Liebe Gertraud, lieber Bernd, Dank für beide Briefe, für den elektronischen so wie für den mit dem Bild der abgestorbenen Bäume. Betreffs des Baumsterbens hege ich ein zuversichtliches Vertrauen in die Heilkraft der Natur. Beim Abzug der Sägemühle aus Konnarock 1932, und noch sieben Jahre später, als wir 1939 dort ankamen, war die Landschaft verwüstet. Sie hat sich in den seitdem vergangenen 81 Jahren in märchenhafter Weise erholt. Beim Betrachten der hohen Schierlingstannenhecke die heute unser Haus dort umfriedet, erinnere ich aus der Kindheit das Dornröschenlied: "Da wuchs die Hecke riesengroß, riesengroß, riesengroß. Da wuchs die Hecke riesengroß um das Schloss." Schon seit vielen Jahren ist sie so hoch und umfangreich, dass ich sie nicht mehr zu beschneiden vermag, mit dem Ergebnis dass die Hecke nun die sehnsüchtigen Blicke welche einst die Ferne suchten, zurück ins Innere spiegelt. Gesundheitlich geht es mir etwas besser. Die Schmerzen die mir in vorigen Wochen zuweilen den Schlaf verdarben, haben nachgelassen. Das Schreiten und das Auf und Absteigen der Wendeltreppe scheint mir immer noch einigermaßen zu gelingen. Bis jetzt bin ich noch nicht gefallen. Dabei bemerke ich ein langsames Schwinden des Gedächtnisses, insofern es zunehmend öfter Worte und Namen gibt, die sich ihm grundsätzlich verweigern, aber das Rechners Gedächtnis ist unbeirrbar verlässlich, und die Ausdrücke die mit mir Verstecken spielen wollen, lassen sich dann mit wenigen Griffen in die Tastatur entdecken. Inzwischen habe ich im Verlauf der Tage, viele Stunden - zu schreiben "mit dem Studium" wäre zu prahlerisch - besser gesagt mit dem Überblicken von Vorlesungen über Quantentheorie verbracht. Ich mag vielleicht schon verschiedentlich erwähnt haben, dass ich als Fünfzehnjähriger in Germantown Friends School mich als einen begeisterten Schüler der einfachsten Physik entdeckte, und bei meinem Einstieg in die Universität die Absicht Physik zu studieren nährte. Es stellte sich aber sehr bald heraus dass die Literatur mir näher am Herzen lag. So wechselte ich zum Fach "History and Literature", und schäme mich seitdem wegen meiner Untreue oder Unfähigkeit was im Besonderen die mathematischen Naturwissenschaften anlangt. Ich erzählte Euch von meinem Interesse an Ernst Cassirers Philosophie der symbolischen Formen. Nachdem ich die drei Bände dieses Werkes gelesen und überdacht hatte, wendete ich mich dann zu einem weiteren umfangreichen Werk Cassirers über "Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit," ein Buch über die Geschichte der Philosophie. Den Anfang der neueren Zeit legt Cassirer, gründlich und gewissenhaft wie er nun einmal ist, in die Renaissance, ins 15. Jahrhundert. Das erste Kapitel seiner Geschichte erzählt vom Denken des Nikolaus von Kues. Der schrieb lateinisch, wenn nur weil es eine deutsche Sprache noch nicht gab, und nannte sich Nicolas Cusanus. In diesem ersten Kapitel stellt Cassirer Cusas Begriff der "docta ignorantia", der Wissenschaft des Nichtwissens, vor. Statt einer Theorie des Wissens, eine Theorie des Nichtwissens, statt einer Theorie des Verstehens, eine Theorie des Missverstehens. Genau das ist es was ich seit langem benötige, um mir mein Unverständnis der mathematischen Theorie der Quanten - und nicht nur dieser - verständlich und annehmbar zu machen. Docta ignorantia, zwei lateinische Worte, genau auf meinen Geist gemünzt. Nun nur noch die Frage, wie ich mein Unverständnis meines Unwissens beurkunden soll, - ob in einem pseudo-akademischen Referat, ob in einem Sonnettenzyklus, nicht wie kürzlich, "Sonnette an Chronos", sondern vielleicht "Sonnette an Lethe", oder "Nach Sonnenuntergang", oder "Eselswitz", ob in einem Roman oder ob in einem Schauspiel. Wohlbemerkt, die Zuversicht, dass was ich schreibe allseitig ungelesen bleiben wird, stiftet mir Freiheit im denkbar größten Maß. Auch hat meine Phantasie die Gelegenheit wahrgenommen des Nikolaus Geburtsort, Kues, noch einmal einen Besuch zu erstatten. Besinne mich noch heute lebhaft wie Margaret und ich bei unsrer letzten oder vorletzen Deutschlandreise vor etwa dreißig Jahren,die Straße 53 von Koblenz aufwärts ins tiefe Moseltal über Erden, Bernkastel, Kues, bis nach Piesport gefahren sind. Der Hinweis auf Nikolaus von Kues machte mich dann auch meiner Ignorantia der Renaissance gewahr, und so nahm ich die Gelegenheit das erste Kapitel "Der Staat als Kunstwerk" in Jacob Burckhardts Kultur der Renaissance in Italien, vom Bildschirm des Rechners zu lesen. Die Beschreibungen der Intrigen und Brutalitäten der damaligen Fürsten scheinen mir die Entsetzlichkeit der Politik der Gegenwart ein wenig zu beschwichtigen. Das Buch von Heute aber würde heißen "Unkultur des Verfalls in Nordamerika." Euch beiden meine Wünsche für einen gesunden und zufriedenen Winter, und herzliche Grüße. Euer Jochen