1 2 Krötenrettung 3 ============= 4 5 Vorlage für ein Opernlibretto, Theaterspiel, oder Lesedrama 6 Menschen sind unabänderlich, daher ein Bildungsdrama für Götter. 7 Dieser Text veranschaulicht die Begriffe von Idealisierung und 8 Entidealisierung (Vier Freunde IV,6) Das Erscheinenen der drei 9 Musen, Melpomene, Euterpe und Erato, ist vordergründig Entidea- 10 lisierung insofern es Göttinnen sind die als Dienstmädchen in 11 Möchtegerns Küche erscheinen, möchte aber ebenfalls als Idea- 12 lisierung des Zustands in der anspruchslosen Küche des anspruchs- 13 vollen Möchtegern gedeutet werden. Entidealisierung und Idea- 14 lisierung sind doch nur zwei Seiten eines einzigen Blattes. Auch 15 das Betragen von Dike und Apoll besagt Entidealisierung. Besonders 16 besagt der Wechsel von Leben und Schauspiel (Ent)idealisierungs- 17 dialektik. Denn dass die vermeintliche Gültigkeit des Lebens sich 18 als Schauspiel erweist, ist entidealisierend; indessen das Schau- 19 spiel auch als Idealisierung des Lebens verstanden werden muss. 20 21 Vorwort an den Tonsetzer 22 ======================== 23 24 Wenn, wie vorauszusehen ist, kein Tonsetzer sich um diese Bemühungen 25 kümmert, dann bleibt es unbestimmt, und überflüssig zu bestimmen, 26 ob das hier Gebotene als ernster Versuch oder als Witz zu betrachten 27 ist. Andernfalls aber schlage ich vor, dass was ich geschrieben habe 28 als vorläufig und als Versuch betrachtet werde, Stoff wovon ein 29 Tonsetzer nach Belieben auswählen möchte, was er zu seiner Arbeit 30 bedarf. 31 32 Diesen üppigen Text hab ich entworfen, und werde fortfahren ihn zu 33 erweitern und zu verbessern, ohne jegliche Erwartung, dass er je 34 vertont wird, geschweige denn dass die fast unvorstellbare Vertonung 35 jemals auf einer Bühne ihre endgültige Verwirklichung erführe. 36 Dennoch dies Vorwort um meine Bemühungen möglicherweise einem 37 Bearbeiter zugänglich zu machen. 38 39 Zu Anfang das Bekenntnis, dass ich zwar mit Purcells Dido and Aeneas, 40 mit den großen Passionen, Oratorien, und Kantaten und mit den Messen 41 Bachs, mit Händels Messias, L'allegro ed il penseroso, Acis and Galatea, 42 und Saul, mit Mozarts Requiem, Entführung, Figaro, Don Giovanni, Cosi 43 fan tutte, mit Beethovens Fidelio, Neunter Symphonie, Liedern und Missa 44 Solemnis, mit Schuberts und Schumanns Liedern, mit Arabella, Ariadne 45 und dem Rosenkavalier von Strauß bekannt bin, aber mit anderer 46 europäischer Vokalmusik fast überhaupt nicht. Diese Tatsachen mögen 47 mein Geständnis belegen, dass meine Anmaßung ein Opernlibretto zu ver- 48 fassen, unbegründet ist. 49 50 Wenn ich es dennoch tue so liegt meiner Bemühung die Tatsache zugrunde, 51 dass es dem Menschen notwendig ist zu sprechen, dass es dem Sprechenden 52 notwendig ist gehört zu werden, dass es dem Schreibenden notwendig ist, 53 dass was er schreibt, gelesen wird. Ich schreibe aus dem Bedürfnis gele- 54 sen zu werden; und dies Bedürfnis würde im äußersten Maße befriedigt 55 wenn die Sängerin oder der Sänger meine Worte verinnerlichte um sie 56 einem Publikum auswendig vorzutragen. Dass es ein Wunschtraum ist dem 57 ich verfallen bin, wär' ich der Erste zuzugeben. 58 59 Vorwort 60 ======= 61 62 Gertraud Strangfeld, die Tochter meines braunschweiger Grundschullehrers 63 Walter Hirsekorn, ist begeisterte Naturliebhaberin. Kürzlich erhielt ich 64 von ihr einen Brief mit der Beschreibung einer Naturschutzbetätigung die 65 ich zitierenswert finde: 66 67 "Heute ist der letzte Tag unserer Krötenrettungsdienstwoche (oder Kröten- 68 Rettungsdienst-Woche, oder...). Da wir Mitglieder im BUND (Bund für Umwelt- 69 und Naturschutz) sind, helfen wir im frühen Frühjahr bei der Aktion zur 70 Bewahrung der Kröten, die aus ihren Winterquartieren erwachen und den Weg 71 zu ihren Laichgewässern antreten. Dabei müssen sie verschiedentlich befahrene 72 Straßen überqueren und werden dabei in manchmal Massen überfahren.Also 73 richten wir Zäune auf, etwas 35 cm hoch, entlang ihrer Hauptrouten, und 74 graben in Abständen von etwa 15 m Eimer in die Erde, die mit der Kante gleich 75 hoch abschließen. Die Kröten fangen am späten Abend an zu wandern, suchen 76 einen Durchgang und fallen irgendwann in einen Eimer, aus dem sie nicht 77 heraus gelangen. So gegen 21.30 fangen wir an, die Strecke abzusuchen, leeren 78 die Eimer in unseren mitgebrachten Eimer, finden oft noch viele Tiere, die 79 den Zaun noch gar nicht erreicht haben, und tragen alle über die Straße, 80 überklettern die Barriere und einen Graben und bugsieren die Tiere durch den 81 Maschendrahtzaun. In warmen, feuchten Nächten befördern wir mehrere hundert 82 Kröten, in kalten, so wie letzte Nacht, die bei 0 Grad anfing und von grimmem 83 Frost überwältigt wurde, überhaupt keine. Heute abend werden es wohl wieder 84 ein paar mehr sein. In großer Überzahl sind die Männchen, kleine, zierliche, 85 anmutige Erscheinungen, während es nur wenig alleinstehende oder-wandernde 86 Weibchen gibt. Einige Pärchen finden sich auch. Die Weibchen sind deutlich 87 größer und müssen die Last der Männchen (manchmal sind es tatsächlich mehrere) 88 auf dem Rücken tragen, tun das aber offenbar klaglos. Gelegentlich werden sie 89 auch im Wasser durch den Männeransturm ertränkt. Man kann mit der Natur 90 durchaus nicht immer einverstanden sein." 91 92 93 Personen 94 ======== 95 96 Apoll, Gott der Harmonie, des Friedens, des Glücks und der Seligkeit, Tenor 97 Dike, Göttin des Rechts und der Gerechtigkeit, Mezzo-Sopran 98 Melpomene, Muse, Sängerin von tragischer Dichtung, und von Trauerliedern, 99 Mezzo-Sopran 100 Euterpe‚ Muse, die Erfreuende, die jedermann ergötzt, 101 Vertreterin von Tonkunst, Lyrik und von Poesie, Alt 102 Erato, Muse, die Liebevolle, die Liebliche, weiß von Liebesdichtung, 103 von Lyrik, von Gesang und Tanz, Alt 104 Maga Lump, schwadronierender Gutsbesitzer, Hochstapler, Prahlhans 105 und Schürzenjäger, Bass 106 Baron Ulrich Hieronimus von Krötenheim, verwitweter Gutsbesitzer, 107 Krötenliebhaber, Tenor 108 Moritz Möchtegern, verwitweter Versager, Krötenheims Nachbar 109 und Freund, Bariton 110 Ursula Schönstimm Lump, Opernsängerin und Trophäen-Ehefrau Maga Lumps, 111 eine Frau ohne Schatten, Coloratura Sopran 112 Beamtinnen des Katasteramts, Sopran und Alt, 113 Miliz-Anführer, Räuber, und Verbrecher im Gefolge des Maga Lump, 114 Tenor, Bariton und Bass 115 Erster Patriot, Tenor 116 Zweiter Patriot, Bariton 117 Dritter Patriot, Bass 118 Chor der Krötenseelen 119 Chor der Patrioten 120 121 122 Vorspiel und Nachspiel 123 124 Hinter geschlossenem Vorhang, ein schrilles Pfeifen, danach völlige 125 Stille. Dann hört man stürmischen Applaus, Händeklatschen, Fußstampfen, 126 Gejohle und Gelächter. Der Vorhang öffnet sich und der Applaus verstummt. 127 128 Blick auf einen wüst verwilderten Soldatenfriedhof bestückt mit Fahnen 129 vieler Länder. Die Gräber sind unterschiedlich mit Halbmond, mit Stern, 130 und mit Kreuz angezeigt. Dazwischen liegen schlafende oder gefallene 131 Soldaten mit gestreckten Gewehren. In allen Richtungen, auch über die 132 Soldaten, krabbeln Kröten. Im Hintergrund drei ragende Kreuze. Die Stimmen 133 eines Chorals ertönen als sanftes kaum hörbares Orgelspiel, 134 135 "Ach Herr, lass dein lieb Engelein 136 Am letzten End die Seele mein 137 In Abrahams Schoß tragen, 138 Den Leib in seim Schlafkämmerlein 139 Gar sanft ohn eigne Qual und Pein 140 Ruhn bis am jüngsten Tage! 141 Alsdenn vom Tod erwecke mich, 142 Dass meine Augen sehen dich 143 In aller Freud, o Gottes Sohn, 144 Mein Heiland und Genadenthron! 145 Herr Jesu Christ, erhöre mich, 146 Ich will dich preisen ewiglich! 147 148 (Herzlich lieb hab ich dich, o Herr," 149 3. Vers , Martin Schalling, 1571) 150 151 152 Erster Teil, 111111111111111 153 154 Der Vorhang öffnet sich auf eine einfache Küche in einem Wohnhause. An der 155 Längsseite, drei weite hohe Fenster mit einem Ausblick auf einen verwilderten 156 Garten. Unter dem Fenster ein Tresen mit einem Waschbecken. Möchtegern sitzt 157 schweigend mit gefalteten Händen und mit geschlossenen Augen. Er beugt sich 158 über einen mit schmutzigem Geschirr bestücktem, abgegessenen Küchentisch. Er 159 ist sehr alt, hat struppiges ungeschnittenes weißes Haar, und ist tagelang 160 unrasiert. Nach einer Stille beginnt er zu reden: 161 162 MÖCHTEGERN: 163 Habe nun, ach, 164 dies einzig mir beschiedene lange Leben 165 sinnlos vergeudet, zu keinem Nutzen vertan. 166 Werd jetzt vielleicht bestraft für das Bestreben 167 alles zu denken, alles zu sehen und hören, 168 alles zu wissen und alles zu verstehen. 