am 9. Dezember 2020 Liebe Cristina, Vielen Dank für Deine Antwort mit ihren vielen anregenden Gedanken. Wir sind verschieden. Wir täuschen uns wenn wir beschließen zu einem Übereinkommen zu gelangen. Ein jeder von uns bringt sein eigenes Wesen und sein eigenes Erleben zum Ausdruck. Der "Widerspruch" ist geistig unvermeidlich, ist schon den Worten "contradiction", "Widerspruch", "Dialektik" inbegriffen. Unsere geistigen Existenzen sind ihrem Wesen nach veränderlich und unbeständig. In Deiner leidenschaftlichen Ablehnung "der verrückten Welt", höre ich die Worte von Bachs Kantate 52: "Falsche Welt dir trau ich nicht", höre die Melodieen welche mir dir Worte unvergesslich machen. Komme diesbezüglich zu dem Beschluss, dass es heute mit den Spannungen zwischen Individuum und Gesellschaft kaum anders steht als vor dreihundert, und weiter bedacht, nicht anders als vor zweitausend Jahren. Dass die Passion Christi als Zerstörung des Einzelnen, der Seele, des Göttlichen im Menschen durch das Volk, durch die Gesellschaft, gedeutet werden mag, scheint sich mir schon der Text der letzten Arie dieser Kantate nahezulegen, denn die Gesellschaft bedroht die Seele des Einzelnen und seine Beziehung zu seinem Gott: Ich halt es mit dem lieben Gott, Die Welt mag nur alleine bleiben. Gott mit mir, und ich mit Gott, Also kann ich selber Spott Mit den falschen Zungen treiben. Die Folge der Falschheit, der Verrücktheit der Welt ist die Gleichung von Gott und Ich. Aus dem Text an dem ich gegenwärtig arbeite ein einschlägiger Auszug: "Dann, plötzlich stürzten ihm die Worte aus dem Munde: "Gott wird uns retten," sagte er. "Dessen bin ich gewiss." "Das must du ein wenig besser erklären," bat Jonathan. "Die Erklärung ergibt sich aus der Geschichte, dass nämlich Moses den Jehovah erfunden hat nicht nur um die Juden vor den Ägyptern zu schützen, sondern viel bedeutender noch, um die Juden vor einander zu schützen. Denn jener erfundene oder entdeckte Gott ist unsichtbar und unsagbar, besteht also im Inneren, in der Phantasie, in der Einbildung, im Glauben des Menschen, 'ein gute Wehr und Waffen', - gegen den Mitmenschen natürlich, der mich bedroht. Und indem sie Gott mit einander vereinbarten, vereinbarten die Juden sich vor einander zu bewahren. War nicht Gott der allmächtige Schiedsrichter zwischen ihnen? Ist nicht Gott der allmächtige Schiedsrichter zwischen uns allen?" Nun noch ein Nachwort zu der Frage nach der Bedeutung von Kafkas Anweisung an Max Brod. Du meinst, wenn ich Dich recht verstehe, das Verbrennen eines Textes sei ein Mord am Geist, dem anderweitig ein ewiges Leben gewährt wäre. Widersprechen möchte ich Dir nicht, außer zu bemerken, nachdem ich dasselbe Thema überlegt hatte, schrieb ich am 18. Februar 2019 folgendes Sonett: Schluss Ich scheu die düst're Wahrheit Euch zu nennen. Das Ursprungsfehlen muss ich jetzt bekennen. Mein Fehler ist die feige Angst vorm Sterben. Unnütz ist Hinterlassen eines Erben. Trotz frommer Sprüche auf des Grabes Stein, Was hilft’s mir, ich muss sterben, er wird sein. Den Körper nein, ihn will ich nicht erhalten, auch nicht die Runzeln, nicht der Stirne Falten. Erhalten möchte ich den heil'gen Geist. Das kann nicht sein, weil Geist nur Sprache heißt. Auch ist’s gelogen, dass Geist wortlos lebt, als unsichtbarer Dunst im Weltall schwebt. Das Grab verbirgt nicht nur die ird’sche Hülle. Des Geistes Tod ist Gottes heil’ger Wille. * * * * * * Es mag sein, dass ich mich täusche. Aber bewusst