Liebe Cristina, Dank fuer Dein Schreiben. Seit unserem letzten Briefwechsel vor etwa achteinhalb Monaten hab ich verschiedentlich an Dich und deine Eltern gedacht, mit dem Wunsch und der Hoffnung, dass es Euch in diesen stuermischen Zeiten gut gehen moechte, dass Euch Krankheit und Traurigkeit erspart bleiben. Noch heute besinne ich mich lebhaft auf den Augenblick in unserer Kueche, ich glaube es war vor ungefaehr fuenf Jahren, kurz nach Weihnachten, als wir uns zum ersten Mal trafen und Du mir von Deinem Kuenstlertum erzaehltest, wie ergriffen ich von der Schicksalhaftigkeit Deines Bekenntnisses war, wie ich damals in Erwaegung zog Dir bei der Einsamkeit die Deine Berufung nach sich ziehen musste, mittels meiner Einfuehlung und meinem Verstaendnis ein wenig Gesellschaft zu leisten. Ob mir dies in auch nur beschraenktem Masze gelungen ist, wage ich nicht einzuschaetzen. Von Nathaniel, nach dem du fragst, erfahre ich nur unregelmaeszig Nachricht. Seit dem Ausbruch der Seuche im Maerz dieses Jahres wohnte er mit seiner Freundin Sabine in unserem unfertigen Haus auf der Insel Nantucket. Nathaniel vertiefte sich in sein Trompetenspiel. Er begann mit dem Entwurf der Partitur zu einer Symphonie deren frueheste Muster er mich hoeren und nachlesen liesz. Dann aber, ohne Erklaerung unterbrach er seine Mitteilungen. Einmal fragte er nach meiner Bereitschaft einen Briefentwurf an einen Berliner Trompeter, von dem Nathaniel lernen wollte, zu verbessern. Ein anderes Mal erwaehnte er Plaene nach Ottowa umzusiedeln wenn Sabine dort zum Jurastudium angenommen wuerde. Im September kehrten Nathaniel und Sabine nach Cambridge zurueck. Wenige Wochen spaeter, im Anfang Oktober, fuhren Nathaniel, Klemens und ich, aber ohne Sabine nach Nantucket, um an der Vervollstaendigung des Hauses zu arbeiten. Seit unsrer Rueckkehr vor zwei Monaten hab ich nichts weiteres von Nathaniel gehoert. Sein Dirigieren hat Nathaniel seit etwa Januar dieses Jahres eingestellt, spaeter unvermeidlich, wo angesichts der Seuche Orchesterproben und Auffuehrungen untersagt sind. Auch erfuhr er als Leiter seines Orchesters, administrative Schwierigkeiten und Enttaeuschungen in deren Einzelheiten er mich nicht eingeweiht hat. Einmal erklaerte mir Nathaniel seine Unzufriedenheit mit dem Dirigieren als Exhibitionismus, eine Enttaeuschung ueber die ich ihn mit der Betrachtung hinweg zu troesten versuchte, dass jeder oeffentliche musikalische Auftritt ueber seine exhibitionische Dimension verfuegte, welche zu bewaeltigen als eine weitere kuenstlerische Aufgabe zu betrachten waere. Aber heute Abend, jedenfalls, bin ich noch hier, dem Virus bis jetzt entgangen, und so viel ich weisz, von keiner Krankheit befallen, die mir das schon uebermaeszig lange Leben von 90.5 Jahren zu verkuerzen drohte. Mein Gehen, das schon vor fuenf Jahren wesentlich beeintraechigt war, ist umstaendlicher geworden, aber es gelingt mir bis jetzt noch, auf zwei Stoecke gestuetzt mich die Wendeltreppe hinauf und hinab zu bugsieren, durchs Haus zu humpeln, den Postkasten zu entlehren und ins Auto zu steigen. Meinen Fuehrerschein hat man mir bis zu meinem 95. Geburtstag verlaengert. Mein Gedaechtnis laesst nach. Oftmals vermag ich mich auf einen bestimmte Namen nicht zu besinnen. Der Inhalt eines Briefes, eines Gedichts, eines Romankapitels ist mir rasch entgangen, es sei denn dass ich ihn mir auf dem Bildschirm des Rechners, oft in groszen leicht lesbaren Buchstaben gegenwaertig halte.