169 Ich war entschlossen alles selbst zu machen. 170 Mit Leidenschaft wollt ich die Welt erkaufen. 171 Umsonst, alles umsonst. Die einz'ge Frau 172 die mich jemals geliebt, ist längst verstorben, 173 Kinder sind fort, als wie vom Wind verweht. 174 Was übrig bleibt sind nichts als leere Worte 175 die ich zu keinem als mir selber spreche. 176 So muss ich mir die eignen Lieder singen, 177 und eigene Geschichten mir erzählen. 178 Wie anders sollt ich mir die lange Weile, 179 die Einsamkeit vertreiben? Auch beim Geringsten 180 wollen Kraft und Fähigkeit versagen. 181 Wie stell ich's an, dass mir geholfen wird? 182 Weiß keinen Ausweg als zuletzt zu flehen: 183 Engel vom Himmel kommt mir beizustehen. 184 185 Möchtegern schläft ein. Entweder wird die Küche jetzt so dunkel, dass 186 seine schlafende Gestalt nicht mehr erkenntlich ist, oder der Vorhang 187 fällt. Bei erneutem Aufzug, oder bei zunehmender Beleuchtung, sind außer 188 Möchtegern, drei Mädchen zu erkennen, drei Musen vom schneeigen Olymp. 189 Indem sie den Küchentisch abräumen und das benutzte Geschirr zur 190 Abwäsche auf den Tresen stellen, bewegen sie sich im lieblichen Rhythmus 191 eines schlichten Tanzes. Erato mit aufgerollten Hemdsärmeln wäscht das 192 seit mehreren Tagen angesammelte Geschirr. Euterpe trocknet ab, und 193 Melpomene legt das gesäuberte Besteck in eine offene Schublade im Tresen. 194 Sie stellt die gewaschenen Teller, Tassen und Untertassen in einen 195 Wandschrank mit offenen Flügeltüren. 196 197 MELPOMENE, EUTERPE, und ERATO: (zusammen) 198 199 Vom Himmel hoch, da komm'n wir her. 200 Nicht auszuhalten war's da mehr. 201 Dass auf der Erd' es besser ist, 202 Das glaubst Du falls du gläubig bist. 203 204 MELPOMENE: Hab keinen Schimmer; 205 weiß nicht weshalb man uns hierher bestellt. 206 207 EUTERPE: Ich gleichfalls nicht. Weiß aber aus Erfahrung, 208 dass auch die Kleinen oft den Zweck nicht wissen 209 weswegen sie uns rufen. Manchmal sag ich, 210 vielleicht ist's nur aus langer Weile, vielleicht 211 aus schlechter Laune, am wahrscheinlichsten, 212 weil sie untröstlich einsam sind. Veränderlich, 213 selten voraussehbar, wie's Erdendasein 214 sind ihre Stimmungen. Für alle Mängel, 215 alle Schwächen, alles was nicht passt 216 beschuldigt jeder seinen Nächsten, notfalls 217 uns, die Götter, aber niemals sich. 218 219 ERATO: Ein Mensch wie jener der da sitzt ist einsam. 220 Sieht aus als wär ihm seine Frau gestorben. 221 Nun wartet er auf ihre Wiederkehr. 222 Wird lange warten, er wird sterben müssen. 223 Im Tode erst wird er sie wiederfinden. 224 225 EUTERPE: Du hast die Menschen übermäßig lieb. 226 Ich sehe sie als ungezog'ne Kinder 227 die nach Verbotenem zu haschen wagen. 228 Sie grapschen nach des Glückes welken Brüsten 229 ergebnislos, und ohne sich zu schämen. 230 Denn Glück ist unerbittlich, wie gepanzert. 231 Lüsterne Finger stoßen statt auf Wonne, 232 auf spröde Abwehr wie aus Stahl. Doch manchmal, 233 fast durch Zufall, siegt die Streichelei. 234 Dann, ratlos, weiß er nicht was anzufangen 235 mit seiner Beute, mit ersehntem Glück 236 das seine Finger nun betastet haben. 237 238 MELPOMENE: Der Alte sagt und sagt es immer wieder, 239 der Menschen Unglück wäre ihre Schuld. 240 Wir warnen sie vor Fehlern schon im Keimen. 241 Doch sie missachten wohlgemeinten Rat. 242 Sie hören nicht; sie wollen's besser wissen, 243 und schlimmer noch, sie wollen's selber machen, 244 statt's uns zu überlassen. Von Experten, 245 von Sachverständ'gen, wollen sie nichts wissen. 246 Wir Götter zeigen auf den rechten Weg 247 vergeblich, denn sie werden ihm nicht folgen. 248 249 EUTERPE: Den rechten Weg! und guten Rat! Von wegen! 250 Das Lumpgesindel sind die Götter selbst. 251 Im Lügen, im Betrügen, im Verraten, 252 da sind wir nicht zu übertreffen. Ach, 253 wir Götter sind mehr menschlich als wir wähnen. 254 (Sie hält inne, und überlegt.) 255 Die klüg'ren Menschen haben eingesehn, 256 wie unentrinnbar Schmerz und Leiden sind, 257 nicht weniger vermeidbar als der Tod. 258 259 ERATO: Das heiße ich in elegantem Stil, 260 die Not in eine Tugend zu verwandeln. 261 Ja, du hast recht, vielleicht, vielleicht auch nicht. 262 263 EUTERPE: Die Dümmeren der Menschen sagen auch, 264 sie wollten ewig leben. Manche werden 265 klug; sind schließlich dankbar, dass sie sterben. 266 267 MELPOMENE: Du sprichst vom Sterben. 268 Die dummen Kleinen, ohne dass sie's ahnen, 269 üben den Tod allnächtlich schon im Schlaf. 270 Der Schlaf gibt ihnen Vorgeschmack vom Sterben. 271 (weist auf Möchtegern) 272 Sieh dort den Schlafenden, den Möchtegern, 273 der übt sich noch lebendig schon im Totsein. 274 Soll'n wir ihn wecken? 275 276 EUTERPE: Nein, lass ihn in Ruh; 277 lass ihm den Schlaf. Es geht ihm besser so. 278 Geweckt zu werden, wär kein Grund zum Dank. 279 280 ERATO: Was wenn er unter einem Albdruck litte? 281 282 EUTERPE: Ja, dann vielleicht wär's gut, das geb ich zu. 283 284 ERATO: Schon der Gedanke macht mir blöde Angst. 285 Vielleicht ist er schon tot. Ich will ihn wecken. 286 Ich will nicht dass er schon gestorben ist. 287 288 MELPOMENE: Sei nicht so albern. 289 Lass ihn schlafen. Sterben muss auch er. 290 Pfusche dem Alten nicht ins Amt. Das Auferwecken 291 ist nicht unsre Pflicht. 292 293 ERATO: Wie du befiehlst. 294 (wird zunehmend unruhig. 295 Dann, nach einer langen Pause, zu Möchtegern) 296 Wach auf, wach auf, du schläfst ja immer noch. 297 Der alte Küchentisch wo du da sitzt, 298 das ist kein angenehmer Schlafensort. 299 300 MÖCHTEGERN: (Rekelt sich, sitzt auf) 301 Es schläft sich hier sehr gut. Lass mich in Ruh. 302 (Nach langem Schweigen und indem er sich besinnt:) 303 304 Arie 305 Vor kurzem schlief ich ein und war allein. 306 Bin jetzt zum Traum erwacht. Ihr seid nur Schein. 307 Ich blick umher. Bin ich im Himmel? ja! 308 umarmt von einer und geküsst von dreien! 309 Ich wache auf, vielleicht war's zu viel Wein. 310 Ich wache auf, umringt schwebt Schönheit da. 311 Sonst fern, ihr Himmelstöchter seid ganz nah, 312 ersehnt im Wachen, dann im Traum gerufen. 313 Die Wirklichkeit hat viele, viele Stufen. 314 (Schläft wieder ein.) 315 316 EUTERPE: (indem sie die beiden Seiten eines Tellers sorgfältig trocknet) 317 Das ist wirklich ein starkes Stück, 318 dass man von uns erwartet Dienstmädchen zu spielen, 319 und für die erbärmlichen Sterblichen auch noch die Abwäsche zu machen. 320 321 ERATO: (die in der Lauge des scheinbar geleerten Waschbeckens 322 nachzüglerische Teelöffel und Gabeln fahndet) 323 Das ist, bei der Lotterwirtschaft auf dem Olymp 324 die in diesem Frühjahr herrscht, kaum verwunderlich. 325 Findest du nicht auch? (Nach einer Pause) 326 Nur gut dass das dumme Menschengeschlecht 327 vom Ausmaß des Betruges und der Schmiererei 328 bei unseren göttlichen Geschäften keine Ahnung hat, 329 sonst könntest du der Menschen Verehrung für uns 330 Aufwiedersehen sagen. 331 332 EUTERPE: Meines Erachtens hat diese Lotterwirtschaft 333 mit der Anstellung des neuen Stallknechts zu tun. 334 Das ist ein Lump wie ich noch sonst keinen gesehen habe. 335 Dessen Gemüt ist schmutziger bei weitem 336 als die Schweinekoben die er sauber macht. 337 Das aber kommt ihm nicht in den Sinn. 338 Er benimmt sich als ob er Herkules wäre. 339 340 ERATO: Melpomene und Du und ich sind eng mit Herkules verwandt. 341 Er ist unser Stiefbruder, unehelich wie's üblich ist in unsrer Sippe. 342 Vergiss das bitte nicht. 343 344 EUTERPE: Ich weiß es und verstehe. Was kommt's auf Ehe an? 345 Du, ich, und unsere sieben Schwestern sind auch nicht ehelich. 346 Vom Glashaus sollst du nicht mit Steinen schmeißen. 347 348 ERATO: Ich finde diese unehelichen Ausschreitungen unsers Vaters 349 sind zum Kotzen. Bist nicht auch du von ihnen angewidert? 350 351 MELPOMENE: Sch--- Sch--- Erato und Euterpe, nehmt Euch in Acht; 352 legt Euren Zungen Zügel an. 353 Ihr könnt nie wissen was dem da am Küchentisch, 354 im Traume durch die Ohren dringt. 355 wie fest auch immer er zu schlafen scheint. 356 Wenn der berichtet was er überhört, 357 und wenn der Alte euer Denken über ihn erfährt, 358 dann gibts ein solches Blitzen und Donnern und Regnen, 359 dass die dummen Kleinen meinen das jüngste Gericht des Klimawandels 360 den sie so fürchten wäre über sie eingebrochen. 361 362 MÖCHTEGERN: (indem er sein Gesicht aus den Handflächen löst 363 und den Oberkörper langsam aufrichtet) 364 Zu spät, ihr schöne Mädchen. Ich habe alles gehört. 365 Ich habe gute Ohren, ein erstklassiges Gedächtnis, 366 und ein hervorragendes Erfindungsvermögen. 