Liebe Gertraud, lieber Bernd, Dank für Euern Brief. Auch ich verfüge über Sammlungen von Bildern mit denen ich weder ein noch aus weiß. Es sind zwar nur zum Teil selbst-erworbene. Die meisten stammen von meinen Eltern. Viele wurden von meiner Schwester gesammelt. Dazu kommen Bilder die meine Schwiegertochter Laura von ihren Eltern erbte, Bilder die sie nun in diesem großen leeren Gebäude, das sie selbst zu betreten vermeidet, mir wie in einem Lagerhaus aufzubewahren erlaubt. Nach dem Kriege vervielfältigen die Amerikaner unter der Aufsicht ihres Alien Property Custodian eine beträchtliche Anzahl von Rembrandts Zeichnungen und Radierungen, aus dem Berliner Kaiser Wilhelm Museum, von welchen viele im ausländischen Bücherladen "Schönhof's" im Harvard Square zu Spottpreisen verkauft wurden. Damals erstand ich von jedem Exemplar zwei Kopien, eine Kopie für das damals neue Haus meiner Eltern in Konnarock, das auch ihr besucht habt, die andere Kopie für die Wohnung die Margaret und ich uns einrichten würden. Nicht ich, Klemens wird entscheiden müssen, was er sich all diesen billigen Kostbarkeiten anfängt. Ich beabsichtige lediglich im Verlauf der vielleicht nur geringen Zahl von Wochen und Monaten die mir noch gegönnt - oder auferlegt - sind, ihm die geistigen sowohl als auch sachlichen Dinge die sich in meiner Obhut befinden, so wohl geordnet wie möglich zu hinterlassen. Um noch einmal auf Ernst Cassirers Schriften zurückzukommen, so möchte ich einen Vorschlag, dass Ihr sie lesen solltet, als ein Missverständnis zurückziehen. Cassirer hatte sich die unmögliche Aufgabe gestellt Historiker, Geschichtsschreiber des Denkens, der Gedanken zu werden, Dies, so scheint es mir, ist ihm nicht gelungen, wenn nur weil ich es grundsätzlich als unmöglich betrachte von Gedanken oder vom Denken Abzüge, Kopien herzustellen wie es im Falle der Rembrandtradierungen dem Alien Property Custodian gelungen ist. Was mich anbelangt, so hab ich mir vom Netzort https://archive.org Cassirers Schriften über Leibniz und Kant abgerufen, um eines Tages zu erfahren in welcher Weise Cassirer sich Wege durch die von diesen Denkern hinterlassenen Gedankenknäule gebahnt hat. Inzwischen habe ich meine Lektüre nicht nur von Cassirers Schriften, sondern auch von Feynmans "Lectures on Physics" unterbrochen um mich der Fertigstellung des siebten und achten Bandes meiner Romanreihe zuzuwenden, mit der sehr unsicheren Absicht sie vielleicht mit einem neunten Band abzuschließen, einem Buch das dann den endgültigen Verfall der Kultur, des Staates, der Gesellschaft, der Familie und ihrer einzelnen Mitglieder beschreibt. Möglich sind mir all diese anspruchsvollen, hochtrabenden Pläne nur aus der unverantwortlichen Perspektive dass sie gleichgültig sind weil ihre Ergebnisse von niemandem zur Kenntnis genommen, von niemandem gelesen werden. In diesem Zusammenhang erinnere ich nun den Nachlass Franz Kafkas, eines Schriftstellers der bekanntlich seinem Verwalter Max Brod befahl sämtliche Manuskripte zu verbrennen. Indem ich die Schriften von Kafka lese die der ungehorsame ungetreue Treuhänder trotzdem veröffentlichte, erahne ich die grenzenlose Freiheit die dem Schriftsteller, mit der Gewissheit dass ihm durch die Zerstörung seiner Arbeit alle Rügen und Strafen für seine Unbotmäßigkeiten erlassen sind, geschenkt wird. In diesem Erwarten hab auch ich mit unbedächtiger und ungezügelter Begeisterung wieder zu schreiben begonnen. Herzliche Grüße, Euer Jochen