Wahrscheinlich wiederhole ich mich, denn ich habe sechzig oder siebzig Jahre lang über dieses Thema nachgedacht. Die Pösie, die Dichtung ist der Schlüssel zur Erkenntnis. Ich fädele diesen Schlüssel in die philosophischen Schriften die ich jeweils lese, in die Kritik der reinen Vernunft, in die Phänomenologie des Geistes, und heute in Cassirers Philosophie der symbolischen Formen, und entdecke, wenn ich mich nicht irre, dass all diese Schriften und viele andere sinnvoll und verständlich werden, (nur) wenn ich sie als Dichtung, als oftmals umständliche, verwickelte Pösie deute. Das Wörterbuch übersetzt "awkward" mit linkisch, unangenehm, ungeschickt, heikel, misslich, schwierig, unbeholfen, ungelenk, peinlich, renitent, bockbeinig [coll.], unbehaglich, sperrig, voluminös. Und all diese Synonyme bekräftigen was ich von der philosophischen Dichtung meine. Im Falle der symbolischen Formen passt dieser Schlüssel indem er den Ausdruck Mythos mit Dichtung oder Pösie gleichsetzt, denn dann begibt sich die Offenbarung dass Cassirer bei seiner Betrachtung der Mythen aller Welt, einbeschlossen der "Naturvölker", in einen Geistesspiegel blickte, indem ins Besondere, seine eigene vorliegende Schrift über die Symbole, zuletzt nur als Dichtung, als Mythos, als mythische Dichtung der Gegenwart zu deuten ist. Eines ist es zu sprechen, sich zu erklären, zuzuhören, zu verstehen, das heißt die Sprache in unmittelbarer Gegenwart zu üben und zu erleben. Ein anderes ist es über die Sprache als historische Erscheinung nachzudenken, nachzuforschen, zu phantasieren, zu berichten, zu erzählen. Damit verwandelt man die Sprache selbst in Erzählung. Und auch diese Erzählung, behaupte ich, wie jede andere Erzählung, welche den Geist des Erzählers mitzuteilen beansprucht, welche mehr als Abschrift oder Verdoppelung eines Gegebenen ist, wird durch die trennende Zeit in Mythos verwandelt. Die Dichtung ist der Inbegriff jeglicher Erzählung, einbeschlossen der Erzählung vom Mythos. Das Wesen der Dichtung ist nicht (nur) die Wiedergabe, das Darstellen einer gesetzten Sprache, sondern ins Besondere, das Schaffen neür Sprache. Das dichtende Schaffen der Sprache ist nicht nur das Entdecken oder Erfinden "neür" Worte, unerwarteter Ausdrücke, sondern in weiterem und vielleicht höherem Maße die Zuschreibung zu bestehenden Worten, von neün, vielleicht mehr sinnvolleh, - zugegeben aber auch, manchmal verschrobener Bedeutungen; und gerade das ist es was Cassirer mit seinem Schreiben beansprucht. Bei Cassirer meine ich einen ähnlichen Drang im Alter zu schreiben zu spüren, den ich Göthe und seinem 2. Teil des Faust zuschreibe, und den ich selber zu erleben meine indem ich mich in so hohen Jahren, ein weiteres Mal dem Ursprung des Zweifels zuwende.