367 368 ERATO: Aber Möchtegern, du wirst uns doch 369 keine Schwierigkeiten machen, 370 Wirst uns doch nicht verraten. 371 372 MÖCHTEGERN: Natürlich nicht, doch wie man sagt, 373 die eine Hand wird von der anderen gewaschen. 374 Ich tu es gern für euch, erwarte aber 375 Rücksicht von euch auf mich genommen, 376 anstatt als leere Luft behandelt werden. 377 378 MELPOMENE: Herr Möchtegern, ich bitte Sie 379 Gezwungenheit der Red' nicht zu verübeln. 380 Verpflichtet sind wir nun als Göttinnen einmal 381 wie Göttinnen uns zu betragen. Behördlich 382 ist's uns untersagt wie and're Mädchen 383 mit dem belieb'gen Mann der uns begegnet 384 horizontales Handwerk zu betreiben. 385 386 MÖCHTEGERN: Fräulein Melpomene, Sie überschätzen, 387 oder vielleicht dass Sie mich unterschätzen, 388 doch die Erpessungsmöglichkeit die Sie, 389 vielleicht sogar mit Anflug von Begierde, 390 mir vorgeschlagen, kommt erst jetzt verspätet 391 mir in den Sinn, infolge ihres Vorschlags. 392 Auch in Betreff auf and're Unternehmen, 393 als ob ich in der Schule ausgebildet würde 394 fühl ich mich heut, selbst noch im Alter, 395 ein Mensch der lernt, der sich verwandelt 396 und der sich verjüngt. Vorerst kommt's aber 397 auf die Dichtung an. Das, nicht die Liebe, 398 ist's weswegen ich um Hilfe bitte. 399 400 EUTERPE: (zu ihren Musenschwestern) Ich hab's Euch ja immer gesagt. 401 Die Benachteiligung der Frauen bei den Unsterblichen 402 ist maßlos, unerträglich, schlimmer noch, 403 wenn's möglich ist, als bei den Sterblichen. 404 405 ERATO: Ach Euterpe, kannst du denn nie und nimmer 406 von deinem Frauenfreiheitssteckenpferd 407 heruntersteigen? 408 409 EUTERPE: (zu Erato) Du betrachtest ja die Welt fast wie ein Menschenkind 410 in dessen Augen es uns weiblichen Göttinnen verboten ist 411 uns vorbei zu benehmen. 412 Aber den männlichen Göttern ist alles erlaubt. 413 Siehst Du denn nicht wie Zeus seine Gelüste befriedigt? 414 Erst ist's Semele, dann Io, dann Alkmene, 415 Schließlich vergiss nicht unsre Mutter, Mnemosyne, 416 auch außerehelich von ihm befruchtet mit dir und mir, 417 um unsere sieben Geschwister unerwähnt zu lassen. 418 Hesiod gemäß soll er sie neun Nächte lang, 419 die eine nach der anderen, belästigt haben. 420 421 MELPOMENE: Du tust dem Vater unrecht, Hesiod sagt, 422 dass sie zufrieden war, es mitzumachen. 423 Nicht alles was geschieht ist aufgezwungen. 424 425 EUTERPE: Gewiss kann Zeus sich alles erlauben, 426 aber wenn Hera einem wohlgestalteten Jüngling 427 auch nur einen einzigen schmachtenden Blick schenkt ... 428 Dann bestraft sie Zeus indem er ihr 429 den Küchentresengranitbelag entzieht, 430 auf den sie so stolz ist. 431 432 Am Schlimmsten scheint es mir und sehr bezeichnend 433 für die olympsche Frauenunterdrückung 434 dass es verboten ist uns in die Menschen 435 die wir durch Zufall kennen lernen 436 zu verlieben, wie's auf der Erde üblich ist, 437 ja uns mit ihnen zu verbinden, zu begatten, 438 Kinder zu zeugen und Familien zu gründen 439 wie's göttliche und menschliche Notwendigkeit bestimmt. 440 Wie er die Menschenmänner die ihm dienen 441 zu seinen Gunsten vorsätzlich entmannt, 442 so werden wir in seinem Umkreis 443 zu schattenlosen Frauen gebannt. 444 Uns weder Lust noch Liebe wird erlaubt. 445 Künstliche Frauen ohne Schatten 446 die ihre Herrn versteinern. 447 448 ERATO: 449 (nach einer Pause wendet sich zu Möchtegern) 450 Du sagst dir kommt's auf Dichtung, nicht auf Liebe an. 451 Das, und nicht Liebe wär's, worum du uns zu Hilfe riefst. 452 (Streng und entschlossen) 453 Mein guter Freund, in eigenster Person 454 bin ich für dich lebendiger Beweis, 455 dass Liebe von der Dichtung nicht zu trennen ist. 456 457 2.Teil 222222222222222 458 459 KRÖTENHEIM: (ist durch eine Seitentür eingetreten. 460 Weder Möchtegern noch eine der drei Musen 461 hat seinen Eintritt bemerkt.) 462 Entschuldigung, Sie alle bitte ich, 463 ich bitte vielmals um Entschuldigung 464 dies offenbar tiefschürfende Gespräch 465 gestört zu haben. 466 467 (sich an Möchtegern wendend) 468 Du, Möchtegern, mein guter, alter Freund, 469 bedarf sehr dringend deiner treuen Hilfe. 470 (Abgelenkt und verlegen) 471 Ich seh drei Frauen sind hier zu Besuch, 472 War ahnungslos von deinem Glück. So schön 473 als wären sie vom Himmel angekommen. 474 475 MELPOMENE: Woher wir sind, mag unerörtert bleiben. 476 Gekommen sind wir nicht der Schönheit wegen, 477 sondern zu helfen, ins besondre denen 478 die überwältigt sind, auch ihnen. 479 480 KRÖTENHEIM: So fleh ich sie um Hilfe an zugunsten 481 meiner armen Kröten, die Tag und Nacht 482 im Todesstreifen auf der Schnellfahrstraße 483 ermordet werden. 484 485 EUTERPE: (zu Melpomene) Ermordet werden sagt 486 der Herr? Ich frage dich, Melpomene, 487 ist's möglich eine Kröte zu ermorden? 488 489 MELPOMENE: Eins nach dem anderen, der Reihe nach, 490 Euterpe. 491 (wendet sich zu Krötenheim) 492 Ich bitte sie um ihren Namen, 493 Anreden möcht ich Sie, wie sich's gebührt. 494 495 KRÖTENHEIM: Ulrich Hieronimus, so klingt mein Name. 496 Ich bin der Graf von Krötenheim. Sie alle 497 aber, bitte nennen sie mich Uli. 498 Denn Graf will ich nicht sein, und Uli ist 499 der Name den meine Feinde in Verachtung, 500 den meine Freunde anerkennend mir 501 entgegenrufen. Die von mir geliebten 502 Kröten aber nie, denn die sind stumm. 503 504 MELPOMENE: Und dieser Herr Möchtegern, der hier wohnt, 505 oder sollte ich sagen, der hier schläft, 506 wäre ihr Freund? 507 508 KRÖTENHEIM: Das stimmt, 509 Sie können es nicht oft genug betonen. 510 511 MELPOMENE: Entschuldigen Herr Graf, 512 Ich gebe meinen zwei Begleiterinnen 513 Gelegenheit, sich ihnen vorzustellen. 514 515 Trio: 516 517 (indem sich Melpomene zu Erato beugt), 518 MELPOMENE: Dies ist Erato. 519 520 ERATO: Ich bin Erato, liebevoll und lieblich. 521 Ich weiß Bescheid von Liebesdichtung, 522 von Lyrik, von Gesang und muntrem Tanz. 523 524 (indem sich Melpomene zu Euterpe beugt), 525 MELPOMENE: Und hier Euterpe. 526 527 EUTERPE: Ich bin Euterpe‚ die Erfreuende, 528 die jedermann ergötzt, Vertreterin 529 von Tonkunst, Lyrik und von Poesie. 530 531 MELPOMENE: Ich selber bin Melpomenē‚ die Sängerin 532 tragischer Dichtung und von Trauerliedern, 533 bin auch die Älteste von uns, und deshalb 534 verantwortlich für was wir tun und sagen, 535 und dass wir uns wie Göttinnen betragen. 536 537 TUTTI: Wir drei, mit unsren andren sechs Geschwistern, 538 sind schön und jung, am heut'gen Tag wie gestern, 539 wir überwachen treu die ew'ge Kunst, 540 wir schmäh'n vorübergehend heiße Brunst. 541 Von weit gepries'nem schneebedecktem Berge. 542 die Kleinen unter uns seh'n wir als Zwerge. 543 Verschmähen aber keineswegs hiernieden 544 im Tiefland unsere Dienste anzubieten, 545 gratis, umsonst, und nicht mit Ehr' belohnt, 546 der Schönheit willen, die bei Göttern wohnt 547 auch den Empfänger nicht, der Künste willen, 548 den Durst nach Gutem, Edlem woll'n wir stillen. 549 Die heil'ge Liebe ist's die in uns glüht, 550 die in der Schönheit Früchte trägt und blüht. 551 552 ERATO: Baron von Krötenheim, Entschuldigung, 553 statt dessen hätt' ich Uli sagen sollen, 554 was ist's denn, Uli, das dir so bedrückend ist, 555 weswegen du hierher gekommen bist? 556 557 KRÖTENHEIM: Ach, Fräulein, schönes Fräulein, hört ich recht? 558 Sie sind Erato? 559 560 ERATO: So ist's. Ich bin Erato. 561 Mein Vater, Zeus, die Mutter, Mnemosyne. 562 Im Stammbaum gibt's Familiennamen nicht. 563 564 KRÖTENHEIM: (zu Erato) Ich möchte ihnen sagen, wie schön Sie sind. 565 Ist es erlaubt? 566 567 ERATO: Zu spät es zu verbieten, 568 das Weitere jedoch bleib unter uns. 569 Wo's Melpomene nicht hört, denn die ..... 570 Doch womit kann ihnen dienen? 571 572 KRÖTENHEIM: Mein Nam' sagt alles. Er ist nicht umsonst. 573 574 ERATO: Sie müssen sich, wenn ich's verstehen soll, 575 ausführlicher erklären. 576 577 KRÖTENHEIM: Mein Name nennt den Wohnort, mein Zuhause. 578 Das Bauerngut, seit ungezählten Jahren 579 heißt's Krötenheim, und dort ist unsre Wohnung. 580 Gehören tut es nicht nur mir. 581 Gehören tut es auch den stummen Kröten, 582 so gut wie, ja, wenn nicht noch mehr als mir, 583 und andren menschlichen Familiengliedern. 584 Die Kröten teilen dieses Gut mit uns; 585 wir teilen uns in ihm mit ihnen, 586 und haben gegenseitig uns gewöhnt. 587 Vielleicht zu sehr, die Zahl der Kröten steigt, 588 sie fühlen sich bedrängt und wollen wandern. 589 Wohin? Wer weiß ob sie es selber wissen. 590 Scheinbar bergab, wie's Wasser fließt, ins Tal, 591 wie's jahrelang ereignislos gelungen. 