am 29 Juni 2020 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Dank für Euern Brief. Vermutlich sind Eure Koffer, vielleicht ist auch Euer Wagen, gepackt, und Ihr wappnet Euch für Eure weite Reise mit einer Nacht fest Schlafs. Wenn das Schicksal meinen Wünschen und Anweisungen gehorcht, werdet ihr dann wohlbehalten St. Pierre erreichen und werdet in zwei Wochen unversehrt nach Kierspe zurückkehren. Ich wünsche Euch einen ersprießlichen und zufriedenstellenden Aufenthalt. Es gebührt sich eine Entschuldigung für meine umgehende Antwort, denn ich beabsichtige keineswegs das Anstiften eines hektischen,übereilten Briefwechsels. Es ist mein schwaches Gedächtnis das mich zu sofortigem Schreiben zwingt, denn morgen früh wären die Gedanken von heute Nachmittag spurlos und unwiderbringlich verflossen. Ich bin gerührt und ein bisschen beschämt, dass Ihr Euch die Mühe macht meine Sonnetten abzudrucken, wo ich selber doch zwischen den Vermutungen schwanke, einerseits dass sie ein verschwommenes Spiegelbild meines Gemüts wiedergeben möchten, andererseits, dass sie eine grobe Dummheit bedeuten; Alternativen die einander keineswegs ausschließen. Angenommen, dass Ihr tatsächlich so weit kommt Euch diese Gedichte anzuschauen, möchte ich darauf hinweisen, dass ich sie in einer sogenannten ".odt" (Open Document Text) Fassung zusammengestellt hatte, aus welcher Fassung ich sie dann, um sie Euch fraglos zugängig zu machen, mit einem einzigen Tastenschlag in die ".txt" Fassung verwandelte. Bei dieser Abwandlung sind jedoch die Fußnoten ausgefallen. Lediglich die nun sinnlos erscheinenden Anmerkungsziffern meist mit den Überschriften verschmolzen, sind geblieben. Den Urtext, wenn er Euch interessiert, mögt Ihr unter Rubrik "4. Aus der Umnachtung", an meinem Netzort (website) ernstjmeyer.ddns.net abrufen. Die zweite Erklärung, die ich Euch mitteilen möchte betrifft Nr. 21, die Torfhausphantasie von der Goetheterrasse, die unerwartet in meinen Vorstellungen auftauchte. Die Erinnerungen der verschiedenen Male überlagern sich, wie meine Eltern, meine Schwester und ich im Auto aus Brauschweig nach Harzburg gefahren sind, dort den Wagen abgestellt, und mit dem Autobus, am Radau Wasserfall vorbei zum Torfhaus gefahren sind, und von dort zu Fuß, an Rabenklippen und Molkenhaus vorbei, ermüdet ins Tal zurück. Diese Ausflüge in den Harz waren mein Urerlebnis des Wanderns, - und des Lebenslaufs im Allgemeinen. In den Ausrufen "Herr Ober" und "Hier fehlt's noch mal" höre ich die Stimmen meiner Eltern. Die wiederholte rhetorische Frage "Kann man sich denn hier nirgens setzen" die ich am Torfhaus erklingen lasse, hat sich im Laufe der Jahre als ein Leitmotif meiner Schreibereien herausgestellt, zitiert drei Mal in dem Roman Döhring, und etwa vier oder fünf Mal in den sechs Bänden der Vier Freunde. Das Urereignis begab sich am 30 Januar 1950, als meinakademischer Gönner, Karl Vietor, Kuno Francke Professor of German Literature in Harvard, in Chilhowie, Virginia Ecke U.S. 11, Lee Highway, und County Road 600 nach Konnarock, meinen Vater begrüßte. Vietor, schon damals, wenn auch unwissend, ein vom Tode gezeichneter Mann, war auf dem Wege nach Kalifornien wo er fürs Frühlingssemester eine Gastprofessur angenommen hatte. Er und seine Frau Beate, reisten in ihrem eigenen Wagen. Vietor aber war abgeneigt durch den Norden der wintrigen Vereinigten Staaten zu fahren. Er hatte eine neblige Vorstellung dass ich regelmäßig meine Eltern irgendwo im Süden, in Virginia oder Georgia, wie er sagte, besuchte, und bat mich sein Auto in den Süden zu fahren, wohin er und seine Frau mit der Eisenbahn kommen würden. Begeisterter