Liebe Gertraud, lieber Bernd, gestern Abend, an Margarets fünftem Todestag, kamen Klemens, mein Enkel Nathaniel, und ich, von einem sechs tägigen Arbeitsbesuch auf Nantucket zurück. Klemens, der seit meiner Verkrüppelung die Leitung unsres Bauunternehmens auf der Insel unternommen hat, bleibt von der Prophezeiung die das Buddenbrookshaus in der Mengsstraße überschattet, "Wenn das Haus fertig ist, kommt der Tod," unüberzeugt, und strebt nun nach dem Ziel, "es endlich fertig zu kriegen." Dabei helfe ich ihm so viel ich kann. Seit unsrem letzten Besuch in Deutschland vor 28. Jahren, hat sich mein Reisen auf das Pendeln, hin und her, nach Konnarock und nach Nantucket beschraänkt, mit dem Leitmotif von Novalis:" Wo gehn wir denn hin? Immer nach Hause." Es sollte mich wundern, wenn ich mich nicht wiederhole, und dies Wort in Briefen an Euch schon, vielleicht mehrmals, zitiert habe. Bemerkenswert auch, dass wir drei zusammen aßen. Es war das erste Mal in fünf Jahren, dass ich nicht mir selbst meine Mahlzeit bereitete, und wegen der Umständlichkeiten, alles zum Tisch zu tragen und mich zu setzen, das Essen allein im Stehen am Küchentresen verzehrte. Es war ein harmonisches, wenn auch kurzes Zusammenleben. Dennoch bin ich es sehr zufrieden, - und etwas erleichtert -, wieder allein zu sein. Auf der Insel fand ich zum Schreiben, wegen der Bemühungen um die Fertigstelling des Hauses, kaum Gelegenheit, fuhr aber fort in einer Rechnerkartei, Ernst Cassirers schwer verständlichen, erfinderischen Text über seine Philosophie der symbolischen Formen nachzulesen. Dabei befiel mich der Gedanke, dass ich vielleicht diese "Philosophie" nur als eine besondere Art Dichtung zu begreifen vermöchte. Die Geisteswelt die dieser Schriftsteller mitzuteilen sucht, ist seine eigene, und keine mir geläufige. Der Dichter versucht mir seine Einsichten - seine Gesichte - zu zeigen, indem er eine neue Sprache erfindet, und mir aufgibt, um ihn zu "verstehen" seine Sprache zu erlernen; ein Unterfangen dass so schwierig und mühsam ist, wie das Erlernen manch anderer Fremdsprache. Ob der Mühe wert, hängt an von anderen Obliegenheiten, wie etwa die Fertigstellung eines Inselhauses, die man erwägen möchte. Genug für heute. Nichts bleibt als Wünsche für Euch zu einem gesunden zufriedenen Winter, und herzliche Grüße. Jochen