Liebe Gertraud, lieber Bernd, Dank für Eürn Brief. Das Buch von Brettschneider über die deutsche Nachkriegsliteratur das Ihr erwähnt, habe ich nicht bekommen. Unsre Post ist sehr unzuverlässig. Bekanntlich wurden ihr von unserem Präsidenten wesentliche Mittel entzogen, um inmitten der Pandemie das Überliefern von Wahlstimmen zu erschweren wenn nicht gar zu verhindern. Eure Frage wegen Cassirers Symbolischen Formen möchte ich vorerst mit einem Zitat aus dem Internet beantworten: "Cassirer breitet in der Philosophie der symbolischen Formen seine Kulturphilosophie und Wissenschaftstheorie in einer Mischung aus systematischer und historischer Untersuchung aus. Im ersten Band legt er die Grundlagen der Analyse der allgemeinen geistigen Funktionen und Ausdrucksformen des Menschen. Der erste Band untersucht thematisch die Sprache, der zweite Band Mythos und Religion und der dritte Band die moderne wissenschaftliche Erkenntnis." "Kernaussage seiner Arbeit ist, dass wir die Welt stets in der Vermittlung durch bestimmte Systeme der Zeichen- und Bedeutungsbildung wie Kunst, Wissenschaft oder Religion erfahren, die er symbolische Formen nennt. Als Grundformen der Weltauffassung sind sie untereinander in spezifischer Weise „gleichwertig“. Die Gleichwertigkeit rührt jedoch nicht daher, dass z. B. der Erklärung von Blitz und Donner mittels Donnergott oder aber mittels Elektrodynamik ein ähnlicher Grad an Wahrheit zukomme. Vielmehr meint Cassirer, dass sich die unterschiedlichen symbolischen Formen nicht aufeinander reduzieren lassen: Die Stellung eines Kunstwerks in der Welt und seine Rezeption lässt sich nicht durch die Physik erklären, die Rolle der Sprache nicht durch die Kunst, Kunst lässt sich nicht durch allein historisches Denken erfassen." "Trotz allem kommt bei Cassirer dem Mythos eine besondere Stellung zu, da er ihn als Urform des menschlichen Denkens auffasst. Im Mythos werde eine erste Gliederung der Welt vorgenommen, es würden Strukturen geschaffen (wenn auch noch keine abstrakten Strukturen), Prägnanz ausgebildet und die mannigfaltigen Eindrücke symbolisch dargestellt. Aus dem mythischen Denken gehen für Cassirer in einem Prozess dialektischer Entwicklung die anderen symbolischen Formen wie Kunst, Geschichte, Wissenschaft usw. hervor. Dabei vertritt Cassirer jedoch nicht die Vorstellung eines monolinear aufsteigenden Entwicklungsschemas, etwa vom Mythos über die Religion hin zur wissenschaftlich abgesicherten Erkenntnis (wie dies Hegel tut). Im Zentrum seiner Kulturphilosophie steht vielmehr die Nicht-Reduzierbarkeit der symbolischen Formen als jeweils eigenständiger Welten mit eigenständigen Binnenstrukturen." So weit aus dem Internet. Cassirer studierte Philosophie in Marburg mit Hermann Cohen und Paul Natorp, und wurde wie seine Lehrer, ein "Neu-Kantianer". Als solcher war er beflissen die einerseits von Hegel und andererseits von naturwissenschaftlichen "Positivisten" überumpelte Kantsche Erkenntnislehre zu rehabilitieren. Als einen solchen Versuch deute ich Cassirers Erfindung der Symbolischen Formen. Seit Sankt Augustin und Thomas von Aquino wirkte die Vorstellung des Göttlichen als Schiedsgericht zwischen den unterschiedlichen Ahnungen über Wahrheit und Wirklichkeit der vielen verschiedenen einzelnen Menschen die durch die Verpflichtung die Schirmherrschaft des Götlichen anzuerkennen vereinigt waren. Im Verlauf der Renaissance schien die Entdeckung der Denker ihres eigenes inneres Bewusstseins als den einzig notwendigen Prüfstein des Gültigen von zeitgenössischen Mystikern bestätigt zu werden, insofern als auch diese behaupteten, das Göttliche welches bisher in den Wolken gethront hatte, zuletzt im Innersten der Menschen, in ihren "Seelen" gefunden zu haben. Leibnizens extravagante Vorstellung einer prästabilierten göttlichen Harmonie, mit einer vor aller Zeiten Anbeginn auf Ewigkeit eingerichtete göttliche Ordnung, war ein geniales Kompromiss welche die göttliche Bestimmung der Wirklichkeit bewahrte und dennoch dem Wissenschaftler sein ungestörtes Forschen ermöglichte. Schießlich meinte Kant dass es ihm mit einer "Copernikanischen Wendung" des Denkens gelungen sei, das Problem zu lösen und den Schwerpunkt der Wirklichkeit, das "Ding an Sich" aus der Wolkenwelt seiner Vorgänger in die von ihm entworfene komplizierte Verschachtelung des Menschengeistes verlegt zu haben, ein so verwickelter Vorgang dass es zuletzt Kant selbst unmöglich wurde, an den Fäden seiner Gedanken aus dem Labyrinth das er entworfen hatte den Weg in die Freiheit zu finden. Wenn ich Kants Copernikanische Wendung mit dem Bau einer Brücke über einen breiten Strom vergleiche, dann lassen sich Cassirers Symbolische Formen als Pfeiler deuten, welche dieser Brücke in Stromes Mitte untergeschoben werden um sie zu stützen. Inwiefern Cassirers Versuch den Kantschen Gedankenbau zu befestigen gelungen ist, und ob dieser Versuch überhaupt notwendig war, wage ich nicht zu entscheiden. Mein eigenes Verständnis des Erkennens ist vielleicht übermäßig einfach und rührt zum Teil aus meiner augenärztlichen Praxis. Es ist allgemein bekannt, dass das Auge eines Kindes sich entwickelt nur indem die Bilder der gestalteten Außenwelt auf die Netzhaut fallen und diese zum Sehen anregen. Ein abgedecktes, oder durch Schielen abgewendetes Auge erblindet. Demgemäß meine ich, dass sich der menschliche Körper und Geist durch die Anregungen denen sie ausgesetzt sind entwickeln, und nur durch diese. Ich bediene mich dabei des Begriffs der Assimilation, mittels derer alles was wir lernen, eine Sprache zum Beispiel, den Geist, das Gemüt, das Gehirn - nennt es wie Ihr wollt, umgestaltet. So etwa mein anspruchsloser Blick auf das Erkennisphänomen. Mit diesem mir selbstverständigen Vorgang scheinen mir die Bemühungen um den Ausgleich zwischen dem Jenseits und dem Diesseits, dem Objektiven und dem Subjektiven, dem Weltlichen und dem Göttlichen, umgangen. Wie würdet Ihr den amerikanischen Ausdruck "my worms-eye view" ins Deutsche übersetzen? Ich wünsche Euch, wie stets, Zufriedenheit und Gesundheit, und grüße Euch beide von Herzen. Euer Jochen