am 6. Juli 2020 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vielen Dank für Euern Brief, der mich anregte über das Lecken von Wunden, das mich als so außerordentlich natürlich anmutet, nachzulesen. Was ich entdeckt habe, möchte vielleicht auch Euch, und besonders Eurer Pflegehündin von Interesse sein: https://en.wikipedia.org/wiki/Wound_licking https://www.akc.org/expert-advice/health/should-dogs-lick-wounds/ Selbstverständlich wäre es unverantwortlich von mir, mich dem sachverständigen Rat den ich ermittelt habe, zu widersetzen, aber dennoch wenn ich mich an Snoopys Stelle versetze, würde ich mein verfassungsgemäßes Recht meine Wunden zu lecken, bedingungslos behaupten. Dabei fällt mir auf, wie unterschiedlich unsere Lebensstile heutzutage sind. Ihr, ausländische Tierpflegeeltern tausend Kilometer von zuhause, indessen, verkrüppelt wie ich wie nun einmal bin, mein tägliches Reisen beschränkt ist auf das 2 1/2 Meter Hinundher vom Bett zu meinem Schreibtisch, auf das wiederholte Besuchen der 5 Meter entfernten Toilette, und ein oder höchstens zwei Mal täglich, die große Wanderung die Wendeltreppe hinab in die Küche zur Tagesmahlzeit, und wieder hinauf zurück zu meinem bequemen Sessel am Rechner. Da ist's die Tätigkeit des Schreibens, das ich ehr als Spielerei denn als Arbeit erlebe, die mich befriedigt und die mir die bei schwindendem Gedächtnis unmäßig eilig fliehenden sonnigen Sommertage erträglich machen. Nachdem ich in den 5 Jahren seit Margarets Tod, etwa 300 Gedichte zusammengestellt habe, meinte ich der Sonettenwut jedenfalls vorläufig Einhalt gebieten zu sollen, und mich, da mir das Schreiben notwendig ist, dem Überarbeiten des kleinen Dramas vom vergangenen Jahr über die Krötenrettung, betreffs der Ihr mich belehrt habt, zuzuwenden. Hab diesbezüglich noch viel zu tun. Als etwaiger Anhaltspunkt für unsere Korrespondenz darüber, hab ich die gegenwärtige Fassung unter Nr. 2 in meinem Netzort Verzeichnis abgelegt, wobei ich wiederhole, dass ich keineswegs vorschlage, dass ihr was ich geschrieben habe lesen solltet, Briefe einbeschlossen. Auf den ästhetischen Begriff "Kitsch" wurde ich kürzlich ein weiteres Mal durch einen Zeitungsaufsatz über die riesigen Skulpturen vier amerikanischer Präsidenten welche Mount Rushmore in South Dakota verunstalten, aufmerksam gemacht, und zu der nahliegenden Frage gelenkt, in wie fern ich vielleicht auch meine Krötenrettung als Kitsch verpönen sollte, und mit welchen Bemühungen ich diesem Abfall ins Geschmacklose vorbeugen könnte. Mir scheint wie's vom Erhabenen zum Lächerlichen nur eines kleinen Schrittes bedarf, so auch vom literarisch ernst zu nehmendem zum Kitsch. Meine vorläufige Vermutung ist, dass die Disziplin des Versmaßes und des Reims, dass Ironie und Untertreibung vielleicht der jeder begeisterten, leidenschaftlichen Erfindung innewohnenden Kitschigkeit, einen Zaun ziehen, der ihr Einhalt gebietet und sie annehmbar macht. Bitte ärgert Euch nicht über meine Hirngespinste, freut Euch an der Natur und am Leben, grüßt Snoopy von mir, wie auch sämtliche Hühner samt Hahn, und seid auch Ihr selber von mir nicht weniger herzlich gegrüßt als jene. Jochen