592 Bis man die breite Straße angelegt, 593 die sie von ihrem Ziele trennt, 594 Sie ist den Tier'n zum Todesstrich geworden. 595 Nun hat der kurze Weg ins bess're Land 596 Unzählige in ihren Tod geführt. 597 Sie tun uns leid, die armen stummen Tiere. 598 Ich wollte sagen blöd, zu arrogant 599 wenn ich die eigne Blödigkeit bedenke. 600 So traurig, so entsetzlich, so bedrückend, 601 dass denen die sich Krötenfreunde nannten 602 Rettungsversuche unabkömmlich schienen. 603 604 Wir haben folgendes Program entworfen. 605 Am Straßenrande einen Zaun gezogen 606 um Kröten ihren Weg auf die Gefahren- 607 straße zu verbauen, Unmittelbar 608 davor auf unsrer Seite sind Gruben angelegt 609 mit eingelass'nen Eimern so dass die Kröten 610 die bei Nacht den Weg nach Süden suchen, 611 statt überfahren werden in die Eimer 612 stürzen und sich retten. So wird der Grubenfall 613 zu ihrem Heil. Dort werden sie am Morgen 614 von uns Rettern, von Mitarbeitern und 615 von mir, gefunden, aufgelesen und 616 in Sicherheit der Eimer zur andren Seite 617 der Gefahr gebracht. So wurden schließlich 618 im Verlauf vergangner Jahre unzähl'ge Kröten 619 von dem erbärmlichen Zerquetschungstod 620 gerettet. 621 622 EUTERPE: Und jetzt nicht mehr? 623 624 KRÖTENHEIM: Wir dürfen 625 es nicht mehr. Es ist uns untersagt. 626 (fängt an zu weinen) 627 Die armen Tiere, Ach, die armen Tiere. 628 629 EUTERPE: Wieso denn das? Von wem denn untersagt? 630 631 KRÖTENHEIM: Das ist die lange traurige Geschichte, 632 schmählicher Rahmen zu dem Krötentod, 633 der jetzt fast wie ein Krötenmord erscheint. 634 Die armen Tiere. Ach, die armen Tiere. 635 636 Krötenlied 637 638 Chor der Krötenseelen 639 (Melodie, Wohlauf Kameraden, Wallensteins Lager) 640 641 (allegro) 642 Ihr wandelt droben in hellem Licht 643 wir kriechen auf nasser Erden. 644 Vorsicht, Vorsicht zerquetschet uns nicht 645 zerquetscht wir zum Ärgernis werden 646 |:Im wäss'rigen schlammigen Totenreich 647 Sind Kröten und Menschen einander gleich:| 648 649 (andante) 650 Wir sind unschuldige Kröten nur 651 verstehen nichts als zu schwimmen 652 drum tötet uns nicht auf grüner Flur 653 Wir quaken mit quakenden Stimmen, 654 |:Im wäss'rigen schlammigen Totenreich 655 Sind Kröten und Menschen einander gleich:| 656 657 (allegro) 658 Wir haben nicht Schönheit, uns fehlt der Geist 659 Doch Seelen sind uns gegeben 660 Hoch über den Wolken erwartet uns einst 661 Das ewige Krötenleben. 662 |:Im wäss'rigen schlammigen Totenreich 663 Sind Kröten und Menschen einander gleich:| 664 665 (Krötenheims Tränen haben sich zu lautem Schluchzen entwickelt) 666 (scherzo) 667 Die Königstocher am Brunnenrand 668 Sie spielt mit dem goldenen Balle. 669 Die Kröte den Ball in dem Brunnen fand 670 Der Brunnen, fast ward ihr zur Falle. 671 |:Im wäss'rigen schlammigen Totenreich 672 Sind Kröten und Menschen einander gleich:| 673 674 (andante) 675 Du Königstochter verstehst wie es kam. 676 Bist nicht in dem Brunnen ersoffen. 677 Du hast den abscheulichen Bräutigam 678 Im Bett dir zuwider getroffen. 679 |:Im wäss'rigen schlammigen Totenreich 680 Sind Kröten und Menschen einander gleich:| 681 682 Ihr Kröten und Menschen habt guten Mut. 683 Statt Kröte ein Prinz auf dem Kissen. 684 Am Ende geht's auch der Kröte gut, 685 Hart an die Wand geschmissen. 686 |:Veredelt des Königes Tochter das Tier 687 Inmitten der Nacht um viertel vor Vier :| 688 689 Ihr wandelt droben in hellem Licht, 690 Wir kriechen auf nasser Erden. 691 Vorsicht, Vorsicht zerquetschet uns nicht, 692 zerquetscht wir zum Ärgernis werden. 693 |:Im wäss'rigen schlammigen Totenreich 694 Sind Kröten und Menschen einander gleich:| 695 696 EUTERPE: (umarmt Krötenheim der im Verlauf des Chors 697 zu schluchzen begonnen hatte. Sie küsst ihm die Tränen ab.) 698 Du guter Krötenheim, du tust mir leid, 699 ganz scheußlich leid, tust du mir. 700 701 MELPOMENE: (zu Krötenheim) Nur keine Sorgen, Uli; 702 Euterpe hat ein gutes, weiches Herz 703 das Menschenunglück nicht ertragen kann. 704 Ob nun ihr Mitleid sich auf dich beschränkt, 705 oder sich auf die Kröten auch erstreckt, 706 bleibt unbestimmt. Ihr ist's unmöglich einem 707 Liebesantrag zu widerstehn. 708 709 EUTERPE: (zu Krötenheim, indem sie ihm in die Augen blickt) 710 Von dir. 711 Der Richtige, wenns einen gibt für mich, 712 der wird auf einmal da stehn, und wird mich anschaun 713 und ich ihn, und keine Winkelzüge 714 werden sein, und keine Zweifel. 715 (dann, nach einer Pause, wie in Gedanken verloren) 716 Hab ich 717 Sie recht gehört? Sie sagten Krötenmord? 718 Wer ist, wer sind die Mörder? 719 720 KRÖTENHEIM: Das sind die jungen 721 Autofahrer, auch ältere sind mit dabei, 722 den Tiere zu zerquetschen, die kleinen Tiere 723 zu zerquetschen, auf jämmerlichste Weise 724 zu töten, zum Sport, zum Spaß geworden ist. 725 So grausig, unbarmherzig, dass mich schaudert, 726 dass ich mich schämen muss, auch nur davon 727 Bericht zu geben. 728 729 EUTERPE: Ich sollte meinen, 730 dass wenn schließlich Sie und ihre Mitarbeiter 731 die die Kröten lieben, die kleinen Tiere 732 auf der andren Seite frei gelassen, 733 was ihnen meistens offenbar gelingt, 734 ohne, es ist zu hoffen und zu beten, 735 sie selber nicht als Straßenopfer fielen, 736 wär' damit nicht das Tagewerk getan? 737 738 KRÖTENHEIM: Nein, leider ist's 739 nicht mehr der Fall. Der andre Straßenrand 740 wo einst die Kröten ihre Ruhe fanden 741 war jahrelang für Tiere Schutzgebiet. 742 743 ERATO: Und ist's nicht mehr? 744 745 KRÖTENHEIM: Nein, leider nicht. 746 747 EUTERPE: Merkwürdig, Uli, findest du nicht auch? 748 Dergleichen Schutzgebiete, meinte ich, 749 bestünden auf unabsehbare Zeit. 750 751 KRÖTENHEIM: So war's auch vorgesehen. Doch wissen Sie, 752 ist es erlaubt dass ich Dich duze? weißt Du, 753 Euterpe, bei uns ist's eine Redewendung, 754 Der Mensch, der denkt, Gott aber ist's der lenkt. 755 756 EUTERPE: Bei uns heißt es: 757 Die Menschen denken, die Götter aber lenken. 758 Es geht wohl auf dasselbe hinaus. 759 760 KRÖTENHEIM: Ein stolzer, reicher und gerissener Mensch 761 das Gegenüber hat gekauft. Ich denk' 762 ein bissel Schmiergeld hat dabei geholfen. 763 Nicht Tiere nur, Beamten müssen leben. 764 Das Schmieren Gang und Gebe ist bei uns. 765 766 EUTERPE: Bei uns geht es genauso. 767 768 KRÖTENHEIM: Doch weiter noch bei uns. 769 Der Nachbar jenseits, der hat sich beschwert. 770 Noch mehr als das. Er hat uns angezeigt. 771 772 EUTERPE: Warum? Was sollt ihr denn verbrochen haben? 773 774 KRÖTENHEIM: Das Fangen wilder Tiere ist verboten. 775 776 EUTERPE: Das Gegenteil doch ist es, was Sie tun. 777 Das Leben retten Sie den wilden Tieren. 778 Setzen sie dann so bald als möglich frei, 779 um dann woimmerhin sie wolln zu krabbeln. 780 781 KRÖTENHEIM: Das ist was das Gesetz angeht belanglos. 782 Das Kröten-Überfahren ist ja nicht verboten. 783 auch nicht sie anders töten oder quälen. 784 785 MÖCHTEGERN: Was heißt Gesetz? Mag immer nur als Vorwand 786 dienen, die Folge ist politisch, Macht. 787 Gesellschaftliche Kräfte sind im Spiel. 788 Des Richters Urteil spiegelt nie den Wortlaut 789 vom Gesetz, nichts als der Kontrahenten 790 unterschiedliche Beliebtheit. 791 792 KRÖTENHEIM: So ist die Welt. 793 Aus weitrer Perspektiv' scheint Krötenschicksal 794 ein Spiegelbild von unser aller Dasein, 795 Versuche sie zu retten sind zeichenhaft 796 für unsere Ohnmacht. Sind wir beide, 797 Lump und ich, aus nährer Perspektive 798 nicht Spiegelbilder von einander? 799 Es wär mir peinlich mich ihm gegenüber, 800 aufzuspielen. Ich meine dem Herrn Lump. 801 Das will ich unter keinen Umständen. 802 Tatsache aber ist, dass der Herr Lump und ich, 803 verschieden von einander sind. 804 In nicht nur einer Beziehung, sondern in vielen, 805 ich möchte behaupten, in fast allen Beziehungen. 806 807 EUTERPE: Das scheint mir, Uli, ein sehr wichtiger Punkt 808 den wir erläutern sollten. Umso verschiedener 809 wir Göttinnen von Menschen sind, so wertvoller 810 es ist, wenn wir zusammen kommen. 811 812 MÖCHTEGERN: Die große Dialektik von Gleichsein 813 und Verschiedensein weist auf die Sprache 814 die zwischen uns vermittelt. Ich schlage vor 815 dass wir im freundlichen Vernunftgesprächen 816 uns auseinandersetzen mit Herrn Lump, 817 bar jedem Vorgriff was wir lernen möchten, 818 und zu wem wir uns verwandeln ließen. 819 820 MELPOMENE: Der Rat den Moritz uns gegeben hat 821 hat meine Billigung. Ich fänd' es gut 822 eh wir noch weitere Beteiligte 823 in unsere Unterhaltung einbeziehen, 824 wir über die Begründung unsres Denkens 825 ins Klare kommen, und dass die Vorstellungen 826 auf die wir unser Denken gründen 827 unmissverständlich werden. Ich vermute, 828 ein Grauen vor dem Tod der kleinen Tiere 829 liegt unseren Betrachtungen zugrunde. 