Beim mühevollen Versuch Kants Grundlegung zur Metaphysik der Sitten zu entzifferen, bin ich auf den Gedanken gestoßen, dass vielleicht auch die Mathematik eine Menge (set) von Gedankenspielen ist, denen der Lernende Sinn zuzufügen verpflichtet ist: einen Sinn der keineswegs selbstverständlich, sondern ein Sinn der von dem Lehrer oder von dem Lehrbuch vorgeschrieben wird. Mathematische Lehren also wären Fälle wo sich der Sinn nicht unmittelbar aus unbewusster Assimilierung ergibt, sondern wo die Assimilierung, sozusagen, eingehebelt werden muss, manchmal mit erheblicher Mühe. "Ich verstehe nicht," oder "Ich verstehe Dich nicht," wäre dann die das Selbst, das Ich, erhaltende Abwehr gegen das Fremde. Und wie beim Erlernen einer fremden Sprache, wäre Assimilierung keineswegs unbewusst, sondern nur mit großer Mühe vollzogen. Es ist also ein Unterschied zwischen dem Erlernen einer "fremden" Sprache, wo jedes Wort unbekannt ist und nachgeschlagen werden muss, und einer vertrauten Sprache deren Sinn sich "von selbst" aus den Worten ergibt, weil solche Sprache demIch mehr oder weniger vollständig eingegliedert ist. ============= Kant behauptet Gott, Freiheit und Ewigkeit seien jenseits des Bereiches der reinen Vernunft. Ich schlage vor den Ausdruck "Ewigkeit" mit Unbegrenztheit, Grenzenlosigkeit, Apeiron zu ersetzen. Ich schage vor den Ausdruck "Freiheit", mit "Ich" zu ersetzen. Das wäre eine Abänderung die darauf hinaus liefe, dass lediglich das Apeiron, die Grenzenlosigkeit jenseits des Vernunftbereiches zu konstatieren ist. Der Begriff Gott möchte dem unendlich "Großen" entsprechen. Der Begriff "Ich" möchte dem unendlich "Kleinen" entsprechen. Sollte man sich zu der Einsicht überwinden, - oder zu dieser Einsicht durchdringen -, dass das Messen, das Maß, das Ausmaß, die Zahl, das Zählen unbestreitbar dem Vernunftbereiches zugehören, so verbleibt von der besagten Formel außerhalb des Bereichs der reinen Vernunft nur die Grenzenlosigkeit, das Apeiron; und die Begriffbestimmung des Anaximandros wird bestätigt. Auch ist es viel besagend, dass die Stellung außerhalb der reinen Vernunft von Gott und Ich, von den beiden unabkömmlichen, unveräußerlichen Pole der Subjektivität bestätigt wird. Man bemerke den Widerspruch: einerseits sollen Gott und Ich der reinen Vernunft unerreichbar, andererseits sollen Gott und Ich der reinen Vernunft gleichgestellt sein. Der Widerspruch ist das Instrument welches die Thematik der "Kritik der reinen Vernunft" möglich macht ebenso wie der inbegriffene Widerspruch eines Apeiron das Gedankenbild, den Gedankenvorgang des Anaximandros ermöglicht.