"Lieber Herr Schwiegel," sagte Elly, "eines ist mir unverständlich." "Und was wäre das?" fragte Schwiegel. "Es ist anmaßend und vielleicht herablassend und beleidigend, dass ich es überhaupt ausspreche, dass Sie mich als ein ehrlicher, aufrichtiger, wahrhaftiger, rechtschaffener Mensch anmuten, wobei es mir unmöglich ist mir vorzustellen und auszumalen, wie solche persönlichen Eigenschaften mit den Pflichten und unvermeidlichen Handlungsweisen eines Rechtsanwalts vereinbar sind." "Das haben Sie sehr treffend ausgedrückt," sagte Schwiegel. "Ich habe selbst so oft und so ausgiebig darüber nachgedacht, dass ich mich fragen muss ob ich mich täusche, dass ich aus der Not eine Tugend mache, oder jedenfalls diese Not als Ausgangspunkt für eine Erweiterung, für ein Vertiefen meines Verstehens (ausnütze,) brauche oder missbrauche. Eh ich mich zum Urteilen oder Verurteilen hinreißen lasse, bedenke ich die Vieldeutigkeit der Sprache, und demgemäß die Zulässigkeit in die Sprache von Vielem das unbestimmt, unbestimmbar, zweifelhaft ist, dass seinem Wesen gemäß dem Gewusstwerden widerstrebt. Indem ich die Sachen überdenke, beeindrucken mich die großen Unterschiede zwischen dem Erleben des Einzelnen und der sagbaren und der tatsächlich ausgesprochenen Wirklichkeit; und wiederum der Wirklichkeit die den Einzelnen betrifft, die Wirklichkeit welche dem Erleben des Einzelnen entspricht, und jener öffentlichen Wirklicheit welche sich aus der gesellschaftlichen Mitteilung ergibt. Die Kluft zwischen dem Erleben des Einzelnen, einerseits, und der öffentlichen Verlautbarung der Gruppe, der Gesellschaft der Zeitungsberichte, der Geschichte andrerseits, schafft Gelegenheit, wenn nicht gar Notwendigkeit zur Erforschung, zur Erweiterung des Denkens, zur Philosophie. Mir fällt auf dass Streitigkeit zwischen Menschen und Menschengruppen natürlich und eigentlich unvermeidbar ist; umso beeindruckender die inbegriffene Forderung und Voraussetzung der Einmütigkeit, der Eintracht, der Übereinstimmung. Der Beruf des Rechtsanwaltes, meiner Erfahrung gemäß, stiftet nicht nur die Gelegenheit, nein zieht nach sich (entails) die Notwendigkeit, den Zwang, die von mir soeben aufgezählte, angeführte Dialektik, die Widersprüche, auf ihre Quellen im menschlichen Erleben einerseits und in der Sprache andererseits, zu untersuchen, zu "entwickeln", zu verstehen, und umzudenken. Dies Umdenken aber verwandelt die gesellschaftlichen (und juristischen) Gegebenheiten. Und diese Verwandlung ist schöpferisch, bewirkt, gestaltet, gebiert eine neue Wirklichkeit wo die Problematik, - nein nicht gelöst wird, sondern wo sie verschwindet, und wo somit den Parteien ein neues Zusammenleben - denn Zusammenleben ist unvermeidbar, gestiftet wird.