830 Ein jeder fürchtet sich vorm eignen Tod. 831 Das ist verständlich, scheint natürlich. 832 Es ließe sich behaupten, dass diese Furcht 833 die Vorbedingung für das Überleben 834 im Kampf ums Dasein wäre, der Tauglichsten, 835 des Tüchtigsten, so woll'n's die Darwinisten. 836 In diesem Fall wär am Geeignetsten 837 zum Überleben, der den gehör'ges Maß 838 von Todesangst beseelt. So alle Tiere, 839 alle Menschen wollen ewig leben, 840 obgleich sie eines nicht mehr fernen Tages 841 sterben werden. 842 Für viele Tiere ist der Tod "natürlich" 843 von anderen Tieren ihnen zugefügt, 844 oftmals als Nahrung. Bekanntlich gab es - 845 oder gibt's auch Menschen die in solcher Weise 846 von einander sich ernährend leben. 847 848 MÖCHTEGERN: In diesem Sinne frage ich Euch alle, 849 ist's unbedingt, dass Leben wünschenswert? 850 ist Leben unbedingt das einzig große Glück? 851 Wäre vielleicht für diese kleinen Tiere 852 der richtige, der zeitgemäße Tod 853 ein größ'res Glück als fortgeführtes Leben? 854 Ich weiß auf diese Frage keine Antwort. 855 Wär' Todes Schmerzenlosigkeit entscheidend,` 856 dann jedenfalls ist's mir nicht augenscheinlich 857 ob nicht die unerwartete Zerquetschung 858 von einem schwerbelad'nen Autoreifen 859 der Art des Sterbens zuzurechnen wäre 860 die subjektiv doch die gelindste wäre, 861 wie grausam auch die Objektivität. 862 Wer möcht es sagen? Jedenfalls nicht ich. 863 864 ERATO: Mein Moritz, dieses Allerschwierigste 865 ertönt so klar und hell aus deinem Munde! 866 Vielleicht sollt's heißen, tönt aus deinem Geist. 867 Um diese Klarheit würd'ich dich beneiden, 868 wär' Neid am Menschlichen uns Göttinnen 869 nicht untersagt. 870 871 MÖCHTEGERN: Mir stellt sich eine zweite Frage: 872 Was ist der Kröten optimale Lebensdauer? 873 Ist's denkbar, dass das Überfahren werden 874 für jüngere Kröten eine Katastrophe, 875 für ältere Kröten eine Wohltat wäre? 876 Ich weiß es nicht. 877 Gibt's eine rechte Art zu sterben? 878 Wie sollte ich bei diesen Tieren sie, 879 bei anderen Tieren, und vor allem, 880 wie sollte ich das zeitgemäße Sterben 881 was das mich den einzeln'n Menschen anbelangt, 882 bestimmen. Ich weiß es nicht. 883 Es gibt ein objektives Bild vom Leben 884 und vom Sterben, und ein subjektives. 885 Uns aufgegeben ist die beiden Bilder 886 mit einander übereinzustimmen. 887 Wie das zu machen wäre, weiß ich nicht. 888 889 KRÖTENHEIM: Ich heiß es gut, 890 dass du nach diesen Dingen fragst. 891 Mit solchen Sorgen bin ich wohl vertraut. 892 Hab oft mit ihnen und mit ihresgleichen 893 die Nacht verbracht, und habe doch die Antwort 894 nicht gefunden. 895 896 MÖCHTEGERN: Es ist nun unverkennbar, 897 dass nicht nur Kröten, auch die Krötenretter, 898 wenn sie die Straße queren, Gefahr eingehn. 899 Überall droht und lauert, lockt und tröstet, 900 der Tod, verheißt den Frieden und das Nichts. 901 Und meines Freundes Krötenheims Problem 902 scheint mir ein allgemeines ohne Lösung. 903 So viel ich weiß, bisher kaum definiert. 904 905 ERATO: Sag, bitte, was du meinst. 906 907 MÖCHTEGERN: Ich meine, was wir Leben nennen 908 Es ist die Beziehung unser einer 909 zu dem was wir als Leben bezeichnen, 910 vorerst nicht zum Leben als allgemeinem, 911 auch nicht zum allgemein Lebendigsein, 912 doch zu dem einzeln'n Wesen das geboren wird, 913 das lebt, gedeiht, erkrankt und stirbt. 914 Dass einerunser einerseits zu zeugen, 915 zu gebären, zu erziehen vermag, 916 zu gleicher Zei, zu quälen und zu töten. 917 918 EUTERPE: Die Krötenrettung, wenn ich's recht verstehe, 919 ist keine Lösung, keine Antwort auf die Frage. 920 Sie ist vielmehr Verband, ein dürftiger, 921 der die Entsetzlichkeit des Tods verdeckt, 922 wenngleich vorübergehend nur. 923 924 MÖCHTEGERN: Den Vorschlag, eine Konferenz, 925 eine Besprechung, eine Auseinandersetzung mit den Nachbarn 926 auf der entlegenen Seite der Schnellstraße befördre ich, 927 fast mit Begeisterung. Ich halte es für möglich, 928 dass eine solche Besprechung zu Übereinstimmung führen wird, 929 was mich überaus begrüßenswert dünkt. 930 Halte es aber auch für möglich 931 dass die vorgesehene Besprechung 932 noch weitere und tiefere 933 Meinungsverschiedenheiten aufdecken möchte. 934 Das wäre aber nur in beschränktem Sinne bedauernswert; 935 denn wesentlicher als Übereinstimmung 936 sind Klarheit und Eindeutigkeit des Bildes 937 von der gesellschaftlichen Lage 938 in welcher unsereiner sich jeweils befindet. 939 Ich biete mich an den Antrag 940 an unsern gegenüberwohnenden 941 und andersdenkenden Nachbarn selbst zu machen. 942 943 ERATO: Dein Angebot, Möchtegern ist wohlgemeint und großzügig. 944 Aber in diesem besonderen Fall, meine ich, 945 dass der Erfolg eines Antrags wahrscheinlicher ist 946 wenn eine meiner Schwestern oder ich selber ihn machen. 947 Denn uns wird keiner erkennen. 948 Schöne Frauen sind auch bei den härtesten Männern willkommen. 949 950 MELPOMENE: Da hast du, Erato, dir deine Aufgabe vorgezeichnet. 951 Du sollst unsre Botin sein, 952 denn von uns dreien, 953 bist du die lieblichste. 954 955 MELPOMENE: Also ist's abgemacht und entschieden, 956 dass wir versuchen werden das Morden der Kröten, 957 nein, nicht das Morden sondern das vielleicht vermeidbare 958 tödliche Verunglücken der bedauerlichen Tiere 959 wenn nicht völlig zu unterbinden 960 dennoch wesentlich zu vermindern. 961 Und dies zu tun indem wir mit Herrn Lump 962 und vielleicht auch mit beteiligten Familienglieder 963 in Verbindung treten, 964 und mittels einer oder mehrerer Auseinandersetzungen 965 zu einem Einverständnis kommen. 966 Vermutlich möchte eine solche Besprechung im Krötenheim stattfinden 967 oder in der Villa der Lumps, 968 oder im äußersten Falle hier in diesem Hause. 969 Wie sollen wir das anstellen? 970 Der erste Schritt sollte ich meinen wäre uns 971 mit Herrn Lump in Verbindung zu setzen. 972 Wie sollten wir das anfangen? 973 974 MÖCHTEGERN: Krötenheim, mein Freund, 975 und ihr meine drei neuen Freundinnen, 976 ich habe Euren Ausführungen und Erklärungen sorgfältig zugehört, 977 habe sie überdacht, bin zu einem Beschluss gekommen. 978 Nein, Anweisungen weiß ich nicht zu geben, 979 nicht einmal Rat, auch keinen Vorschlag. 980 Die Gedanken haben ihr eigenes Leben; 981 sie führen ihre eigene Existenz; 982 sie wirken an und für sich. 983 Sie wirken dadurch dass sie bestehen. 984 Wir sind von Natur aus verschiedene Menschen. 985 Wir begegnen uns, und dann verstehen wir uns 986 oder wir missverstehen einander. 987 Wir müssen uns in unseren Verschiedenheiten auseinandersetzen. 988 Die Auseinandersetzung wird uns zusammenbringen, wird uns vereinen. 989 Denn durch das Zusammensein, 990 besonders aber durch das Zusammenwirken, 991 werden wir einander gleich. 992 Deshalb schlage ich vor, 993 eine Zusammenkunft zwischen dir, Krötenheim, 994 und deinem Gegner und Gegenüber, Lump. 995 So schafften wir euch beiden 996 die Gelegenheit euch auszusprechen. 997 Ihr mögt es mir glauben oder nicht, 998 ich aber bin überzeugt 999 dass die Aussprache unumgänglich 1000 das Einverständnis bewirkt, 1001 besonders wenn uns unsere drei schönen göttlichen Beraterinnen 1002 zur Seite stehen. 1003 1004 KRÖTENHEIM: Möchtegern, halt ein. 1005 Dein Vorschlag scheint sich von selbst zu verwirklichen. 1006 Denn wenn ich nicht irre, durchs Fenster, sehe ich 1007 dass der Herr Lump schon auf dem Wege zu uns ist. 1008 Bemühungen unsrerseits ihm zu begegnen werden überflüssig sein. 1009 Schon höre ich ihn an der Tür. 1010 1011 3. Teil 333333333333333 1012 1013 MAGA LUMP: (kommt ins Zimmer unangemeldet und ohne zu klopfen, blickt 1014 umher. Er ist verdattert durch die unerwartete Anwesenheit der drei 1015 anmutigen jungen Frauen. Seine Blicke streifen ziellos durchs Zimmer) 1016 Kann sein ich bin am falschen Ort. 1017 Ich suchte den Baron von Krötenheim. 1018 1019 KRÖTENHEIM: Der bin ich. 1020 1021 LUMP: Und doch scheint's mir, ich bin am falschen Ort. 1022 Sind Sie nicht Junggeselle, Hagestolz? 1023 Was sollen diese schönen Mädchen hier? 1024 1025 MÖCHTEGERN: Ob falsch, ob richtig, das bedingt die Perspektive. 1026 Um's klar zu stellen, 1027 Sie befinden sich in meinem Haus, 1028 und ich bin Moritz Möchtegern. 1029 Zufällig ist mein guter, großer Freund 1030 Baron von Krötenheim bei mir zu Gast. 1031 Ob er sich ihnen bei dieser Gelegenheit zur Verfügung stellen wird, 1032 möchte gänzlich allein ihm selber überlassen bleiben. 