bin ich mir meiner Schriften nicht wie Horaz als Monumenta aere perennia, sondern als ein geistiges Zuhause in dem ich mich geborgen fühle. Was daraus nach meinem Tode wird, ist für meine Seligkeit belanglos. am 10. Dezember 2020 Liebe Cristina, Weil meine Gedanken sich verflüchtigen kurz nachdem sie erscheinen, erheischen sie eine sofortige, fast gleichzeitige Niederschrift, in Echtzeit, "in real time", wie die Rechneringenieure sagen. Hingegen rumort in meinem Gemüt ein Klippschalter, unfähig zu der Entscheidung ob ich die angesammelten Gedankenergüsse umgehend, mit einem Klick auf den "Send" Knopf an Dich abgehen lassen sollte, oder ob ich sie in der Rechnerkartei wie Käse oder Wein im Speisekeller, einige Tage, wenn nicht sogar Wochen oder Monate lang pökeln oder gären lassen sollte, und die Gefahr dass sie schimmelig oder bitter werden, vergären oder verfaulen, in Kauf nehmen. Beim Thema der Verrücktheit der Welt das Du anschnittst, übersieh nicht die Problematik die sich aus der Bevölkerungsdichte, aus der schieren Anzahl der Menschen ergibt, unzählige Menschen die um die beschränkte Zahl der Güter, um Geld, um Macht, um Einfluss, und nicht zuletzt um Ruhm wetteifern, konkurrieren. Abwesend Pablo Casals, Yo Yo Ma, und abwesend andere berühmte Cellisten, stünden Du und Dein Cello um manche Stufen höher, vielleicht an der Spitze. Möglicherweise erklärt die Vielzahl der billig herstellbaren Bücher weshalb die von mir veröffentlichten keine Leser finden. Ich bemerke nur. Ich beklage mich nicht. In Deinem ersten, das Schweigen brechenden Brief erzählst Du von einer von Dir kürzlich neu entdeckten "Liebe" zu Deinen Schülern. "Die Musikschule hingegen, wo ich unterrichte, hat heute nach dreiwöchigem Lockdown wieder geöffnet und ich kann ab dieser Woche somit meine SchülerInnen wieder sehen. Tatsächlich ist es so, dass ich zu manchen Schülern zu gewissen Zeiten eine ganz besondere Art von Liebe spüre. Nicht zu jedem und nicht immer. Leider. Diese Liebe kannte ich zuvor nicht, sie ist mir ein neüs Gefühl und ich versuche heraußufinden ob es tatsächliche Liebe ist oder Egoismus und die Sehnsucht nach einem eigenen Ewigen Leben, das quasi meine SchülerInnen fortführen sollen. Ich hoffe sehr, dass dieses Gefühl erstere bedingungslose Liebe ist, denn wenn nicht, werde ich bald sehr unglücklich sein." "Es ist ein Jammer, ich kenne interessante Menschen, die ich so gerne als Freunde hätte, Nathaniel gehörte auch zu diesen. Zufällig sind sie aber männlich, und anstatt eine Freundschaft mit mir zu beginnen, "verlieben" sie sich in mich. Das passiert immer wieder, ein Jammer, so finde ich wohl nie einen Freund unter 80 Jahren." Liebe ist ein großes gefährliches Wort. Es verspricht zugleich viel Glück und droht viel Leiden. Ich meine, wie Du weißt, in der Liebe das große Los gezogen zu haben. Es wird mir kein zweites Mal beschert werden. Jetzt, im Alter, versuche ich im Allgemeinen das Wort Liebe zu vermeiden, Ich erlaube es mir heutzutage nur in formeller Weise, wie etwa am Anfang eines Briefes, "Liebe Cristina", zuversichtlich dass Du mich nicht falsch verstehst und von der Angst erschreckst, dass ich in Dich "verliebt" wäre. Zuweilen aber spiele ich mit dem Gedanken dass ich, statt neunzig, neunzehn Jahre alt wäre. Dann schreibe ich ein Gedicht, wie zum Beispiel: Am Cello zur Musik zu setzen Die Lieder aus der Einsamkeit sind Lieder in die Einsamkeit und wenn das Klatschen das Ohr nicht zerstört dann