From: Bernd Strangfeld To: Ernstmeyer Subject: Cassirer, Bäume... Date: Sun, 22 Nov 2020 19:47:21 +0100 (11/22/2020 01:47:21 PM) Lieber Jochen, danke für Deinen Brief vom14.11. und für den davor! Wir werden immer ganz ehrfürchtig, wenn Du von Deinen geistigen beschäftigungen berichtest, von bedeutenden Leuten, von denen wir nur den Namen kennen. Und gleich drei Bände Cassirer! Was ist denn eine symbolische Form? Kannst Du mal ein paar Beispiele geben? Gelten sie in der bildenden Kunst oder in der Literatur oder etwa in der Physik? Ich habe keine Ahnung. meinst Du nicht, dass Du hinreichend verstehst von allerlei sehr verschiedenen Gebieten des Lebens, und dass dazu nicht unbedingt noch die Physik gehören mus? Nein, findest Du natürlich nicht. Aber deshalb Dir Vorwürfe zu machen - das finde ich unangebracht. Hast Du Dir vielleicht einmal aufgelistet, von welchen Aspekten des "Handwerk des Lebens" Du tüchtig etwas verstehst? Aber es gehört ja zu Deinem Leben, Dich nur gering zu erfreuen an dem, was Du weißt, kannst und noch zu lernen gewillt bist. Aber wahrcheinlich ist Dein Empfinden des Ungenügens ein Anstacheln zu weiterem Ausbreiten Deiner breiten Flügel. Auf zu neuen Erkenntnissen! In Deinem Gehirn ist doch offenbar immer noch Platz für neues Erkunden und neues Wissen. Die Erfahrung, dass Dir Namen entfallen, teilen Bernd und ich mit Dir; zwar erleben die meisten eine Wiederauferstehung, aber oft zur Unzeit, obwohl ihr Wiedererscheinen immer eine gedämpfte Freude auslöst.Interessant wären die Assoziationsketten, die die zur Wiederkehr so eines Wortes führen. Hast Du eigentlich auch mal daran gedacht, Psychologie zu studieren? Ich wäre allerdings lieber Biologin mit Schwerpunkt verhaltensforschung geworden. Wobei ich das Sezieren, das ja wohl zur Biologie gehört, nicht ertragen hätte. Abr mit Tieren hätte ich gern beruflich zu tun gehabt. Die sterbenden Fichten betrüben täglich aufs Neue, Buchen und Eichen, wie schon erwähnt, sind auch schwer geschädigt. Hier ist ja alles Plantagenwald, er muss geld bringen, und das macht die Wiederbewaldung so schwierig. Man kann nicht einfach zusehen, warten und hoffen, es muss auch wenigstens für die ENkel ein Gewinn in Aussicht sein. Und noch immer regnet es nicht annähernd genug. Aber Erfreuliches gibt es doch auch, Bidens Wahl. Wir hatten anderes befürchtet. Doch ist längst nicht alles überstanden, da bleibt uns mal wieder nur zu hoffen. Heue haben wir vier Stunden lang auf Phoenix die Übertragung der feierstunde zum 75.Jubiläum der Nürnberger Prozesse und anschließend eine Dokumentation über die Prozesse selber gesehen. Dabei wallten in mir tiefe dankbare Gefühle auf für die Amerikaner vor allem, die diesen gewaltigen Prozess erdacht und vorbereitet und durchgeführt haben, mit vor allem Engländern, aber natürlich auch Franzosen und Russen, aber der amerikanische geist der Besorgnis um die Welt und des Bestrebens, allen Seiten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, mit dieser phänomenalen geduld und Sorgfalt. Ich erinnerte mich, mit welcher Selbstverständlichkeit das Walten der Amerikaner damals von uns (mir und vielen anderen) als letztendlich richtig und hilfreich hin-und angenommen wurde, und es ist betrüblich, wieviel sich seitdem verändert hat, wieviel fremder das offizielle Wirken der USA oftmals geworden ist. Halte Dich fern von Corona! Was für Einschränkungen gibt es bei Euch? Wir sind froh, auf dem Lande zu wohnen, denn im Nu sind wir draußen an der frishen Luft und im Wald, während die Franzosen ja wieder nur eine Stunde am Tag nach draußen dürfen, mit Passierscbein und nur ein Kilometer von ihrer Wohnung entfernt. Mein Vetter lag vier Wochen in drei verschiedenen Kliniken, erstaunlicherweise dufte ihn seine Frau fast täglich besuchen, aber sonst darf man höchst wenig. Die Sinnhaftikeit erschließt sich einem nicht immer. Bei uns auch nicht, etwa dass Hotels und Restaurants und Museen und Theater seit Wochen geschlossen sind, die Schulbusse aber rappelvoll. Haute ist Totensonntag, mit dazu passendem Wetter, trübsinnig und feucht und vor allem dann zu ertragen, wenn man bedenkt, dass nächsten Sonntag schon der 1.Advent ist. Das gibt immer ein irgenwie tröstliches Gefühl, und dazu ein paar Kerzen und die Vorstellung, dass in wenigen Wochen schon wieder alles aufwärts geht. Für mich ist der Januar schwieriger, und noch schlimmer der februar. Früher gab es Schnee und Kälte, also villeicht tragfähiges Eis auf manchen Teichen, aber heutzutage: Nebel, graue Farben, Regen und die Aussicht auf lange FortdaUER: Na, mal sehen. Wir haben zum Glück ein gemütliches Haus und immer irgendetwas zu tun, auch viel Angenehmes. Du ja sicher auch, etwas Dichterisches und Denkerisches. Ach, hast Du übrigens das Buch von Brettschneider über die deutsche Nachkriegsliteratur bekommen? Das müsste schon seit etlichen Wochen angekommen sein. Weiterhin gutes Hüft-Empfinden und heutere, schöpfrische Stimmung wünschen Dir mit herzlichen Grüßen Deine gertraud und Bernd.