am 19. Dezember 2020 Lieber Jochen, mit Freuden lese ich, dass Du "mit unbedächtiger und ungezügelter Begeisterung" wieder zu schreiben beginnst. Wie schön, dass es etwas gibt, das Dich so begeistert und dem Du Dich den ganzen Tag und/oder die ganze Nacht mit Hingabe widmen kannst. Ich besuche oft eine 94 Jahre alte Freundin, die sich seit längerem für nichts mehr interessiert und nur noch wartet, dass sie endlich stirbt. Das ist ein trauriger Zustand. Ich kann ihr auch nicht im geringsten helfen. Sie war Bibliothekarin und hat sehr viel gelesen. Deinen Bericht über Cassirer hatte ich nicht als Aufforderung, ihn zu lesen, aufgefasst, sondern eher als Anregung, auch ein wenig als Belehrung, Erweiterung meines kümmerlichen Wissens. Weiter bin ich damit aber bisher nicht gediehen. Stattdessen lese ich abends im Bett bei Kräutertee einen der Romane von John Grisham, den Du vermutlich nicht kennst, der Jurist ist, sehr im Umweltschutz engagiert, ein guter Schriftsteller, der in seinen Büchern - dicken - viel über Geschichte und Gegenwart der USA verarbeitet. In diesem "The Reckoning" ("Das Bekenntnis") schreibt er sehr detailliert über die Auseinandersetzung USA-Japan im Pazifik, das Meiste davon habe ich überschlagen, weil es mir zu fürchterlich ist. Und kain Trost, es sei ja nur erfunden. Ist es nicht, wie man aus anderen Quellen weiß. All diese Bilder, die Du aus der eigenen Familie und aus Lauras aufbewahrst: Guckst Du Dir die ab und zu an, beschäftigst Du Dich mit ihnen? Ich nehme die meisten unserer Bilder, die aus sehr unterschiedlichen Quellen stammen, meist sehr bewusst wahr und freue mich, dass sie mich umgeben. In früheren Jahren haben wir uns auch immer mal unserer vielen Keramik zugewandt, haben etwa alle henkellosen Krüge auf dem Boden aufgestellt und einen Abend mit ihrer Betrachtung verbracht, uns über die Wirkung der unterschiedlichen Formen unterhalten, und ein andermal waren die Henkelkrüge dran, oder Schalen... Mit Bildern kann man ähnlich verfahren, vom Mount Snowdon in Nord-Wales über die Straute-Lanschaft im Liebenburger Wald bis zu den abstrakten Bildern unseres Erfurter Freundes und Males, Künstlers, der in den siebziger Jahren mit seiner Frau eine Ausreiseerlaubnis für eine Ägyptenreise erhielt, obwohl noch kein Kind da war, und Beide kamen zur unendlichen Fassungslosigkeit ihrer Freunde zurück. All diese Gespräche sind natürlich möglich, weil wir zu zweit sind und uns gemeinsam erinnrn können. Ich meine, ich kann mir vielleicht ein bischen vorstellen, dass Du in der Welt Deiner eigenen Bücher wie in einer realen Welt lebst. Und Du willst sie untergehen lassen? Vielleicht schafft es die Menschheit ja sowieso, die Erde, so wie wir sie kennen, auszulöschen. Mir tun dabei vor allem die Tiere leid, die keine Schul tragen an der Verwüstung, welche die Menschheit ununterbrochen betreibt. Da helfen auf Dauer auch unere Spenden an wohlmeinende und tatkräftige Vereinigungen nicht. Corona ist natürlich das Hauptthema überall, die Infektionszahlen steigen immer noch, Zeitungen und fernsehen sind voller neuester Nachrichten. Wir halten Distanz im privaten Leben, kaufen durchaus ein, was nötig ist, beachten die Hauptregeln, vermissen aber schon die kleinen Besuche hier und da, die kleinen Bummel in etwas größeren Orten als Kierspe, würden grn mal wieder in ein Museum gehen, ins Theater, in ein Konzert, deren es auch in Kierspe und in Nachbarorten zu normalen Zeiten etliche gibt, aber es ist ja alles geschlossen, also machen wir kleine Wanderungen durch unsere stark veränderten Wälder, versuchen die Orientierung zu behalten, denn durch die vielen neuen Freiflächen sieht vieles sehr fremd aus. Ich lausche Hörbüchern, stricke dabei, seit einiger zeit Schals für freunde, denn die Betreiberin meines sehr geschätzten Woll-Laden war ziemlich verzweifelt üüber die gewaltigen Umsatzrückgänge, und also habe ich einen ganzen großen Karton Wolle gekauft, nachdem ich mir erfolgreich vorgestallt hatte, wen ich wohl mit fertigen Produkten beglücken könnte. Drei sind schon in den Genuss gekommen, und ich werkele weiter sehr emsig, komme mir ein bisschen vor wie die Müllertochter im Märchen "Rapunzel", die eine ganze Kammer allerdings voll Stroh, in einer Nacht verspinnen muss, allerdings zu Gold. Einen hübschen, 140 cm hohen Weihnachtsbaum haben wir kürzlich gekauft, gleich um die Ecke, eine widerstandsfähige Nordmanntanne, die an ihren Nadeln immer so hartnäckig festhält, dass wir sie bis Mitte Januar im vollen Schmuck stehen lassen und sie dann mit ausdrücklichem Bedauern ihrer Dekoration berauben. Im Garten haben wir für die Zweige immer noch Verwendung. Wir wünschen Dir Gesundheit, Schreibfreudigkeit und Zufriedenheit mit den Ergebnissen Deiner Aktivität! Sei vielmals herzlichst gegrüßt von Deinen Gertraud und Bernd.