seine Elly, sind entdeckt. Nein, Joachim, sei nicht besorgt, ich habe sie nicht verraten. Es sind die Behörden. Wir können uns nicht ausmalen, wie vielfältig die Weisen, in denen man uns überwacht und ausspioniert." "Das hab ich seit Monaten, eigentlich schon seit Jahren vermutet." "Den Laternenpfählen, den Straßenschildern, sind winzige photographische Apparate zugefügt, mittels derer die Gesichter der Fußgänger sichtbar werden. Und einfacher noch, durch die Satellitentechnik vermögen die drahlosen Telephone den Ort wo sich der Träger befindet, mit einer Genauigkeit bis auf zwei oder drei Meter bestimmen. Demzufolge sind die Behörden längst mit dem Aufenthaltsort der Katenus vertraut. Mit ihrer Verhaftung zögert man während Klagen gegen sie entdeckt oder wenn nötig erfunden werden." "Ich glaube es dir, ich glaube dir alles," sagte Joachim, "aber woher, wie bist du zu diesem Wissen gekommen." "Es ist Bettgeflüster, Joachim, womit der Richter Adam mich zwingt, ihm willfährig zu sein, und willfährig zu bleiben." Charlotte fing aufs Neue an zu schluchzen. "Du armes, du gutes Kind," sagte Joachim. "Als Katenus in dir eine Heilige entdeckte, hatte er Recht." "Joachim," durchbrach Charlotte ihr Schluchzen, "was soll aus mir werden, was soll aus uns werden? Nicht nur Katenus und Elly sind in Gefahr, sondern auch Jonathan und du, Joachim, weil ihr die beiden Flüchtlinge schützt und verbergt. Wenn ich dem Richter Adam willfährig sein muss um Katenus zu schützen, dann tröste ich mich mit dem Gedanken dass ich dies auch und besonders deinetwillen tue, vorerst weil Katenus dein Freund ist, aber weit wichtiger, weil du in Gefahr bist Katenusens Schicksal mit ihm zu teilen. Was soll nur aus mir werden?" XXXXXXXXXXXXXX Später sagte Joachim zu Charlotte: "Ich habe mit Jonathan gesprochen. Das nimm mir bitte nicht übel. Ich weiß dass du ihn nicht besonders magst, dass er dir nicht übermäßig sympathisch ist. Aber dass diese ganze Situation auch Jonathan belastet, das wirst du mir zugeben, denn nicht nur sind die Katenus seine Freunde, auch ich bin sein Freund in besonderer Weise, und wie du einsiehst, Jonathan selbst ist durch die Tatsache dass er die Katenus in seinem Hause verborgen hat, bedroht und gefährdet." "Und was hat Jonathan dazu gesagt?" fragte Charlotte. Ich hab ihm die ganze Geschichte erzählt, und besonders als ich berichtete dass Richter Adam seine Frau nachdem er sie zur Verzweiflung getrieben hatte, in die Irrenanstalt hat überweisen lassen um sich ein freies Gelände für ein Verhältnis mit dir zu schaffen, hat Jonathan aufgehorcht." "Und was hat Jonathan gesagt." "Jonathan ist ein sehr kluger und verständiger Mensch. Er hat gesagt was wir lernen müssen ist geduldig zu sein. Der Verlauf der Zeit bringt viele Schwierigkeiten, aber manchem schwer Verwickelten schafft er Gelegenheit das es sich selber löst. Im gegebenen Falle ist es nicht nur möglich, es ist wahrscheinlich, dass Frau Richter Adam binnen weniger Wochen, wenn nicht gar Tage aus der Irrenanstalt entlassen wird, nach Hause zurückkehrt und dass ihre Rückkehr dich dann befreit." "Das will ich sehr hoffen," sagte Charlotte, "aber dann ist mit meiner Willfährigkeit auch der Stachel der Katenus und uns beschützte genommen." "Das hat auch Jonathan eingesehen, aber zugleich hat er bemerkt, dass du den Richter Adam betreffend über ein ihm sehr gefährliches Geheimnis verfügst. Du musst ihn es unmissverständlich wissen lassen, dass wenn den Katenusens oder einen von und anderen Dreien auch nur das unscheinbarste Haar gekrümmt würde, er über die Umstände der Vergewaltigung die er wochen, nein monatelang an dir verbrochen hat, unter einer eklatanten Schlagzeile auf der Vorderseite der Tageszeitung nachlesen könnte. Und damit wäre nicht nur sein Amt, wichtiger noch, seine bürgerliche Existenz zerstört. "Ach, Joachim," sagte Charlotte, in dem sich ihr Schluchzen wie von großer Magie in ein sanftes Gelächter verwandelte, "ich bin ja so dankbar für Jonathans Einsicht. Nie hätte ich mir vorstellen können Jonathan dermaßen dankbar zu sein.