am 8. Dezember 2020 Liebe Cristina, Dank für Dein Schreiben. Seit unserem letzten Briefwechsel vor etwa achteinhalb Monaten hab ich verschiedentlich an Dich und an Deine Eltern gedacht, mit dem Wunsch und der Hoffnung, dass Euch Krankheit und Traurigkeit erspart geblieben sind, und dass es Euch in diesen stürmischen Zeiten gut gehen möchte. Noch heute besinne ich mich lebhaft auf den Augenblick in unserer Küche, ich glaube es war vor ungefähr fünf Jahren, kurz nach Weihnachten, als wir uns zum ersten Mal trafen und Du mir von Deinem Künstlertum erzähltest, wie ergriffen ich von der Schicksalhaftigkeit Deines Bekenntnisses war, wie ich damals die Möglichkeit in Erwägung zog Dir bei der Einsamkeit die Deine Berufung nach sich ziehen musste, mittels meiner Einfühlung und meines Verständnisses ein wenig Gesellschaft zu leisten. Ob mir dies in auch nur beschränktem Maße gelungen ist, wage ich nicht einzuschätzen. Von Nathaniel, nach dem du fragst, bekomme ich nur unregelmäßig Nachricht. Seit dem Ausbruch der Seuche im März dieses Jahres wohnte er mit seiner Freundin Sabine in unserem unfertigen Haus auf der Insel Nantucket. Nathaniel vertiefte sich in sein Trompetenspiel. Er hatte mehrere Trompetenschüler die er übers Internet lehrte. Er begann mit dem Entwurf der Partitur zu einer Symphonie deren früheste Vorlagen er mich hören und nachlesen ließ. Dann aber, ohne Erklärung unterbrach er seine Mitteilungen. Einmal fragte er nach meiner Bereitschaft einen Briefentwurf an einen Berliner Trompeter, von dem Nathaniel lernen wollte, zu verbessern. Ein anderes Mal erwähnte er Pläne nach Ottowa umzusiedeln wenn Sabine dort zum Jurastudium zugelassen würde. Im September kehrten Nathaniel und Sabine nach Cambridge zurück. Wenige Wochen später, im Anfang Oktober, fuhren Nathaniel, Klemens und ich, aber ohne Sabine nach Nantucket, um sechs Tage lang an der Vervollständigung des Hauses zu arbeiten. Seit unsrer Rückkehr vor zwei Monaten hab ich nichts weiteres von Nathaniel gehört. Sein Dirigieren hatte Nathaniel seit etwa Januar dieses Jahres freiwillig eingestellt, später zwangsweise, wo angesichts der Seuche Orchesterproben und Aufführungen untersagt sind. Auch erfuhr er als Leiter seines Orchesters, administrative Schwierigkeiten und Enttäuschungen in deren Einzelheiten er mich nicht eingeweiht hat. Einmal erklärte mir Nathaniel seine Unzufriedenheit mit dem Dirigieren wegen des unvermeidlich inbegriffenen Exhibitionismus, eine Enttäuschung über die ich ihn mit der Betrachtung hinweg zu trösten versuchte, dass jeder öffentliche musikalische Auftritt bestimmte exhibitionische Dimensionen nach sich zieht, welche zu bewältigen als eine weitere künstlerische Aufgabe zu betrachten wäre. Was mich selber anbelangt, so bin ich noch hier. bin dem Virus bis jetzt entgangen. So viel ich weiß, bin ich von keiner Krankheit befallen, die mir das übermäßig lange Leben von 90.5 Jahren zu verkürzen droht oder verspricht. Mein Gehen, das schon vor fünf Jahren beeinträchigt war, ist wesentlich umständlicher geworden, aber es gelingt mir bis jetzt noch, auf zwei Stöcke gestützt mich die Wendeltreppen hinauf und hinab zu bugsieren, durchs Haus zu humpeln, den Postkasten zu entlehren und ins Auto zu steigen. Meinen Führerschein hat man mir bis zu meinem 95. Geburtstag verlängert. Mein Gedächtnis lässt nach. Oftmals vermag ich mich auf einen bestimmte Namen nicht mehr zu besinnen. Der Inhalt eines Briefes, eines Gedichts, eines Romankapitels ist mir