Liebe Gertraud, Vielen Dank für Deinen Brief aus Mitten der Nacht. Entweder, bitte, betrachte es nicht als herablassend, oder vergib mir, wenn ich Deines Briefes Ungezwungenheit und Spontaneität erheblichen literarischen Wert beimesse. Ich erhielt ihn an, und betrachte ihn als Geschenk zu, meinem 90. Geburtstag. Zu dem Katalog der Lebewesen die mich zuweilen besuchen, habe ich heute Nachmittag nichts hinzuzufügen, denn die Vögel die herumflitzen, fliegen meist zu schnell sie zu erkennen. Außerdem sind meine Blicke oft nicht nach Außen sondern nach Innen gerichtet, in dem Sinne dass ich zunehmend schläfrig bin und einen beträchtlichen Teil der Stunden die ich am Tisch vorm Fenster über die Rechnertastatur gebeugt sitze, - verschlafe. Von dem bis jetzt jeden Sommer regelmäßigen "Urlaub" nach Konnarock sehe ich in diesem Jahr ab, wenn nur weil drei der Staaten die ich möglicherweise durchqueren würde, Connecticut, New York, und New Jersey, Anreisende aus verseuchtem Gelände mit zwei wöchiger Quarantäne bestrafen. In südwest Virginia, spezifisch im benachbarten Grayson County und in Galax, wütet neuerdings die Pest. Wer weiß wann es mir möglich würde, wieder zurück nach Belmont zu fahren. Außerdem vermag ich kaum noch zu gehen, humpele am Gehbock oder auf zwei Stöcke gestützt durchs Haus, und draußen bis zum Postkasten oder bis zur Garage. In Anbetracht meiner Entschlossenheit die Gefangenschaft im Krankenhaus oder Altersheim unter allen Umständen zu umgehen, fühle ich mich hier in meinem geräumigen, von Dir benannten "Palais Meyer", weit weniger bedroht als mit einem alten unzuverlässigen Auto, mit einem noch älteren verkrüppelten Körper, und einem zügellos liederlichem Geist auf der weiten, von Trumpnazis überlaufenen, Landstraße nach Virginia. Umso ausschweifender werden meine Streifzüge in die Phantasiegefilde der Vorstellung, wie etwa in der schamlosen und unverschämten Parodie der "Sonnette an Orpheus" die ich Dir im Anhang, ausdrücklich zu lesen unverbindlich, unterbreite. Gegenwärtig beschäftigt mich, sofern es mir gelingt wach zu bleiben, die Entwicklung meines Krötenrettungsversuchs vom vergangenen Jahr, vielleicht als Lesedrama, oder als Theaterstück, oder als Opernlibretto, Bemühungen wofür mich Altersschwäche, bezw. Umnachtung entschuldigt. Euch beiden wünsche ich eine ruhige, zufriedenstellende, und von Ungemach unbehelligte Reise nach Frankreich. Bleibt gesund, und seid beide herzlich von mir gegrüßt. Euer Jochen.