Beim Lesen von Cassirers Symbolischen Formen, faellt mir die unkritische Mischung von Geschichtserzaehlung und Systementwicklung auf. Mit der Geschichte, sei es die Sprachen der Kindheit oder der Naturvoelker oder sei es die Darstellung der pythagoreischen Lehren, sei es der Lehren Platons, Augustins, Cartesius, Leibniz, in jedem Falle eine Momentaufnahme einer geistigen Vergangenheit. Die Systematik ist Entwickelung einer Privatsprache, mittels welcher die Luecken klassischer Lehren verleimt und verstopft werden sollen. Die Systematik und ihre Schlussfolgerung, die symbolischen Formen bilden ein Aufgebot dessen Gueltigkeit mir jedenfalls keineswegs selbstverstaendlich erscheint. Gewiss verfuegt die Aufgebot (array) ueber einen aesthetischen Wert, - und doch ist dieser Wert so gering and Bedeutung, dass er die Muehen der Herstellung keineswegs zu bestreiten vermoechte. Es liesze sich behaupten dass der Wert dieses gedanklichen Aufgebots in seiner absoluten Wahrheit und Wirklichkeit bestuende; aber ein solcher Ansatz zur Prahlerei liesze sich kaum rechtfertigen, geschweige denn dass er sich beweisen liesze. Nein, das stichhaltige Masz von Wert und Gueltigkeit dieser Geistes- und Naturwissenschaftlichen erkenntnistheoretischen Bemuehungen liegt in ihren praktischen Folgen, welche sich in zwei Stoemen ergieszen: Erstens die theoretische Ergiebigkeit, insofern die zeitgenoessischen Sprachen, Mythen und Wissenschaften beschaffen sind sich in unbeschraenkten Richtungen Maszen und Zahlen auszudehnen und zu vervielfaeltigen. Diese Eigenschaft weist zumindesten einen aesthetischen Wert auf. Zweitens aber, und von ueberwaeltigender Bedeutung ist dass der von diesen symbolischen Formen beanspruchte Wissensbereich jene Technik ermoeglicht und naehrt welche die moderne Welt Verwandlungen unterzogen hat, Verwandlungen welche in unabsebaren Richtungen, Ausmaszen und Zeitspannen sich weiter auszudehnen versprechen - oder drohen. Ein sehr wesentliches Thema, von der philosophischen Ueberlieferung meist uebersehen, dem auch Cassirer nicht eine einzelne Betrachtung widmet, ist die eigentliche, innewohnende Gesellschaftlichkeit der Sprache, des Mythos, der Geistes und Naturwissenschaften. Denn als einzelnes, von der Gesellschaft getrenntes Wesen lernt kein Mensch zu sprechen, zu denken, oder auch in irgendweiner Weise zu mythisieren. Wissenschaften, einbeschlossen die der Natur sind ihrem Wesen gemaesz kommunale, gesellschaftliche Unternehmen. Es ist vielleicht die wichtigste Folge und Eigenart der Symbolik, dass sie gemeinschaftliche geistige Taetigkeit ermoeglicht und erfordert. Diese Gemeinschaftlichkeit und nicht irgendeine sonstige Uebereinstimmung mit Wahrheit oder Wirklichkeit, ist das unabdingbare Merkmal, Abzeichen der Objektivitaet. Das gemeinschaftliche Zusammenwirken ist die Grundlage und Bedingung von allem Wissen und von jeglicher geistigen Taetigkeit; ist letztlich auch die Basis und Vorbedingung des individuellen geistigen Lebens, der Subjektivitaet.