Wenn ich heute Morgen, wie ich es mir vorgenommen habe wieder einmal den Anfang mache die Truhe des Bewusstseins auszukramen, so befinde ich ich - wie stets vor der Feststellung, dass wert zu sagen, wert niederzuschreiben eigentlich nur das Wahre und Wirkliche ist. Somit draengt sich mir die Frage auf, ob und wiefern was ich jetzt denke, der Wahrheit und Wirklichkeit entspricht, oder gruendlicher noch, was denn eigentlich Wahrheit und Wirklichkeit sind. Ob es Wahrheit und Wirklichkeit tatsaechlich gibt, oder ob sie beide nichts als Hirngespinste sein moechten. Was ich jetzt, in diesem Augenblick ueber dies wichtigste aller Themen zu schreiben habe, ist, dass mir die Vorstellungen, dass es Wahrheit und Wirklichkeit geben muesste, unentbehrlich sind. Abwesend Wahrheit und Wirklichkeit waeren mein Denken und mein bewusstes Handeln unmoeglich. So bin ich vorerst bei der bestimmten Sicherheit (assured certainty) angelangt, dass Wahrheit und Wirklichkeit zumindest als Annahmen meines Geistes bestehen, weil sie ihm unentbehrlich sind. Wahrheit und Wirklichkeit muss ich erfinden, muss ich mir vorstellen weil ich in ihrer Abwesenheit nicht zu denken vermag. Ihre Bestaetigung entdecke ich dann in der Verlaesslichkeit meiner Gedanken. Es ist eine Demnonstration der Tautologie. Als Richtlinien, als verlaesslichen Rahmen fuer mein Denken, verlasse ich mich auf den Begriff der Wissenschaft. So wie mir im Raum des Individuellen, des nur fuer mich Bestehenden, des Subjektiven, Wahrheit und Wirklichkeit unentbehrlich sind, so ist mir das Postulat der Wissenschaftlichkeit unentbehrlich fuer die Annahme der Wahrheit und Wirklichkeit im Bereiche der Vielheit, der Mehrheit der Menschen. Die Wissenschaft ist Inbegriff und Ausdruck von Wirklichkeit und Wahrheit im Zusammenwirken vieler anderer Menschen als Gesellschaft. Ich unterbreche diese Gedankenfolge um darauf hinzuweisen, dass ich in Cassirers Schriften, soweit ich sie gelesen habe, keinen Bezug auf ein gesellschaftliches Denken, dem ich eine so grundlegende Bedeutung zumesse, zu finden vermag. Inwieweit diese Diskrepanz Cassierers Denken, und inwieweit sie meinem Denken zur Last gelegt werden sollte, muss der Leser entscheiden. Mit seiner Betonung der Unterschiede von Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften, hat Dilthey einen erheblichen Dienst geleistet, nicht weil diese Unterscheidung gueltig waere, sondern weil ihre Ungueltigkeit einen Ansatz fuer die Klaerung unserer Denkfehler bietet.