1033 Was ihn zu diesen Frauen zieht ist seine Sache, nicht die ihre. 1034 1035 LUMP: Ich suchte Krötenheim in seiner Villa auf. 1036 Man sagt mir dort, der sei bei Möchtegern. 1037 Nun bin ich hier und stoße auf die Schönheit selbst. 1038 Der Anblick überirdisch schöner Mädchen macht mich sprachlos. 1039 1040 MELPOMENE: Sie mögen ruhig sein, geehrter Herr. 1041 Wir stellen keine Ansprüche an Sie. 1042 Sind hier um uns Baron von Krötenheim 1043 und seinem Freunde Moritz Möchtegern 1044 behilflich zu erweisen. 1045 Der Herr Baron hat uns von Missverständnissen berichtet, 1046 die zwischen ihnen, hochgeehrter Herr, 1047 und dem Baron entstanden wären. 1048 Es ist die Krötenwanderung die sie entzweit. 1049 Sein Anliegen hat der Baron uns vorgetragen. 1050 Wir sind entschlossen den Streit zu schlichten 1051 der zwischen ihnen beiden sich entsponnen hat. 1052 und möchten deshalb ihre Argumente hören. 1053 1054 LUMP: Ihr Anblick bringt mich aus der Fassung. 1055 Wenn ich Sie anschau, wird es mir unmöglich, 1056 Beschwerden ihnen vorzutragen. 1057 Fast habe ich vergessen weswegen ich gekommen bin. 1058 Dennoch will ich versuchen 1059 die fast verschollenen Besorgnisse 1060 in der Erinnerung aufzuspüren; 1061 wenn ich versage, gebe ich nicht ihnen, 1062 nein, dann gebe ich die Schuld der Schönheit 1063 die von ihnen strahlt. 1064 1065 MELPOMENE: Mein Herr, ihr Vorwurf ist kaum unerhört. 1066 1067 LUMP: Die Liebe zu den Kröten ist mir gräulich. 1068 Ich find die Tiere so unsagbar hässlich. 1069 1070 KRÖTENHEIM: Was diesen Punkt betrifft ist's mir unmöglich, 1071 mit ihnen übereinzustimmen. 1072 Strahlt denn nicht jedes Wesen, auch die Kröte, 1073 mit eigner gottgegebner Schönheit. 1074 Ist ihnen jemals eingefallen, Nachbar Lump, 1075 dass in der Kröten Sicht, auch Sie vielleicht 1076 nicht unbedingt adonishaft erscheinen? 1077 1078 LUMP: Sie, Krötenheim, das glauben Sie doch selbst nicht, 1079 Sie sagen's mit der Absicht mich lächerlich zu machen, 1080 und dabei werden Sie's der lächerlich erscheint. 1081 So schön ist sie, die Himmelsbotin, die mich begrüßt, 1082 und die aus Gründen die mir unerklärlich sind 1083 in diesen Maulwurfstunnel sich verirrt hat; 1084 Und sie erdreisten (behaupten) diesen Glanz 1085 mit der Erscheinung einer Kröte zu vergleichen. 1086 Dies Mädchen strahlt von einer Schönheit 1087 welche sie und ihre Kröten zu blind sind zu erkennen. 1088 Ach, Sie verkennen ein großes Glück 1089 in dessen Glorie die hässliche, 1090 unwürd'ge Krötenbrut als nichts erscheint. 1091 1092 KRÖTENHEIM: Die Kröten hab ich lieb; 1093 sind mir so teuer wie meine eigenen Kinder, 1094 und sie verschmähen lasse ich nicht zu. 1095 1096 LUMP: Beziehungen zu der Familie welche Sie erwähnen, 1097 die mögen ihnen überlassen bleiben. 1098 Ich hab Sie aufgesucht um ihnen zu erklären 1099 dass ich mit ihrem Krötenfimmel nichts zu tun hab. 1100 Einfangen von wilden Tieren ist wider den Paragraphen des Gesetzes. 1101 Und wenn sie fortfahren diesen Unrat mir 1102 aufs Land zu schütten, werde ich verlangen 1103 dass man sie bestraft. 1104 1105 ERATO: Herr Lump, die Tierchen werden eingefangen, 1106 nur um ihr zartes Leben zu erretten 1107 um zu verhüten dass man sie zerquetscht. 1108 1109 LUMP: Zerquetschen ist erlaubt. Dagegen hat's 1110 Gesetz nichts einzuwenden. Im Gegenteil, 1111 zum öffentlichen Wohl würd' beigetragen. 1112 Die Kröten verpesten mir mein Land mit Keimen, 1113 und sie zu töten ist Gesundheitspflicht. 1114 Bin im Begriffe einen dichten Zaun 1115 am Straßenrande aufzuziehn. Der wird 1116 nicht nur die Kröten, wird auch ihre Retter 1117 mir vom Lande halten, und auf der Straße 1118 krepieren lassen, wie sie's verdient. 1119 1120 KRÖTENHEIM: Ich fürchte 1121 die Absicht einen Vergleich mit Herrn Lump zu bewirken 1122 hat versagt. 1123 1124 MELPOMENE: Keineswegs, Herr Baron. Ich schließe das Gegenteil. 1125 Herr Lump, so scheint es mir, ist ein verständiger Mensch 1126 mit dem ich mir eine erfolgreiche Auseinandersetzung durchaus 1127 vorzustellen vermag. Wir sollten unsere Unterhaltungen mit ihm 1128 fortsetzen. Mich dünkt je ehr desto besser, eben darum 1129 dass der Schwung von Gedanken und Gefühle nicht schwinden möchte. 1130 1131 EUTERPE: Da weiß ich wirklich nicht Melpomene, wovon du redest. 1132 1133 MELPOMENE: (an Euterpe) Das wirst du einsehn, liebes Kind. Hab nur Geduld. 1134 1135 LUMP: Fräulein Melpomene, Ich bin entzückt mir vorzustellen, 1136 dass Sie und ihre beiden gleichfalls schönen Freundinnen mich besuchten. 1137 Vielleicht sogar noch heute Nachmittag. 1138 Wäre es möglich? 1139 1140 MELPOMENE: Ich wüsste keinen Gegengrund. Euterpe und Erato, seid ihr bereit? 1141 1142 ERATO: Selbstverständlich, Was immer dazu dienen 1143 möchte den Zwist zu schlichten ist mir recht. 1144 Vorausgesetzt, was sich von selbst versteht, 1145 der Herr Baron und Moritz Möchtegern, 1146 sie beide kommen mit. 1147 1148 LUMP: Dass diese Männer 1149 sich beteiligen ist überflüssig. 1150 1151 ERATO: Im Gegenteil, mir scheint es unabdingbar. 1152 1153 MELPOMENE: Wir kommen alle Fünf. Wenn nicht zusammen, 1154 dann kommt keiner. 1155 1156 LUMP: Sie sind sehr entschlossen, 1157 Fräulein Melpomene. Der zähe Willen 1158 eines starken Mädchens macht unsereinem 1159 den Sieg umso mehr köstlich. 1160 1161 MELPOMENE: Sie reden Unsinn 1162 wozu ich nichts zu sagen hab. 1163 1164 LUMP: Worte 1165 sind überflüssig. Auf Handlung kommt es an. 1166 Jetzt will ich mich entschuldigen. 1167 In kurzer Zeit, in einer halben Stund, 1168 erwart ich Sie drei schöne Mädchen 1169 bei mir zuhaus, jenseits der Autobahn. 1170 Die beiden Männer mögen, wenn's notwendig, 1171 Sie begleiten. Doch bitte keine Kröten. (Er geht.) 1172 1173 ERATO: Ganz anders als ich mir vorgestellt. 1174 Merkwürd'ger Mensch. 1175 1176 EUTERPE: Ein rechter Schürzenjäger. 1177 Nichts weiter. Ein wenig anders als die meisten. 1178 Nicht unbedingt zu seinen Gunsten. Im Grunde 1179 wollen alle ihrer Art das gleiche. 1180 1181 4.Teil 444444444444444 Lumps Villa überall Sofas, Chaiseslongue, Ruhebänke 1182 1183 LUMP: Wie wunderbar!. Sie, oder darf ich sagen 1184 ihr, drei schöne Mädchen, seid gekommen. 1185 Warum ihr hier seid brauch ich nicht zu fragen, 1186 habt meinen Wunschgedanken angenommen. 1187 Ich hatte es erhofft, doch nicht erwartet. 1188 Begleitet von zwei Männern, das ist schade. 1189 Doch keiner einz'gen Kröte, wie grandios! 1190 1191 MELPOMENE: Gekommen sind wir in der Zuversicht 1192 die heikle Krötenangelegenheit 1193 die unsern Freund den Herrn Baron betrübt, 1194 mit freundschaftlicher Hilfe zu entwirren. 1195 Sind überzeugt, dass es gelingen wird, 1196 zu friedlichem Verständnis zu gelangen. 1197 1198 LUMP: Was für ein Unsinn, meine Melpomene. 1199 Die Krötensache ist nur leere Finte 1200 Gelegenheit zu schaffen schöne Frauen 1201 wie sie es sind, zu finden und zu küren, 1202 umwerben und wenn möglich zu verführen. 1203 Was Kröten anlangt ist kein Einverständnis 1204 nötig. Ich hab ganz anderes im Sinn. 1205 1206 MELPOMENE: Das wäre? 1207 1208 LUMP: Ich bin ein Sammler, suche Kostbarkeiten. 1209 Manch einer sammelt Marken, oder Münzen 1210 Bücher, Gemälde, Krüten, was weiß ich 1211 ich aber bin der Sammler andrer Dinge. 1212 1213 MELPOMENE: Das wären? 1214 1215 LUMP: Schöne junge Frauen, deren Besitz, 1216 deren Gebrauch bewirkt den täglichen 1217 Genuss des Lebens. Jeder Augenblick 1218 bedarf nichts weiter als die Gegenwart 1219 von holden Mädchen. Hier sind ihrer drei. 1220 Nicht besser könnte mich der Himmel segnen. 1221 Doch ich bin in Gefahr sie zu verleiten 1222 ein falsches Bild von mir zu hinterlassen. 1223 Mein Leben ist nicht sinnlich, es ist geistig. 1224 Die Zeit vergeht mit Lesen und Bedenken. 1225 Und unablässig schlag ich eine Seite 1226 nach der anderen um, bis eines Tages, 1227 beim Wenden des gedruckten Blattes 1228 erstaunlich, wenn nicht sogar schrecklich 1229 ein Neues, Unerwartetes erscheint. 1230 In diesem Falle ist's ein neues Ich, 1231 ein neuer Geist und eine neue Seele, 1232 das alles hat mir, wag ich es zu sagen, 1233 Melopeme, die schönste, allerliebste 1234 der Frauen die ich je gespürt, geschenkt. 1235 Durch Sie, durch dich hab endlich ich entdeckt 1236 den Menschen der ich wirklich bin. 1237 Was größeres hätt' ich empfangen können. 1238 Wie könnt ich jemals dir genügend danken? 1239 So etwas haben sie nie erlebt, oder doch, 1240 oder lesen sie nicht. 1241 1242 MÖCHTEGERN: Wen meinen Sie? 1243 1244 LUMP: Wen ich meine? Ich meine Sie alle, alle fünf, nur eben keine Kröten, 1245 oder wollten sie mir weiß machen dass Kröten Bücher lesen. 