am 25. Juli 2020 Liebe Gertraud, Dank für Deinen Brief. Die Übersendung der Bilder deretwegen Du fragtest war anfangs abgewiesen wegen meiner nachlässigen Gleichgültigkeit um die Entsorgung meines überfüllten e-mail Speichers, dessen Aufräumen ich aufschob bis man mich mit der künftigen Abweisung weiterer E-post an mich bedroht hatte. Die Beschreibung und Besprechung von Photographien, Zeichnungen, Gemälden ist mir von jeher problematisch erschienen. Ich besinne mich wie mich als Kind die Sehnsucht nach der Nordsee zu Versuchen bewog, das Meer, die Brandung der Wellen, den Sonnenuntergang am nebligen Horizont, in Worte zu fassen, Versuche von denen ich heute zu erkennen meine, dass sie etwas Unmögliches anstrebten. Besinne mich als Student reichlich mit Photographien illustrierten Vorlesungen über Kunstgeschichte beigewohnt zu haben. Damals überzeugte ich mich dass es unmöglich ist das Anschauen eines Kunstwerkes, oder sollte ich schreiben, das Erleben der Gegenwart eines Kunstwerkes, in Worte zu fassen. Und was für die Kunst gilt, gilt vielleicht für's Dasein überhaupt, eine Einsicht in der sich das Versagen meines langen Lebens spiegelt. Dass ich trotzdem und umso eifriger und besessener fortfahre zu schreiben, ist heute möglich weil ich nicht nur die Versuche mich mittels der Sprache zu verständigen aufgegeben habe, sondern jegliche Versuche überhaupt verständige Sätze zu verfassen, mit dem Ergebnis, dass meine Worte zu Tränen geworden sind, die auf eine innere Bewegung hinweisen ohne sie erklären zu können. Auch dies sind Worte, von denen es besser wäre, dass ich sie verschwiegen hätte. Aber wie stets, sende ich Dir und Bernd die innigsten Guten Wünsche und Grüße. Dein Jochen