Gestern bestätigte ich meine Ueberzeugung, dass die Grundlage und der Ausgangspunkt meines Denkens mein unmittelbares Bewusstsein sind und sein müssen. Da dieses Bewusstsein mir jeder Zeit, allenfalls im Wachen, i.e. bei Bewusstsein, gegenwärtig ist, sollte seine Darstellung mir unmittelbar möglich, und lediglich durch die Fähigkeit sie sprachlich auszudrücken begrenzt sein. Das Erwachen ist ein passender Ansatzpunkt. Um es ungehobelt zu erzählen, meist weckt mich der Drang des Wasserlassens auf. Nächst muss ich mir die verkrustetten Augenlieder mit den Fingern aufsperren, muss die halbgelähmten Beine mit ihren verrosteten Hüftgelenken eins über das andere zur Matratzenecke schieben, muss den Gehbock an den Bettrand ziehen, die verkrüppelten Füße in gehörigem Abstand von einander auf den kalten Fußboden pflanzen, bis ich mich schließlich mit der rechten Hand an der Kreuzstange des Gestells, und der linken auf das Bett gestützt, taumelnd in die Höhe schiebe, indem ich mich vorwärts beuge um die vier Beine des Gestells fest gegen den Fußboden zu stämmen. Greife dann schnell nach einem Kunststoffbecher mit dem ich den Urin auffange. Nächst setze ich mir die runden Kataraktbrillengläser auf und blicke auf das kleine Telephongerät um Zeit und Datum festzustellen. Mit diesen Kenntnissen von Datum und Zeit fädelt sich mein Denken in die objektive Gedankenwelt. Muss nun aber auch eingestehen, dass mit der Festellung der Zeit das gedankenlose automatische Wirken keineswegs geendet, sondern im Gegenteil, kaum begonnen hat, indem ich zunächst nach alter Gewohnheit mit dem Waschen, mit den Ankleiden, mit dem Zusammenziehen des Bettes fortfahre. Schließlich steige ich, auf zwei Stöcke gestützt, die Wendeltreppe hinab in die Küche wo ich mir, ohne jegliche weitere Erkenntnisbemühungen, Haferschleim und Kaffee koche. Tatsächlich nicht nur der ganze Tag, nein Wochen, Monate, Jahre, und vielleicht der Rest des Lebens könnten geist- und gedankenlos, mit dergleichen Betätigungen, verstreichen, wozu jegliche Erkenntnistheorie ueberflüssig ist. Indem ich diese Gedankenausführe, stiften sie die Vermutung, dass die Existenz sehr vieler Menschen aus nichts Anderem besteht und nichts Weiteres besagt. Und wenn dem so wäre, was bedeutete dann die Erkenntnis, das Wissen darin vermutlich der Stoff der Natur- und der Geisteswissenschaften besteht, weswegen sich die Philosophen so schwere Sorgen machen, wie es begründet ist und worin es besteht. Abseits von der Sprache, vermag ich kaum mir Wissen vorzustellen, und fast auch nicht abseits von der Schrift, ohne die Bücher, ob nun auf Papier gedruckt, oder heutzutage vom Rechnerschirm ablesbar. Dies ist das Wissen worum die Erkenntnistheorie sich bekümmert. Dies Wissen lässt sich aber nur angedeutet aufzählen und anführen. In Anbetracht der labyrinthischen Verwicklungen der Epistemologie, scheint es mir dringend wünschenswert den tatsächlichen Wissensstoff zu vergegenwärtigen. Zu Beginn will ich mich Fragen, was das Wissen - übersetze "knowledge", worüber ich in diesem Augenblick verfüge, überhaupt sein möchte. Die kurze und genaue Antwort ist: garnichts; denn der Augenblick ist inhaltlich auf ein verschwindendes, infinitesimales Jetzt beschränkt, das wegen seiner nichtigen Geringfügigkeit leer sein muss, substanzlos, das lediglich als Ausgangspunkt des sich ausdehnenden Denkens dient. Und dies Denken, das sich aus dem Jetzt entspinnt, nimmt mannigfaltige Gestalten an: Am unmittelbarsten, die Gestalt der Erzählung, mittels der ich mir wiederholend berichte was ich vorhin gesagt, gehört, gedacht