Als ich gestern Abend im dritten Band von Cassirers Symbolischen Formen las, fiel mir auf bei seiner Besprechung von Hartmanns Metaphysik, der Hinweis auf die Probleme der Begriffbestimmung der Worte, Leib und Seele. Ich fragte vorerst, wie es sich gehört, mich selbst, wie ich denn diese beiden so einfachen und doch so schwierigen Begriffe erklären würde. Wäre es denkbar dass man die Worte "Leib" und "Seele" zu "verstehen" vermöchte, trotz der Unmöglichkeit sie begrifflich festzustellen? Was würde ein solches "Verstehen" besagen? Ich vergegenwärtigte mir, wie verschieden (various) und veränderlich (variable) in der Bedeutung, ein jedes dieser Worte zu gelten vermag. Und da kam mir der Gedanke, dass diese Beschränkungen aus dem Wesen der Sprache fließen. Nun frage ich, sind die Beschränkungen Folger einer geistigen Verwirrung die im Erleben liegt und in der Sprache nur gespiegelt wird, oder ist das Erleben eindeutig und klar und entsteht die geistige Verwirrung bei dem Versuch dies Erleben sprachlich mitzuteilen? Und plötzlich erschien mir der gesamte philosophische Betrieb von Thales, über Platon, Aristoteles, Aquino, Cartesius, Spinoza, Kant, Hegel bis zu - nein nicht Cassirer oder Heidegger oder Arendt, sondern bis zu mir, als das Zusammenmischen einer letzthin unverdaulichen Gedankenhexensuppe, an der die großen Philosophen und die kleinen, wie ich, süchtig geworden sind, und wie wir nun für unsere Hoffart bestraft werden, mit der Auflage lebenslang an unsrem Gebräu würgen zu müssen. Es ist befreiend die Philosophie mit all ihren Dunkelheiten und Unverständlichkeiten, und wenn ich es sagen darf, scheinbaren Absurditäten als eine gewaltige und überwältigende Tradition der Dichtung zu betrachten. Denn ist es nicht die Aufgabe jedes Dichters sein Verständnis der persönlichen Innenwelt und der vermutich allgemeinen Außenwelt in einer auswendigen Spiegelei von Worten darzustellen, von Worten die letztlich nur dem der sie aussprach oder niederschrieb sinnvoll und verständlich zu sein vermochten, und dies eigentlich nur zur Zeit und bei der Gelegenheit des Aussprechens oder Niederscreibens? Mit dieser Einsicht wäre das allgemeine Nichtverstehenkönnen philosophischer Schriften entschuldigt, und die scheinbare Stur- und Stumpfheit der Schüler die ihren Unverstand bekennen, erschiene in einem neuen Licht als Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit. Fragen um den Sinn und um das Verständnis philosophischer Schriften wären demgemäß Fragen um die Verständlichkeit der (dichterischen) Sprache.