1246 1247 MELPOMENE: Der Vorschlag, die Frage ob Kröten Bücher lesen, lieber Lump, 1248 die stammt von ihnen, nicht von uns. 1249 1250 LUMP: Wir sind vom Thema abgekommen. Worums sich handelt ist, dass beim 1251 Umschlagen der Seite des gelesenen Buchs, nicht stets dasselbe, 1252 manchmal etwas ganz Verschiedenes zu Tage kommt. 1253 Ein neues Blatt wird aufgeschlagen, sagt man, 1254 sei es in einem Buch, sei es im Leben. 1255 Was nun mich selber angeht, ist das Buch 1256 in dem ich unablässig blättere 1257 ein völlig anderes, wenn ich darin 1258 von schönen Frauen statt von Kröten lese. 1259 1260 MELPOMENE: Was soll das heißen? 1261 1262 LUMP: Was das soll heißen, himmelsschönes Kind, 1263 ist dass im Lesen des erstaunenswerten 1264 Buches das ich bin, du eine neue 1265 Seite um und aufgeschlagen hast, 1266 auf der du heute etwas andres liest 1267 als gestern. 1268 1269 MELPOMENE: Da müssten Sie erklären was das heißen, 1270 was da auf dieser nächsten Seite stehen soll. 1271 1272 LUMP: Was all das heißen soll, mein schönes gutes Kind, 1273 ist dass hinfort und zwischen uns, 1274 nicht Sie das ausgesuchte Wort Anrede ist. 1275 Nicht Sie, nur du und du und nichts als du. 1276 Ihr holde Frauen, himmelsschöne Mädchen 1277 (sich zu den Männern wendend) 1278 Mit ihnen, Krötenfreunde hat dies nichts zu tun. 1279 Es handelt nämlich nicht um schöne Kröten, 1280 sondern um schöne Frauen. 1281 1282 MÖCHTEGERN: Wen meinen Sie. 1283 1284 LUMP: Du fragst mich wen ich meine? 1285 Schock schwere Not, Kerl, bist du blind. 1286 Kommst angetrabt mit Frauen, 1287 nicht nur einer, sondern dreien, 1288 schön wie nur die im Himmel sind. 1289 (zu den Musen) 1290 Ich mache euch drei Schönheiten ein Angebort, 1291 nein, mehrere, doch nach der Reihe. 1292 Ich bin Besitzer eines Schönheitwettbewerbs 1293 den man hier Beauty Contest nennt, nein, 1294 leider Besitzer nur des Preisausschreibens, 1295 nicht der Frauen. Ihr solltet als Bewerberinnen 1296 Euch dran beteiligen, wenn ihr es wollt, 1297 und vielleicht auch wenn's Euch ungelegen ist. 1298 Bis jetzt gibt es nur einen ersten Preis, 1299 doch wenn ihr drei dabei seid, muss es drei 1300 erste Preise geben. Ich werde sorgen 1301 dass eine jede von Euch ihre Krone bekommt. 1302 Was sagt ihr nun dazu? 1303 1304 LUMP:(Arie) Ihr schöne Mädchen artig angezogen 1305 vom Himmel auf die Erde seid geflogen 1306 und mit euch ist die Liebe eingezogen 1307 1308 ihr wolltet einen starken Mann hier finden 1309 Euch ewig an sein treues Herz zu binden 1310 und endlich Einsamkeit durch ihn verwinden. 1311 1312 Drei Männer habt nicht nötig, nur den Einen 1313 Denn zwei sind überflüssig, nehmt sonst keinen 1314 Der Eine wird als eure Sonne scheinen 1315 1316 Ein Held braucht sieben Mädchen, es ist klar 1317 Ein Mann auf sieben Jungfrauen, ist's nicht wahr 1318 dass dies des Neuen Testamentes Botschaft war. 1319 1320 Auf Reisen sind die zwei die mir gehören 1321 gut dass sie konzertiern, statt uns zu stören 1322 Doch ihre Sehnsuchtstimmen sollt ihr hören 1323 1324 Lauscht ihren Leidenschaften, wenn sie singen 1325 so wird auch Euch die Liebe einst gelingen. 1326 Denn auf den Einen schmachten Sieben 1327 So ist's von Anfang an geblieben 1328 1329 (Er legt eine Schallplatte auf.) 1330 1331 So singt die Eine: 1332 1333 Seit ich ihn gesehen, 1334 Glaub' ich blind zu sein; 1335 Wo ich hin nur blicke, 1336 Seh' ich ihn allein; 1337 Wie im wachen Traume 1338 Schwebt sein Bild mir vor, 1339 Taucht aus tiefstem Dunkel, 1340 Heller nur empor. 1341 1342 und so ergänzt die andere: 1343 1344 Sonst ist licht- und farblos 1345 Alles um mich her, 1346 Nach der Schwestern Spiele 1347 Nicht begehr' ich mehr, 1348 Möchte lieber weinen, 1349 Still im Kämmerlein; 1350 Seit ich ihn gesehen, 1351 Glaub' ich blind zu sein. 1352 1353 Und nun ist's an euch dreien. Dass ihr vielleicht 1354 nicht singen könnt tut nichts zur Sache. 1355 Ich werd Euch das Singen beibringen 1356 und noch manches andere 1357 1358 MELPOMENE: (Arie) 1359 Herr Lump, Herr Lump, Sie überschätzen ja. 1360 Sie zoll'n mir Ehren die mir nicht gebühren. 1361 Ich bin hierher gekommen nicht um da 1362 als Schönheitskönigin zu kandidieren, 1363 weder im Wettstreit noch in ihren Betten, 1364 sondern um keine Aussicht zu verlieren, 1365 die Kröten vom Zerquetschungstod zu retten. 1366 1367 LUMP: Krötenproblem hin. Krötenproblem her. 1368 Ich kenne kein Problem mit Kröten 1369 oder anderen Lebenwesen, 1370 die schönen Frauen einbeschlossen, 1371 welches sich nicht am Besten 1372 im Waagerechten lösen ließe, 1373 im Ausruhen von den Müh'n des Tags 1374 in gutem festen Schlaf. 1375 Auf der neuen Lesens- oder sollt ich 1376 sagen Lebensseite, die ich 1377 auf euern Antrieb nun aufgeschlagen hab, 1378 da werdet ihr den neuen Lump entdecken, 1379 anders als den, den ihr zu kennen meintet. 1380 1381 Ich bin ein weiser, hoch belesener Mann 1382 in seinen besten Jahren, der lebenslang 1383 darüber nachgesonnen hat, was eigentlich 1384 die Welt im Innersten zusammen hält, 1385 der heut sein Ideal verwirklicht findet, 1386 nämlich in eueren Gestalten hold, 1387 und unverkennbar schön, in eueren Stirnen, 1388 Augenbrauen, Lidern, Wangen, Lippen 1389 und im Glanz der Augen, und in der Musik 1390 der Worte. Weit'res unter farbgem Rock 1391 dem eng gestricktem Hemd und leichter Bluse 1392 schwebt wie ein Sehnsucht stiftend Sternenbild 1393 hinter den Wolken vor des Geistes Augen. 1394 Im Geist zähl ich jetzt auf, was ich gesehen, 1395 was ich eben seh, und was ich sehen möchte, 1396 doch zaudre ich, an das was tiefer liegt 1397 mich hinzuwagen, besorgt verfrühter Blick 1398 möchte verdrießen. Das Wichtige kommt später. 1399 1400 Ich liebe die Natur, die wilden Tiere 1401 ungezähmt und frei. Am liebsten sind mir 1402 Kröten, fromm gepanzert, fast so schön 1403 wie Frauenleiber in züchtigstem Versteck. 1404 Die finde ich vor allen mir am Schönsten. 1405 1406 MELPOMENE: Herr Lump, ich hab es mir nie träumen lassen, 1407 dass sie ein Dichter sind. 1408 1409 LUMP: Jetzt wissen Sie's. 1410 Doch wichtger noch, ich bin ein Philosoph. 1411 Das höchste der moralischen Gesetze 1412 ist mir die fromme Ehrfurcht vor dem Leben, 1413 kommt, in der großen Arie die ich schrieb, 1414 zu wunderbarem Ausdruck. (Er beginnt zu singen.) 1415 1416 Kröten können sicher weiden, 1417 Wo ein guter Hirte wacht. 1418 Wo Regenten wohl regieren, 1419 Kann man Ruh und Friede spüren 1420 Und was Länder glücklich macht. 1421 1422 (Nach dem Ende der Arie, fährt er fort:) 1423 LUMP: Der gute Krötenhirte, das bin ich; 1424 wohl auch der wohlregierende Regent 1425 in dessen Ländern Ruh und Friede walten. 1426 Und nun, Fräulein Melopomene, ist's Zeit. 1427 Komm du mit mir ins eins der Hochzeitszimmer 1428 die ich für euch hab vorbereiten lassen. 1429 Ich weiß noch viele andre schöne Lieder 1430 dich zu ergötzen. Das gibt Gelegenheit 1431 dich auszuruhn, zu schlafen und zu träumen, 1432 von schönen Kröten und vielleicht von mir. 1433 1434 5. Teil 555555555555555 1435 (Lumps Rückverwandlung) 1436 1437 MELPOMENE: Mein lieber Maga, deine liebevolle 1438 und liebenswürd'ge Einladung an mich 1439 zum Zwiegespräch in einem deiner Zimmer 1440 erkenn ich an mit Dankbarkeit, 1441 und wenn ich es bekennen darf, 1442 fast mit erwiderden Gefühlen. 1443 Betone dies weil ich mich dennoch 1444 nicht bereit befinde sie anzunehmen. 1445 Deinem Vorschlag nachzukommen wäre 1446 für uns Göttinnen ein ausgefallenes Benehmen 1447 Dir nachzukommen wär für uns Benehmen 1448 das weil es ausgefallen ist, olympischer 1449 Genehmigung bedürfte. Vermuten muss ich, 1450 dass sie nicht erstattet würde. 1451 1452 LUMP: Und warum sollte was du olympische 1453 Genehmigung nennst erteilt nicht werden? 1454 Bin ich den Gipfelhonoratioren 1455 zu wenig vornehm? Und wenn du, wie du sagst, 1456 den Bitten die ich stell, mit Gleichgefühl 1457 entgegen trittst, warum fragst du nicht an, 1458 warum willst du nicht bitten, willst nicht betteln 1459 dass die Allmãchtigen die uns befehlen 1460 nicht unserm Glück entgegen stehen möchten. 1461 Warum lässt du die Ablehnung von Seiten 1462 deiner Vorgesetzten unbestritten? 1463 1464 MELPOMENE: Ich will versuchen alles zu erklären, 1465 mein lieber Lump, und ohne dich zu kränken. 1466 Kollegen die ich hab, und Vorgesetzte 1467 auf schneebedecktem hohen Berge, sind, 1468 allwissend in wicht'gen Sachen die sie kümmern, 1469 Um dein Verhalten in der Krötensache 1470 sind sie verstimmt. Die Widersprüchlichkeiten 1471 deiner Rede, um Unwahrheit und Lüge 1472 unerwähnt zu lassen. Der Widerspruch 1473 womit du schmeichelst und beschwichtigst, haben 1474 dein Denken meinen Vorgesetzten so 1475 verdächtigt dass der Gedanke an ein Treffen 1476 im Bett von ihnen nicht genehmigt würde. 