am 21. October 2020 Lieber Jochen, also endlich ist doch noch etwas zustande gebracht in Nantucket (auf...?), das freut uns sehr! Nachdem Du so viel Energie, Gedanken, Zeit in die verteidigung dieeses Hauses und Deiner Arbeit daran gesteckt hast, hat uns das lange Schweigen später beunruhigt, wenigstens befremdet, und die Frage blieb immer: Ist es denn nun fertig? Was ist mit der Elektroarbeit? Kann man das Haus bewohnen? Für wen ist es eigentlich gedacht? Wen freut es in der Meyer-Familie? Naja, nun sind einige Fragen angedeuteterweise ein wenig mehr geklärt. Wie schön. dass Ihr zu dritt wart und "harmonisch", wie Du sagtst, miteinander gearbeitet habt. Was eigentlich? Offenbar habt Ihr ja auch dort genächtigt, also ist es funktionstüchtig. Und Du hattest doch Nathaniel lange nicht gesehen - habt Ihr Euch wieder verstanden? Wie kommt er überhaupt dazu, sich mit Euch gemeinsam um das Haus zu kümmern? Und was macht Nathaniel ansonsten, das heißt musikalisch? Wie ist es mit seinem Dirigenten-Wunsch? Ich stelle fest, dass doch noch Fragen offen geblieben sind, die Bernd und mich, vor allem mich, beschäftigen. Wenn Du es nicht allzu lästig findest, wäre ich sehr froh, wenn Du Dich dazu äußern möchtest. Danke! Von Cassirer haben wir beide nichts gelesen, sind aber ehrfürchtig bei seinem Namen. Der Titel klingt interessant, aber wir werden allenfalls in einer Philosophie-Geschichte etwas nachforschen. Das ist uns zu schwierig. Was Du über Deine Bschäftigung mit seinen Gedanken, d.h. zunävhst mit seiner Sprache schreibst, finde ich sehr sppannend und bewundere mal wieder Deine Geduld, Entsclossenheit und Unermüdlichkeit, mit der Du Dich um die Entschlüsselung bemühst. Schade, dass er Dich nicht hat kennenlernen können, er hätte sich über Dich gefreut. Ja, den Novalis-Satz "...immer nach Hause" hast Du schon gelegentlich zitiert. Er klingt irgendwie tröst, beruhigend, ist mir aber trotzdem nicht verständlich. Du kannst ihn sicher erklären, tu das bitte, ja? Was für ein Zuhause ist das, wohin seine Figuren gehen? Mir fällt dazu nur der Himmel ein, beziehungsweise der Tod, das Dunkel. In die Richtung bewegen wir uns ja alle. Wir waren gestern gerade mal wieder bei einer Trauerfeier (für den Vater eines Schülers, dessen Klassenlehrer wir vor langer, langer zeit waren und um den wir uns ganz besonders gekümmert haben), der Pfarrer ein hochkluger, politisch sehr wacher Mensch, der ab und zu einen Leserbrief schreibt in unerer zeitung, dem wir begeistert zustimmen. Der las allerlei Bibelstellen vor, in denen den Menschen ihre Auferstehung versprochen wurde , und entsprechend waren auch seine Worte. Nachdem er eine wunderbar lebendige Lebensgeschichte des Verstorbenen erzählt hatte. In Tilsit geboren. !944 schon auf der Gustloff, dann wegen Überfüllung zurückgeschickt. Da hatte Gott seine Hand über ihn und seine Familie gehalten. (Aber warum nicht über all die anderen? Solche Fragen passen dann nicht in dei Zielrichtung.). Von uns ist nicht viel zu berichten. bernd hat die 5 Kürbissen eingemacht, meist süßsauer, die wir vor 2 Wochen im Rheinland gekauft haben, 25 kg wogen sie netto, beschäftigung für einige Tage. jetzt haben wir lauter goldene Vorräte. Vor zwei Jahren hatten wir einen 93-kg-Kürbis, Sorte gelber Zentner, nach einem großen Kürbisfest gerettet, weil niemend sich vorstellen konnte, dass so ein Koloss irgendeinen Nutzen haben könnte. Wir schon, und wie recht wir hatten? Zwei Jahre hat er uns ernährt, nun war er alle, und neue gab es nur viel kleiner. Aber freude haben sie bereitet, leuchtend gelb und orangerot. Erinnerst Du Dich an Ruth Klüger? Als Margaret und Du uns damals besuchtet, haben wir sie im Fernsehen im "Literarischen Quartett" mit Marcel Reich-Ranitzki gesehen, erlebt, jetzt ist sie gestorben, und Iris Radisch hat in der zeit einen langen Nachruf geschrieben, den werde ich Dir schicken. Vielleicht hast Du ihn ja auch schon gelesen. Dies ist ein neuer Computer. Unser alter hat den geist aufgegeben, kurz zuvor war er noch in Reparatur. Auf dem reparierten hatte ich Dir einen Brief geschrieben, was aber unwiderruflich gefressen worde. Macht nichts, war nicht bedeutend, aber trotzdem. Wir sind gesund. Bleibe Du es auch! Plant Ihr noch einen Besuch auf Nantucket? Hals-und Beinbruch, viel Erfolg! Liebe Grüße von Deinen Gertraud und Bernd.