Autofahrer der ich nun einmal bin willigte ich ein, verließ Cambridge mit Vietors Auto am 25. Januar 1950, traf Margaret in 32 St Marks Place in New York, und fuhr mit ihr zu ihrer Eltern Haus in Germantown, Philadelphia, wo wir übernachteten. Am nächsten Tag fuhr ich weiter, über Chambersburg, Pennsyvania, wo ich meine Schwester besuchte, nach Konnarock. Um 9 Uhr morgens am 29. Januar 1950, wartete ich am Bahnhof Marion um Herrn und Frau Professor in Empfang zu nehmen. Sie waren die Nacht hindurch im Schlafwagen mit dem Schnellzug, "The Pelican" genannt, von Washington gefahren. Ich hatte sie vergebens zu einem kurzen Besuch in Konnarock eingeladen. Vietor war ungeduldig. Er wollte auf den Weg nach Kalifornien. Um nicht aufdringlich zu erscheinen, unterließ es mein Vater mich in seinem Wagen an den Bahnhof zu begleiten. Weil ich selber aber irgendwie die 24 Km. nach Konnarock die Berge überqueren musste, hatten wir abgemacht, dass mein Vater in Chilhowie, in etwa 15 Km. Entfernung auf mich warten würde. Und so geschah es. Vietors stiegen aus ihrem Wagen um meinen Vater zu begrüßen, woraufhin Professor Vietor, am Rande der leeren verödeten Hauptstraße das unsagbar hässliche Dorf betrachtete, und mit matter Ergebung fragte: "Kann man sich denn hier nirgends hinsetzen?" als gälte es sich auf dem Kurfürstendamm für ein Restaurant zu entscheiden. Seither, in den siebzig Jahren die seitdem vergangen sind, hat mich die komische Ungereimtheit dieses Gesuchs gereizt. Ich habe es in meinen acht Romanbänden sieben Mal zitiert; und heute, wo ich um so manches nachdenklicher geworden bin, ist was ich daraus höre mehr als Witz, ich höre ein Echo der Sehnsucht nach Beheimatung, nach dem Harz mit dem Torfhaus der Radau und dem Wasserfall - selbst wenn dieser vor etwa hundert dreißig Jahren zur Unterhaltung der Besucher künstlich angelegt wurde. Professor und Frau bequemten sich dann schließlich doch nach Konnarock. Gegenseitige Bewunderung. Zwischen Frau Vietor und meiner Mutter entstand eine plötzliche Freundschaft welche in einen jahrelangen Briefwechsel mündete. Professor Vietor machte mir später das Bekenntnis, dass er meines Vaters berufliche Tätigkeit höher schätzte als die eigene. Als ich ihm einige Monate später meine Entscheidung Medizin zu studieren mitteilte, befürwortete er meinen Entschluss. Die dritte Erklärung, die ich Euch mitteilen möchte betrifft Nr. 14, das Duett von Kuckuck und Esel. Ich muss gestehen, dass ich unbesonnen schreibe, ohne Vordenken, und mir erst hinterher, die so zu sagen gehörige Erklärung, bezw, Entschuldigung erfinde. Jetzt fällt mir auf dass der Kuckucksruf als ein natürliches Zeitmessen gedeutet zu werden vermag, eine Tatsache der die Kuckucksuhr, wo das mechanische Konterfei regelmäßig den hölzernen Kopf aus dem Kasten steckt um das Verstreichen einer weiteren Stunde zu bestätigen, ein Denkmal setzt. Der Esel aber, der es beansprucht dem Kuckuck gleich zu machen, das bin, in Konnarock English, yours truly (ich selber). Beim Nachlesen über das Kuckucksgedicht erfuhr ich dass der Text von Hoffmann von Fallersleben stammt, die Melodie von Goethes Freund Carl Friedrich Zelter. Hörte mir daraufhin Zelters Violakonzert an; anschließend welchselte meine Neugier zu den Konzerten von Carl Philip Stamitz und zu den Musikwerken der Mannheimer Schule; bin immer wieder erstaunt wie wenig ich weiß. Meine Gedanken über das Leben im hohen Alter als Segen und Segnen will ich zu einen späteren Brief aufschieben. Sollte ich nicht mehr dazu kommen, hat sich die Lebensproblematik von selbst gelöst. Meine innigsten Wünsche für Euch und Euer Wohlergehen. Euer Jochen