Lieber Jürgen, Dank für deinen Brief. Ich hab in der Zwischenzeit seit unserem letzten Briefwechsel verschiedentlich an Dich gedacht, mit dem stillen Wunsch dass Du gesund und zufrieden sein möchtest, und mit der Frage ob es soweit sei, mich Dir schriftlich aufzudrängen. Nun aber hat mich Dein Brief mit der Gelegenheit und Entschuldigung dazu versehen, zu tun was mich mit zunehmendem Alter am meisten benügt, nämlich mich schriftlich an Dich zu ergießen. Ich meine im Laufe der Jahre beobachtet zu haben, dass wenn mit steigendem Alter die Lebenskräfte versagen, das überflüssige und überfließende Reden, das Faseln, sich am längsten zäh und dauerhaft erhält. In meinem Falle ist es das Schreiben welches mir bestätigt, dass ich noch wach und einigermaßen lebendig bin. Im Juni dieses Jahres wurde ich 90 Jahre alt. Vor fünf Jahren starb meine Frau die es 63 Jahre mit mir ausgehalten hatte. Seitdem verlebe ich meine Tage zunehmend dankbar in Einsamkeit. Mein Sohn, dem ich zu seiner Hochzeit das Haus nebenan geschenkt hatte, besucht mich drei oder vier Mal in der Woche. Oft kommt er mit seiner Geige und übt. Wir haben einander wenig zu sagen, weil die Beziehungen zwischen uns vor Jahren schon befestigt wurden und der Bestätigungen kaum noch bedürfen. Meine vier Enkelkinder erscheinen nur selten, meist wenn sie ein Zelt oder einen Schlafsack abholen oder zurückbringen wollen, oder sonstiges Sportgerät für das mein großes leeres Haus ein Lager geworden ist. Mein Schlafen währt länger und ist tiefer denn je. Oft bin ich bis Mitternacht auf, und verschlafe dann den halben Morgen bis zehn oder gar elf Uhr. Von den argen so wie von den bösen Träumen bin ich weitgehend verschont. Auch am Mittag schlafe ich oft über der Tastatur des Rechners ein. Meine verrosteten Hüftgelenke und die Muskelschwächen des Alters verursachen wesentliche Behinderung des Gehens und des Stufensteigens. Bis jetzt aber gelingt mir das Klimmen der dreizehn Stufen von der ersten zur zweiten Etage wo, vor großen hohen Fenstern mein Schreibtisch mit einem der drei vernetzten Rechner steht. Von dort, blicke ich in das jetzt sich gelblich färbende Grün der hohen Ahornbäume. Zur Zeit beschäftigt mich das Wiederlesen von Martin Heideggers Sein und Zeit, und von Ernst Cassirers Philosophie der symbolischen Formen. Das sind Bücher mit denen ich mich im Laufe der Jahre ab und zu beschäftigt habe, ohne je zu einem befriedigenden Verständnis zu gelangen. Und jetzt, jetzt tröstet mich mein schwindendes Gedächtnis das kein Erinnern mehr verlangt, und wenig mehr als den Gedanken hinterlässt, dass ich es mit einer hoch spezialisierten Dichtung, mit einer von den Verfassern entwickelten Kunstsprache zu tun habe, die sie erfanden um ihrem geistigen Erleben eindrucksvollen Ausdruck zu verleihen, mit dem sie hinfort ihre besoldeten Professuren verdienten, einer Kunstsprache die zu erlernen mir nicht mehr obliegt. Denn mit zunehmendem Alter verfüge ich über mein eigenes (geistiges) Erleben welches ich versuchen mag mit eigenen Worten auszudrücken. wie etwa http://ernstjmeyer.ddns.net/kroetenrettung und 4. Aus der Umnachtung http://ernstjmeyer.ddns.net/ Die übrige Aufgabe ist sich freudvoll und dankbar auf das in Aussicht und wieder noch nicht ins Aussicht stehende Ende zu besinnen und vorzubereiten. Inzwischen nehme ich diese Gelegenheit Dir ein weiteres Mal für Deine gewissenhafte Sorgen und Mühen um uns zu danken, und Dir Zufriedenheit und Gesundheit zu wünschen. Dein Jochen