Sechzig Jahre sind nun vergangen seit Jerry Foster den von mir verfassten Text mit der Schreibmaschine druckte. Der Titel: "Der Zweifel an der gedeuteten Welt aus dem ethischen und ästhetischen Bewusstsein des Menschen" ist ebenso programmatisch wie Schopenhaürs "Die Welt als Wille und Vorstellung." Die Überschrift verkündet die Lehre. Damals fand ich für meine Schrift, auch in der englischen Fassung, kein Interesse in der Familie, geschweige denn in der Öffentlichkeit, bei Verlegern oder bei den Professoren. Anders als im Falle Schopenhaürs, ließ Anerkennung auf unabsehbare Zeiten auf sich warten. Die Wiederholung mit der ich mich heute einlasse, empfinde ich keineswegs als weiteres Warten. Genaür bedacht, hab ich noch nie auf Anerkennung, um den Ruhm unerwäht zu lassen, gewartet; habe stattdess in der keineswegs in Ungeduld verflossenen Zeit gelernt, dass meine mögliche Erscheinung in der Öffentlichkeit Verpflichtungen der Vergesellschaftung und des politischen Auftritts voraussetzen, Verpflichtungen denen ich zureichend in meiner medizinischen Tätigkeit als Augenarzt nachgekommen bin, und vor denen ich mich in meinem Denken und Schreiben bewusst enthalten habe. Denn politische, gesellschaftliche Betätigung erfordert gedankliche Zugeständnisse welche mit meinem innerlichen Erleben und mit meinem äußerlichen Vorhaben unvereinbar waren und unvereinbar bleiben. Statt Anerkennung und Ruhm erntete ich ein Verständnis der unvermeidlichen unausweichlichen Dynamik des gesellschaftlichen Geistes. Es ist unvermeidlich, dass sich mein Denken an dem durch seinen Ruhm bekannt Gewordenen entzündet. Sag Thales, Anaximandros, Heraklit, Parmenides, Sokrates, Platon, Aristoteles, Augustinus, Luther, Cartesius, Spinoza, Leibniz, Kant, Hegel, Schelling, Schopenhaür ... Es sind deren Gedanken, Aussprüche und Schriften an denen sich mein eigener Geist gebildet hat, und fortfährt sich zu bilden. Dementsprechend ist es unvermeidbar, dass auch ich, allenfalls am Einsatz meiner Tätigkeit, mich auf die öffentliche Anerkennung als Prüfstein meiner Bemühungen verließ. Eingehender (genaür) betrachtet, wird das Problem der abwesenden Anerkennung durch meinen Anspruch auf das Zweifeln beantwortet und behoben, denn schließlich erscheinen die Anerkennung anderer durch die ich mich zu ihnen hingezogen fühle, und die Anerkennung meiner selbst die ich als Maß, als Index des Wertes meiner eigenen Arbeit und meiner Person einzuschätzen verleitet werde, nun auch als Zubehöre jener gedeuteten Welt die hinfort in Zweifel gezogen sein soll. Durch den Zweifel an der gedeuteten Welt werden Ruhm und Anerkennung ebenfalls Gegenstände des Zweifels und somit werden die Bekümmernisse um den Ruhm und um die Anerkennung hinfällig. Oder hab ich wieder einmal ein Phänomen der sauren Trauben entdeckt? Wie erwähnt, hatte ich den bewussten Ursprung meiner These in Rilkes erster Duineser Elegie entdeckt: Und so verhalt ich mich denn und verschlucke den Lockruf dunkelen Schluchzens. Ach, wen vermögen wir denn zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht, und die findigen Tiere merken es schon, daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind in der gedeuteten Welt. Es bleibt uns vielleicht irgend ein Baum an dem Abhang, daß wir ihn täglich wiedersähen; es bleibt uns die Straße von gestern und das verzogene Treusein einer Gewohnheit, der es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging nicht. Also dem Eingeständnis und der Ausübung der Einsicht, "daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind in der gedeuteten Welt," entquillt die unentrinnbare Forderung an dieser Welt zu zweifeln. Über die Wirkungen solchen Zweifelns werde ich anderen Ortes erzählen. Vorerst möchte ich die beiden Qüllen des Zweifelursprungs überlegen. Ich meine den Ursprung des Zweifels nicht in einem über- und außermenschlichen Verhältnis zu finden, sondern im Wesen des Menschen selbst, zugegeben dass dies Menschenwesen der Natur entspringt und entspricht, und dass ich nicht gesonnen bin den Menschen aus der Natur in die er gebettet und in der er geborgen ist, heraußuschälen. Ich will den Menschen als einen intrinsischen Teil der Natur betrachten und verstehen. Die Zweiteilung in ein ethisches und in ein ästhetisches Bewusstsein scheint sich mir wie von selbst aus der grundliegenden Ursache von Zeit und Raum in meinem Erleben zu ergeben. Das Ethische Bewusstsein ist in dem Jetzt gegründet, und dies Jetzt ist außerhalb des Stroms der Zeit und unvereinbar mit ihm. Dies ethische Bewusstsein entspricht meiner Handlung. Diese Handlung ist, wie das ethische Bewusstsein dem sie entspricht außerhalb des Stroms der Zeit. Die gedeutete Welt, hingegen, ist untrennbar, unentwirrbar, in den Strom der Zeit verwoben. Daher, als außerhalb des Stroms der Zeit, wirkt das ethische Bewusstsein als eine unverkennbare Qülle des Zweifels an der gedeüten Welt. Vergleichbar steht es mit dem ästhetischen Bewusstsein. Es entspricht dem Hier. Das Hier liegt außerhalb des bestimmten, messbaren Raumes ebenso wie das Jetzt außerhalb des Stromes der Zeit liegt. Mein Ich, mein Bewusstsein ist ans Jetzt und Hier gebunden. Das Nicht-Ich, das Über-Ich welches Zeit und Raum außerhalb von Jetzt und Hier verwaltet ist göttlich, und wird Gott genannt. Das Gotteserlebnis ist den Menschen unentbehrlich weil des es als auschließliches Mittel dient die Menschen miteinander subjektiv zu verbinden, und die anderweitig unüberbrückbare Kluft zwischen ihren Subjektivitäten zu schließen.