hast du im Liedchen die Liebe gehört Wenn die ferne Geliebte erreichbar wär dann wär sie die ferne Geliebte nicht mehr. Du sagst sie ist zu küssen bereit? Ihr Kuss wär das Siegel der Einsamkeit. Ich lieb meine Saiten, ich lieb ihren Ton, Wollüstiger Bogen streichelt sie schon. Die Finger so artig gesetzt auf das Brett Todmüde sind sie und wollen ins Bett Hör' die Musik, sie klopft an der Tür. Welch Unsinn! Du weißt es: Musik ist in Dir. * * * * * * Bekanntlich behaupten die Psychoanalytiker dass allen Beziehungen zwischen den Menschen, und gewisslich allen Ahnungen von "Liebe" geschlechtliche Bedürfnisse zugrunde liegen. Sie lachen über Platons Behauptung das Eros der Drang nach Schönheit und Wahrheit ist. Ich aber glaube es ihm, und singe, ganz leise und ur für mich: Du holde Kunst, in wieviel grauen Stunden, Wo mich des Lebens wilder Kreis umstrickt, Hast du mein Herz zu warmer Lieb entbunden, Hast mich in eine bessre Welt entrückt! Oft hat ein Seufzer, deiner Harf entflossen, Ein süsser, heiliger Akkord von dir Den Himmel bessrer Zeiten mir erschlossen, Du holde Kunst, ich danke dir dafür! Darüber hinaus behaupte ich: Oikeiosis Das Schlüsselwort der Weisheit heißt Erleben. Mit diesem Wort ist mir die Welt gegeben. Erschließt die Schellen sachlicher Berichte, Streift ab das Zwangsjackett der Weltgeschichte. Erlebt heißt Leid ins Innere verwoben, Geschehn geschleust durchs Tor des eignen Ich. Die Seelenangst im Herzen ist zerstoben. Was einst bedrohte jetzt begeistert's mich. In der erlebten Welt leb ich in Frieden. Furcht, Sorge, Unmut sind geschieden. Der Zeit Verwirrung wird mich nicht mehr stören weil Dinge die bedrohten mir gehören. In der erlebten Welt leb' ich alleine. Nichts ist mir fremd, doch Freunde hab ich keine. * * * * * * Ich möchte fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein, als ich als erstes Kunstlied lernte: An die Leier - Schubert Ich will von Atreus’ Söhnen, Von Kadmus will ich singen! Doch meine Saiten tönen Nur Liebe im Erklingen. Ich tauschte um die Saiten, Die Leier möcht ich tauschen! Alcidens Siegesschreiten Sollt ihrer Macht entrauschen! Doch auch die Saiten tönen Nur Liebe im Erklingen! So lebt denn wohl, Heroen! Denn meine Saiten tönen Statt Heldensang zu drohen, Nur Liebe im Erklingen. Es muss die Melodie gewesen sein, die mich fesselte, denn die Worte verstand ich nicht. Von Atreus und seinen Söhnen, von Kadmus hatte ich keinen Schimmer. Und wer Alciden war hab ich in geistiger Alterschwäche schon wieder vergessen. Komischer noch, da in meinem Kindheitszuhause kein Instrument gespielt wurde, konnte ich mir von Saiten keine Vorstellung machen, und meinte der Sänger müsse ein Ventriloquist sein der seine Seiten tönen ließ. Ebenso merkwürdig, ich hörte "im Erklingen" als "in Merklingen", und von Merklingen als Ort machte ich mir ein Bild als die Geburtsstätte meines Spielzeugs, der Eisenbahn die um den Weihnachtsbaum kreiste, die hieß Merklin, vermutlich weil sie aus Merklingen kam. Heute lese ich das Gedicht aus anderer Perspektive, als Vorlage des Plans meines Lebens. Die Heroen denen ich Lebewohl gesagt habe, heißen Newton, Leibniz, Kant, Husserl, Heidegger, Schrödinger und Einstein. Statt des Heldensanges der Quanten- und Relativitätstheorien, begeistert mich nunmehr "Nur Liebe im Erklingen." Liebe Cristina, mein Gemüt ist unheilbar, und was ich Dir schreibe brauchst Du weder zu lesen noch zu beantworten. Grüße bitte Deine Eltern von mir. Jochen