gefühlt habe. Die Erzählung kommt in Folge der Inertia, Trägheit, Beharrung der Gedanken, des Gemüts zustande. Die Interia, Trägkeit, Beharrung der Gedanken heißen Gedächtnis. Ausdruck des Gedächtnisses ist die Erzählung, die Geschichte. Die einfachste Geschichte ist die Pseudowiederholung des Erlebens, selbst abgeleitetes Erleben, welches das ursprüngliche Erleben nie zu erreichen vermag. vgl. Rilke: Das was geschieht hat einen solchen Vorsprung vor unserm Meinen, dass wir's nie einholen, und nie erfahren wie es wirklich aussah. Die Erzählung muss von der erlebten Wirklichkeit wovon sie berichtet unterschieden werden. Zwischen dem Erzählten und jeder ursprünglichen Wirklichkeit besteht eine unüberbrückbare transzendentale Kluft. Wohlbemerkt, die Erzählung bewirkt und verfügt, insofern sie selbst als Erzählung erlebt und verstanden wird, über eine ihr eigene abgeleitete Wirklichkeit, eine abgeleitete Wirklichkeit welche die ursprünglicheren Wirklichkeiten verschleiert und überdeckt. Diesem Prinzip, diesen Tatsachen gemäß, ist jegliche Geschichte eine Erzählung welche die unüberbrückbare transzendentale Kluft zur Wirklichkeit des ursprünglichen Erlebens verhüllt. Demgemäß wirken alle Geisteswissenschaften, insofern sie sich auf Vergangenheiten stützen und sich auf die geschichtliche Vergegenwärtigung verlassen, als Instrumente welche die Unerreichbarkeit der Vergangenheit täuschend verdecken. Das Bisherige deutet (suggests) auf einen grundsaetzlichen Unterschied zwischen dem Wissen der Gegenwart, von dem Wissen der Vergangenheit. Ich moechte versuchen diesen Unterschied gedanklich zu fassen, indem ich den Namen Wissen dem Wissen von Vergangenem vorbehalte, indessen ich die geistige Taetigkeit welche Sinn und Bedeutung in der Gegenwart hat als Koennen bezeichne. Diese Unterscheidung (differentiation) duerfte als moeglicher Unterschied zwischen Geisteswissenschaften als der Vergangenheit verschrieben dienen, und Naturwissenschaften der Gegenwart. Muster und Vorbild der Gegenwartswissenschaften ist die Mathematik, den jede mathematische Rechnung, jedes mathematische Urteil entspringt gegenwaertig wird in ewig wiederkehrender Gegenwart vom Geist des Einzelnen erzeugt. Zugegeben, wenn nicht gar selbstverstaendlich muss dieser mathematisierende Geist zur Mathematik dressiert werden. Mathematik wird nicht, oder im nur geringsten Masze von selbst oder, wie die Sprache, durch gesellschaftlichen Umgang, erzeugt und entwickelt. Sie ist das Ergebnis sich ueber Jahrtausende hinstreckender und aneinander kettender Entdeckungen die ins Geistesleben der Gesellschaft verwoben wurden und deren Gultigkeit sich immer und immer wieder bewies. Dass auch die Physik ein mathematisierende Gegenwartswissenschaft ist, scheint selbstverstaendlich. Aber auch die Chemie mit Atome und Molekuelen bestirnt ist ewig gegenwaertig. Denn obgleich chemische Reaktionen zeitbedingt sind, so lassen sie sich dennoch prinzipiell in jede Gegenwart versetzen. Auch die Biologie ist Gegenwartswissenschaft insofern alles Lebendige geboren wird und stirbt und alles Bewusstsein des Lebens ein gegenwaertiges ist. Hingegen sind die Schlussfolgerungen ueber den Ursprung der Arten (Origin of Species) insofern sie sich wesentlich auf die Vergangenheit beziehen, eine Form der Geschichte. Ob es sich dabei um eine Erscheinung, um ein Phaenomen handelt, welches tatsaechlich in der Gegenwart beobachtbar ist und somit auch der Darwinismus, jedenfalls telweise, eine Gegenwartswissenschaft ist, liesze sich diskutieren. Aehnlich steht es mit der Geologie.