rasch entgangen, es sei denn dass ich ihn mir auf dem Bildschirm des Rechners, oft in großen leicht lesbaren Buchstaben gegenwärtig halte. Mein Sohn kauft und bringt mir Lebensmittel zwei Mal im Monat. Er besucht mich zwei bis vier Mal jede Woche, oft mit Geige um etwa eine Stunde lang zu üben. Wir kennen uns gut, und haben deswegen einander wenig zu erzählen. Jeden Sonntag Nachmittag unterhalte ich mich telephonisch für drei Viertel Stunden mit meinem Schwager, dem Bruder meiner verstorbenen Frau. Er ist Arzt, im Ruhestand, anderthalb Jahre älter als ich. Er wohnt allein in der Nähe von August, Maine, ist einsam, und tröstet sich mit der Gesellschaft eines Katers den er Floyd nennt. Außerdem hab ich einen alleinstehenden Freund, jetzt 43 Jahre alt, der so viel Geld von einem überreichen Onkel geerbt hat, dass er voraussichtlich niemals notwendig haben wird erwerbstätig zu werden. Er ist sehr verständig und sehr intelligent, hat Mathematik und Physik studiert und hat sich danach als Computer Engineer ausbilden lassen. Er spielte Bratsche oder Geige in Nathaniels Orchester, und erinnert sich an Dich und an Deine Aufführung des Dvorak Konzerts. Wegen der Virusinfektionsgefahr kommt er nur selten. Wir telephonieren und wechseln E-mail. Meine Schwiegertochter und ich grüßen uns in freundschaftlicher Weise wenn sie in Abständen von ungefähr sechs Monaten kommt um dieses oder jenes zu bringen oder abzuholen. Abgesehen von Nathaniel erstatten meine anderen drei Enkelkinder mir einen kurzen Höflichkeitsbesuch wenn sie ihre Eltern nebenan besuchen. Wir haben einander nichts zu sagen. Viel Jahre mussten vergehen, ich musste sehr alt werden, eh es mir klar wurde, wie überflüssig, wie störend man im Alter wird. Dass ich außer Geld meinen Kindern nichts zu geben habe, betrübt mich keineswegs, finde ich natürlich und selbstverständlich. Als Kind plagte mich große Angst vor dem Alleinsein. Während meiner märchenhaften 63 Jahre langen Ehe, hat mir meine liebende und geliebte Frau diese Angst verdrängt. Mit ihrem Sterben ist die Angst verflüchtigt, und nun bin ich für meine Einsamkeit sehr dankbar, dankbar nicht inmitten von Menschen leben zu müssen, denen ich gleichgültig oder unangenehm bin. Es stellt sich heraus dass die Gedichte und die Romane die ich schreibe, den geheimnisvollen gesellschaftlichen Beziehungen gilt an welchen wir Menschen uns freuen, und an welchen wir leiden. In einem Deiner jüngsten Briefe erwähntest Du als bemerkenswert, dass mein Schreiben von jeglicher Erkenntnis, um Anerkennung überhaupt unerwähnt zu lassen, unabhängig ist. Die Anonymität die mich einst betrübte, erscheint mir jetzt als ein Segen für den ich zunehmend dankbar bin. Wenn ich heute lese, was ich gestern schrieb, dann meine ich die Freiheit zu spüren die sich aus dem Bewusstsein ergibt, dass dies von keinem gelesen werden wird, eine Freiheit die Gedanken und Ahnungen zum Ausdruck kommen lässt, welche anderweitig von der erwarteten Zensur erstickt würden. Dabei erinnere ich Franz Kafka den mögliche Leser so befrendend anmuteten, dass er Max Brod, den Verwalter seines Nachlasses beauftragte diesen zu verbrennen. Liebe Cristina, die einzige Entschuldigung die ich für diesen schwulstigen Brief aufzuweisen habe, ist dass für Dich keine Notwendigkeit besteht ihn zu lesen, geschweige denn ihn zu beantworten. Grüße bitte Deine Eltern von mir und empfange Du selber die Grüße die sich gebühren und die vielen anderen Gefühle die darüber hinaus gehen. Jochen