Liebe Gertraud, lieber Bernd, herzlichen Dank für Euern Brief mit den vielen teilnehmenden Fragen. Wenn es mir doch möglich wäre sie alle hinlänglich zu beantworten! Dennoch will ich mein Bestes tun, ihnen nachzukommen. In den vergangenen Monaten und Jahren hat mich zunehmend die lähmende Vermutung überrascht, dass sehr oft die sprachliche Erklärung, weit entfernt ein Zeiger auf Wirklichkeit und Wahrheit zu sein, stattdessen zu einem Schleier wird, mit dem ich diese verdecke und mir eine Märchenwelt ausmale in der meine Handlungen als die richtigen und rechten, und ich selber als ein Held erscheine. Der Hausbau auf Nantucket hat seine Wurzeln in den Ferienerlebnissen meiner Kindheit, 1934 und 1935, wo meine Eltern, meine Schwester und ich, den Monat Juni in Wenningstedt auf Sylt verbrachten, und ich gewahrte, dass meiner Mutter "ein Haus am Meer" als Lebensziel vorschwebte. Dass daraus "nichts wurde," legte sie dann, später, dem National-Sozialismus und der Vertreibung zur Last. Seit Jahren beschäftigt mich der Gedanke, dass viele, wenn auch nicht alle Bemühungen in meinem jungen Leben darauf zielten, meinen Eltern die Entbehrungen die sie in meiner Kindheit erlitten, irgendwie "wieder gut" zu machen. So ergab es sich, dass auch mir jahrelang, "ein Haus am Meer" als Lebensziel vorschwebte, wenngleich nicht das einzige, und dass ich 1970, als ich vierzig Jahre alt, auf Nantucket zeitweilig als Augenarzt wirkte, von einem meiner Patienten, für geringes Geld ($4000) ein Grundstück von 3,5 Morgen etwa einen Kilometer vom Strand entfernt, erwarb. Vierundreißig Jahre später, im Oktober 2004, vierzehn Jahre nach dem Tode meiner Eltern, war ich dann endlich so weit mit dem Bau zu beginnen. Klemens versuchte ich von Anbeginn in mein Vorhaben einzubeziehen. Auch meine Schwiegertochter Laura hatte regelmäßig mit ihren Eltern den Urlaub auf Nantucket verlebt. So betrachtete und behandelte ich den Vorgang des Baus als Weiterentwicklung von Beziehungen innerhalb der Familie, und das Haus als Instrument der Familienbefestigung. Stattdessen behaupteten sich aber die Verschiedenheiten unter uns als zentrifugale Kräfte welche uns entzweiten, denn Laura wollte und will nichts mit mir und mit einem von mir inszenierten und verwalteten Hausbau zu tun haben. Dementsprechend verhielt sich auch Klemens, obgleich ich ihn einlud sich an allen Entscheidungen zu beteiligen, abseits; und mir blieb nichts übrig als das Begonnene so gut ich es vermochte, selbständig fortzuführen. Jetzt, in Anbetracht meines hohen Alters, meiner Verkrüppelung, meiner Taubheit, und wohl auch wegen einer verständlichen Ungeduld mit meiner Gleichgültigkeit gegen die baldige Fertigstellung des Hauses, hat Klemens die Verwaltung übernommen. Zur Zeit verhandelt er mit einem Klempner wegen des Einbaus der Toiletten und Waschbecken in den Badezimmern, und der Abwäsche und des Geschirrspülers in der Küche. Wahrscheinlich wird das Haus in zwei oder drei Wochen benutzbar sein. Dann ergibt sich die Frage ob man die anderen verordneten Inspektionen beantragen soll, oder anfangen das Haus ohne weiteres zu benutzen, ein Vorgehen für das keine Strafen vorgeschrieben sind, und dass meinen Vermutungen gemäß auf der Insel gang und gäbe ist. Auch das soll Klemens nach eigenem Gutdünken entscheiden. Meinen Erfahrungen gemäß sind die Behörden, nicht nur auf Nantucket, sondern die staatlichen Behörden im Allgemeinen, einbeschlossen die Staatanwaltschaft, die Gerichte und die Revisionsgerichte dieses Staates in einem Maß verlogen und verdorben das sich von den Eigenschaften der Trumpschen Bundesregierung in Washington nur im Grad und Erfolg der Vertarnung unterscheidet. Das sind Umstände auf die ich entsprechend einem Rat meines Vaters reagieren würde, "Gehe nicht zu deinem Fürst, eh du nicht gerufen wirst." Aber Klemens und die restliche Familie leben in einer anderen Welt. Von Nathaniel, nach dem Ihr fragt, weiß ich wenig. In Anbetracht der Seuche, musste er die Proben und Aufführungen seines Orchesters einstellen. Ob oder wann er sie wieder ansetzen wird, weiß er wohl selbst noch nicht. Inzwischen lehrt er mittels des Internet, verschiedene Studenten im Trompetenspiel. Was er sonst tut, und ob er andere Pläne hat, weiß ich nicht. Mehr vermag ich nicht Euch zu berichten. Meinem Erleben gemäß lindert das Schweigen nicht nur die körper- sondern auch die Seelenschmerzen. Den Wahlspruch von Novalis' Heinrich von Ofterdingen: "Wo gehn wir den hin, Immer nach Hause" verstehe ich als Ausdruck der Sehnsucht nach der Versöhnung der Außen- mit der Innenwelt, des Objektiven mit dem Subjektiven, welche das Zuhause, die Heimat, mir bedeutet. Ich erinnere den Begriff Oikeiosis der Stoiker. Euch beiden sende ich meine Wünsche für Eure Zufriedenheit und Gesundheit, und meine herzlichen Grüße. Jochen