Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vielen Dank für Euern Brief. Von Tag zu Tag erlebe ich aufs Neue, in welchem Maße das Altwerden Aufgabe und Übung für Geist und Seele ist, wenn ich mir diese Ausdrücke erlauben darf. Meiner Erfahrung gemäß, ist es als junger Mensch fast unmöglich sich vorzustellen jemals alt zu werden, geschweige denn, tatsächlich alt zu sein. Als es so weit war, wurde es mir schwierig einzugestehen, nicht mehr jung zu sein. Das Tätigbleiben soll dann das Überleben, die Zuverlässigkeit der Existenz verbürgen, in meinem Falle, erst die medizinische Praxis, dann das Schreiben, und schließlich etwas so nebensächliches wie das Autofahren - mein Führerschein wurde kürzlich für fünf weitere Jahre, bis zu meinem 95. Geburtstag, verlängert! Die Praxis hat sich wie von selbst beruhigt. Patienten sind, ohne Anregung von mir, fortgeblieben. So auch das belanglose Autofahren. Ich wüsste nirgendwo ich hinfahren möchte. Eine Reise nach Konnarock würde mit 14 Tage Quaratäne bestraft. Und das Schreiben, regelt sich wie von selbst. Ein Brief wie dieser wirkt stets als Anregung zum Nachdenken und zur Besinnung. Anderweitig scheint mir das Schreiben - wie das Atmen, als unvermeidlicher Begleitumstand des Lebens im Alter. In diesem Geist meine ich nun auch die schwierigen, berühmten Schriften anderer zu lesen, wie etwa Goethes Faust II, Kants Kritiken, Gundolfs Goethebuch, Schnabels Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. In jedem Falle scheint mir, dass der Verfasser schrieb nicht (nur) um sich mitzuteilen, sondern weil ihm das Schreiben zur unvermeidlichen und unumgehbaren Lebensnotwensigkeit geworden war. Damit wäre vieles erklärt und manches vergeben. In meinem Katalog der Tugenden, hat die Geduld eine hervorragende Stelle. Geduldig sein, so scheint es mir, ist eine geläuterte Beziehung zur unaufhaltsamen Kaskade der Zeit, dem zehnten Jahrzehnt des Lebens besonders angemessen. Mein gegenwärtiges Leben besteht vornehmlich im Einüben in die Geduld. Alles andere kommt von selbst. Ich sende Euch meine herzlichen Wünsche für alles Gute. Euer Jochen