Liebe Gertraud, lieber Bernd, Es ist zehn Minuten vor Mitternacht, und ich bezweifle ob mein Kopf zureichend Vernünftiges, - oder Unvernünftiges enthält - diesen Brief mit auch nur scheinbar sinnvollem Inhalt zu versehen. Will's aber versuchen. Es ist Winter geworden. Die verstrichenen drei Tage waren so kalt, dass ich im das Einfrieren der Wasserversorgung zu verhindern, zum ersten Mal die Ölheizung angeschaltet habe, so dass die Zimmertemperatur wo ich schreibe zwischen 5 und 10 Grad Celsius schwankt. Wenn ich mich recht besinne, war es am vergangenen Sonntag, dass ich mit dem Redigieren des 8. Bandes meiner Romanserie auf Seite 225 zu einem vorläufigen Beschluss kam. Seitdem versuche ich meine Geschichte fortzusetzen, aber nichts als Stotterschreiben gelingt mir, ich glaube, weil was ich mir ausgedacht habe, so entsetzlich, so traurig, so tragisch ist, dass meine Vorstellungen mir Angst einjagen. Ich würde mich zwingen die Zähne zusammenzubeißen, das Buch beenden, und mich von Shakespeare trösten zu lassen: The weight of this sad time we must obey, Speak what we feel, not what we ought to say. The oldest have borne most; we that are young Shall never see so much, nor live so long. King Lear Das aber ist unmöglich. Wie kann ich Zähne zusammenbeißen, die ich nicht habe, weil ich schließlich zahnlos bin. Es muss also anders gehen. Während ich warte bis der Vorrat an Mut sich auf gehörigen Pegel gesammelt hat, unterhält und beschäftigt mich ein guter alter Bekannter der von schwerer wiederkehrender manisch-depressiver Geisteskrankheit befallen ist, ein hoch intelligenter 44 Jahre alter Physiker und Mathematiker mit dem ich mich stundenlang telephonisch unterhalte. Er hat mit unablässigen Behauptungen seine Krankheitserlebnisse durch die mathematisch-physikalischen Theorien der klassischen Hamiltonschen Mechanik zu erklären, seine Psychiaterin an die Schwelle ihres eigenen Wahnsinns getrieben, bis sie dem freundlichen, friedfertigen Verrückten drohte die Polizei zu bestellen ... Mich hingegen bezaubern die Einbeziehungen der Mathematik in den Wahnsinn, und des Wahnsinns in die Mathematik als Überbrückung der scheinbaren Kluft zwischen Geistes- und Naturwissenschaft, wobei ich bezweifle dass ich für die Gelegenheit dies Grenzgebiet zu erforschen, lange genug leben werde. Nebenbei bemerkt: Mein letzter Brief an Euch wurde von web.de - oder wie immer die dummen Leute heißen, - 48 Stunden lang gesperrt. Ich musste vier Versuche machen, eh mein Schreiben an Euch ausgeliefert wurde. Inzwischen ist es Ein Uhr sieben, am Vorweihnachtstag, höchste Zeit Euch Gute Nacht zu wünschen, angemessen fröhliche Weihnachten, und ein gesundes, zufriedenstellendes Neues Jahr. Euer Jochen