Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vielen Dank für Euern Brief, ins besondere für den Hinweis auf Gottfried Benn, an dessen Gedichte ich mich nicht erinnerte, wenn ich sie überhaupt je gelesen hatte. Diese Versäumis hab ich sofort aufgewogen, indem ich mich stundenlang mit einer Sammlung von Benns Gedichten dich ich im Internet fand, vertraut machte. Die einförmigen Tage seit meinem letzten Brief hab ich zum Teil mit dem Wiederlesen von alt bekannten Büchern verbracht, so etwa mit Thomas Manns Dr. Faustus, und im Anschluss, mit dem Zweiten Teil von Goethes Faust, einem Alterswerk das Goethe größten Teils zwischen 1827 und 1831 verfasste, also als er zwischen 78 und 81 ahre alt war. Hab außerdem im 2. Band von Cassirers Philosophie der symbolischen Formen über Mythos und in den Vorlesungen Friedrich Schlegels über Mythologie gelesen. Solche Bücher wirken dann als kritiklose Gesprächspartner mit denen ich mich unterhalte. Ob ich in Anbetracht meiner Altersschwächen, auch abwesend der Verkehrssperren eine Autofahrt nach Konnarock wagen würde, brauch ich nicht zu entscheiden, denn die Tatsachen dass ich bei meiner Rückkehr aus Virginia in Massachusetts eine amtliche Erklärung über meine Reise abliefern müsste und mich möglicherweise auch ohne Krankheitserscheinungen einer zwei Woche langen Quarantäne unterziehen müsste, genügen mich von der überflüssigen Reise abzuschrecken. Ich werde also hier in Belmont bleiben, auf meinem bequemen Sessel, und geduldig wie immer, dass schnelle Verfließen der Tage, Wochen und Monate erleben, um Euch dann, bei Gelegenheit, wie heute, meine Wünsche für Euer Wohlergehen und für Eure Zufriedenheit zukommen zu lassen. Euer Jochen