From bugstrangfeld@web.de To Ernst Meyer ernstmeyer@earthlink.net Subject: Wird mal wieder zeit!! Date: Fri, 21 Aug 2020 19:03:07 +0200 Lieber Jochen, schon wieder ist es viel zu lange her, seit Dein letzter Brief kam. Jedenfalls danke! Du schriebest interessante Empfindungen über die zeit, ihr ganz schnelles und gleichzeitig ganz langsames Vergehen. Die Zeit scheint mir etwas äußerst Subjektives, je nach Stimmung saust sie vorbei oder breitet sich weit aus mit all dem vielen, das in ihr geschehen und aufgehoben ist. Aber Du hast vermutlich etwas anderes gemeint. Wie geht es Dir in Corona-Zeiten? Ich habe den Eindruck, oder das Gefühl oder Empfinden, das Bewusstsein dieser Epidemie legt sich lähmend auf das Gemüt, die Vorstellung von Zukunft, auf den Wunsch zu planen oder Kontakte zu pflegen. Dazu kommt hier allerdings auch das Wetter, die ungewohnte Hitze und seit einiger Zeit die Schwüle, die zumindest meine Energie erdrückt. Wir hatten allerdings 5 Tage sehr lieben Besuch von einr guten alten Freundin aus Weimar, haben die Tage gefüllt mit Gesprächen, Ausflügen (Burg Altena, mal wieder beeindruckend, mit der ersten Jugendherberge der Welt!!) und abends vielen Filmen aus unserer beträchtlichen Sammlung, etwa Jane Austen, "Pride and Prejudice", Oscar Wilde, "The Importance of Being Earnest", Filmen über unsere französische Gegend und die Przcwalski-Pferde auf unserer Hochfläche, von denen zunächst 8 Tiere in die Mongolei verfrachtet und dort ausgewildert worden sind. Da stammen sie ursprünglich her. Beim Versuch, unsere beträchtliche Bibliothek ein wenig auszulichten, bin ich auf Oliver Goldsmith, "The Vicar of Wakefield" gestoßen, eine etwas bearbeitete Fassung, mit Illustrationen von A.Kubin, erschienen im Deutschen Buchklub, kurz nach dem 2.Weltkrieg, ohne Jahr.Das Leben der englischen Landpfarrer ist oft unterhaltsam, wenn auch immer gewöhnungsbedürftig als Lektüre. Wir haben kürzlich beschlossen, trotz steigender Corona-Zahlen und allgemeiner Sorge uns am 2.9. mit unserer dänischen Freundin Bente in Jütland zu treffen und ein paar Tage die Westküste etwas zu rkunden. Wir haben diese Reise schon dreimal aufgeschoben, und wir werden älter und wackliger. Also ran, solange es noch geht.Aber wir müssen uns schon einen ordentlichen Schubs geben, von spontaner Begeisterung keine Spur. Und wenn möglich, wollen wir im Oktober noch einmal nach Südfrankreich, meinen Vetter besuchen. Das ließ sich mit unerer Juli-Reise nicht verbinden, weil Bernd zu seinem Orchester-Workshop nach Leck an der dänischen grenze gereist ist. Schrieb ich schon, dass ihm dieses Unternehmen wieder sehr gut gefallen hat? Ein paar touristische Unternehmungen fielen auch dabei ab, Nolde, Husum, Haitabu, alles mit einem Kollegen aus Jena. Der August ist mir immer ein etwas schwieriger Monat, zu heiß, zu kalt (alles schon mehrfach erlebt), mit einem kräftigen Hauch von Abschied und Ende. Gottfried Benn hat Ähnliches empfunden, er schreibt in einem Gedicht: "Einsamer nie als im August:/ Erfüllungsstunde - im Gelände / die roten und die goldenen Brände, / doch wo ist deinr Gärten Lust?" usw. Ich habe mal in einem frühen Semester, noch in Heidelberg, ein Referat über Benn geschrieben und mich dabei mächtig eingefühlt, es war schwierig, wieder in die etwas freudigere Wirklichkeit zurückzufinden. Und sein "Astern", das liebe ich immer noch ganz besonders: "Astern - schwälende Tage, / alte Beschwörung, Bann, / die Götter halten die Waage / eine zögernde Stunde an..." Heute Abend gehen wir zu einer Freundin in der Nachbarschaft und machen gemeinsam ein "Lernspiel", haben uns schon durchs Mittelalter und die Nordamerikanische Geographie gearbeitet. Macht Spaß, und manches behält man sogar. Für einen richtigen Lerneffekt müsste man natürlich jedes Spiel mehrfach durchgehen. So zu dritt kann man sich ganz gut aufheitern. Dir wünschen wir, dass Du gut durch den Sommer kommst und frohe und zufriedene Zeiten zwischendurch hast, dass Dich Deine Hüften nicht so plagen, dass Du die treppen ohne Zähneknirschen bewältigen kannst, liebevolle Erinnerungen... Möge es Dir gut gehen, lieber Jochen, wünschen herzlichst Deine Gertraud und Bernd.