1477 Dabei erlaub mir zu bekennen, dass meinerseits 1478 ich anderweitig wenig abgeneigt 1479 sein würde deinen Wünschen zuzustimmen 1480 wenn ich durch höchstes göttliches Verbot 1481 nicht unverbrüchlich abgehalten würde. 1482 1483 LUMP: Melpomene, da willst du mich zum besten haben. 1484 Ich weiß mit Sicherheit, dass Götterwünsche 1485 ausnahmslos bewilligt und ermöglicht 1486 werden. Ich glaube dir ganz einfach nicht. 1487 Du sagst ich sei ein Lügner. Ich sage dir, 1488 du bist die Lügnerin. 1489 1490 EUTERPE: Erlaubt mir diesen Kommentar. 1491 Ich denke wer im Glashaus sitzt, 1492 soll Steinewerfen unterlassen. 1493 1494 LUMP: Ins Besondere, beklage ich ich 1495 die Krötenrettungsversuche die ihr verfechtet, als widerrechtlich. 1496 Es ist gesetzlich verboten wilde Tiere zu einzufangen. 1497 Hingegen ist das Töten auf der Schnellstraße 1498 wo Kröten nicht hingehören, verboten sind 1499 und völlig gesetzwidrig, unvermeidlich, 1500 und deshalb, weil das Gesetz realistisch ist, erlaubt. 1501 (nach kurzer Überlegung) 1502 Aber ich rede schon wieder von Kröten. Das ist ein Fehler. 1503 Was für ein Unsinn, in der Gegenwart von drei schönen Mädchen, 1504 oder sollte ich sagen, zwei, da ja die erste den Behörden 1505 das Vorrecht einräumt, sie geschlechtslos zu machen. 1506 1507 MELPOMENE: Du vergisst aber dass es himmlische Behörden sind 1508 welche ihr Vorrecht ausüben. 1509 1510 MÖCHTEGERN: Was mich anbelangt, finde ich das noch schlimmer. 1511 Bedenk doch in welch erotischen Schlamassel die jüdischen Christen 1512 und die christlichen Juden 1513 sich mit ihrem Leugnen des Geschlechtstriebs 1514 der Geschlechtsnotwendigkeit begeben haben. 1515 1516 LUMP: Wenigstens dies eine Mal stimmt Möchtegern mir zu. 1517 Wie aber besteht's in dieser Hinsicht 1518 mit den beiden anderen schönen Mädchen? 1519 Handelt es sich da auch um körperlose Jungfraun, 1520 fleischlos, nichts als Seele? 1521 1522 EUTERPE: Mein lieber Maga Lump. du redest wie ein Philosoph. 1523 1524 LUMP: Eine Verleumdung, die ich mir nicht gefallen lasse. 1525 1526 EUTERPE: Keine Verleumdung, denn du stellst Fragen welche in die Tiefe dringen. 1527 1528 LUMP: Vielleicht verständ'gen wir uns schließlich doch, 1529 weiß aber nicht ob meine Zunge, ich meine, ob meine Fragen, 1530 das geeignetste Instrument sein möchte, die Tiefen 1531 deiner Seele zu sondieren. 1532 1533 EUTERPE: Ich glaube wir verstehen uns wohl genug, 1534 bis auf den einen Punkt, 1535 dass ich zwar große Liebe hege für Göttinnen und Götter, für Menschen, 1536 für Frauen und Männer, für viele Wesen, Kröten einbeschlossen, 1537 aber nicht für dich. 1538 1539 LUMP: Ich bin sprachlos. So etwas hat mir noch kein Mädchen gesagt. 1540 (wendet sich zu Erato) Du bist Erato. 1541 1542 ERATO: So heiße ich und hab zu dem, was meine Schwestern dir gesagt, 1543 nichts hinzuzufügen. 1544 1545 MÖCHTEGERN: Erlauben sie mir die Feststellung Herr Lump, 1546 die Absicht, der Zweck unseres Besuches ist der Versuch 1547 das Krötenrettungsmissverständnis 1548 das zwischen uns entstanden ist, 1549 das uns entzweit, zu schlichten. 1550 1551 LUMP: Das ist was du dir vorstellst, Moritz Möchtegern. 1552 Was ich mir überlege, hat mit Kröten nichts zu tun. 1553 1554 MELPOMENE: Aber der Krötenrettung wegen sind wir doch gekommen. 1555 Glaubst du, dass es uns möglich wäre, 1556 darüber zum Einverständnis zu kommen. 1557 1558 LUMP: Gewiss, alles ist möglich. 1559 Aber mein Magen knurrt, er beklagt seine Leere. 1560 Ich lade sie alle fünf zu einem Festessen ein. 1561 1562 KRÖTENHEIM: Das ist sehr freundlich von ihnen Herr Lump. 1563 1564 MELPOMENE: Sind wir alle Fünf einverstanden, 1565 Magas Einladung anzunehmen? 1566 1567 FÜNF STIMMEN: Ja. 1568 1569 LUMP: Setzt euch nur an den Tisch. 1570 Für jeden von euch ist ein Platz bereit gelegt. 1571 Der sechste ist für mich. 1572 Bis das Essen kommt, 1573 mögen wir uns über beliebige Themen unterhalten, 1574 über das Wetter, über die Moral der Götter und der Göttinnen, 1575 über schöne Mädchen, über den Spaß am horizontalen Handwerk. 1576 Ein Thema nur sei uns verboten. 1577 Über Kröten und ihre Rettung verbieten wir uns zu reden. 1578 1579 (Einen große Suppenterrine wird von einem Dienstmädchen 1580 auf den Esstisch gestellt. 1581 Lump füllt aus ihr, fünf tiefe Suppenteller, 1582 die er seinen Gästen reicht, 1583 mit den Worten Guten Appetit. 1584 Er selber isst nicht mit. 1585 Die Suppe schmeckt scheußlich, 1586 aber keine der Gäste beklagt sich. 1587 Als sie fertig gegessen haben, fragt ...) 1588 1589 KRÖTENHEIM: Sollen wir jetzt die Kröttenrettungsfrage besprechen? 1590 1591 LUMP: Da ist nichts zu besprechen. Die Kröten sind in ihre Magen gerettet. 1592 Das war Krötensuppe, oder vielleicht sollte ich sie Krötenrettungssuppe nennen, 1593 die sie soeben verzehrt haben. 1594 1595 MELPOMENE: Dann wäre keine Ursache dass wir länger blieben. 1596 1597 LUMP: Im Gegenteil, Sie alle sollten lange genug bleiben um die Bezeugung 1598 meiner Anerkennung zu empfangen. Leider sind meine Backen nicht kräftig 1599 genug ihnen aus dieser Entfernung ins Gesicht zu spucken, aber nehmen Sie 1600 dies als Ersatz. 1601 1602 (Mit diesen Worten hatte Lump den Inhalt eines Wasserglases vor ihm auf dem 1603 Tisch Melopeme ins Gesicht geschläudert, dass er dann vier Mal so schnell 1604 er vermochte aus einer Karaffe auffüllte, um seinen vier anderen Gästen, 1605 Euterpe, Erato, Krötenheim und Möchtegern gleichfalls symbolisch ins Gesicht 1606 zu spucken.) 1607 1608 MELPOMENE: Also wir gehen. Ich weiß nicht ob Auf Wiedersehen der passende 1609 Abschiedsgruß wäre. 1610 1611 LUMP: Beeilen sie sich nur nicht. 1612 1613 (Auf diese Worten entnahm Lump erst eine. 1614 dann vier weitere zerquetschte Kröten aus einem Eimer 1615 und schleuderte sie, eine nach der anderen, 1616 Möchtegern, Krötenheim, Erato, 1617 Euterpe und Melpomene in ihre Gesichter) 1618 1619 MELPOMENE: (zu ihren Begleitern indem sich sich zur Tür wandte.) 1620 Kommt, folgt mir. 1621 (Möchtegern schlägt die Tür hinter ihnen zu.) 1622 1623 6. Teil 666666666666666 1624 1625 MÖCHTERGERN: Euch alle muss ich um Entschuldigung bitten. 1626 1627 MELPOMENE: Du aber warst es doch nicht, 1628 der uns in die Gesichter spuckte. 1629 Du warst es nicht der uns zerquetschte tote 1630 Kröten an die Köpfe warf. 1631 1632 MÖCHTEGERN: Bei mir aber, in meinem Gemüt, 1633 ist der Vorschlag zu dieser Konferenz, 1634 zu dieser Auseinandersetzung entstanden. 1635 1636 EUTERPE: Es war trotz des Versagens, trotz der Blamage, 1637 dennoch ein sinnvoll vernünftiger Vorschlag. 1638 Die Seelenkrankheit des Maga Lump 1639 ist nicht von Dir gestiftet, 1640 kann Dir nicht angerechnet werden, 1641 kann Deine Schuld nicht sein. 1642 Unmöglich ist es dir, dich zu entschuldigen 1643 für etwas worum dir keine Schuld gebührt. 1644 1645 ERATO: Du meinst auch, Möchtegern, dass Maga Lump 1646 die Schuld nicht angerechnet werden sollte? 1647 1648 MÖCHTEGERN: Allenfalls nicht von mir. 1649 Denn ich will nicht den Richter spielen, 1650 denn ich darf nicht der Richter sein. 1651 Ob's deine Pflicht, ob's eure Pflicht sein möchte, 1652 auch das ist Urteil, das ich nicht zu fällen wage. 1653 1654 ERATO: Da ist etwas an dir, 1655 woran ich viel gefallen habe, 1656 dass du dich so geflissentlich, 1657 beständig, des Urteilens enthälts. 1658 1659 MÖCHTEGERN: Und du, hast du ein Urteil? 1660 1661 ERATO: Nein, ich darf kein Urteil haben. 1662 Mein Amt ist es die Liebe zu begreifen und zu üben, 1663 und Urteil hat mit Liebe nichts zu tun. 1664 1665 MÖCHTEGERN: Und deine acht Schwestern: 1666 1667 ERATO: Gewiss es ist ihr Amt die Künste, 1668 das heißt die Schönheit, zu befördern. 1669 Da ist es dann notwendig zwischen schön 1670 und hässlich zu urteilen. 1671 1672 MÖCHTEGERN: Findest du die Kröten schön? 1673 1674 ERATO: Weißt du, Moritz, 1675 deine Frage erinnert an das Märchen vom Froschkönig. 1676 Bei der ersten Begegnung war der Frosch alles andere als schön: 1677 "Sie (die schönste der Königstöchter) sah sich um, 1678 woher die Stimme käme, da erblickte sie einen Frosch, 1679 der seinen dicken, häßlichen Kopf aus dem Wasser streckte." 1680 Das Gegenteil also von schön. Als dann aber der Frosch auf sein 1681 Anrecht bestand, zu ihr ins Bett zu kriechen da ward das Königskind 1682 "erst bitterböse, holte ihn herauf und warf ihn aus allen 1683 Kräften wider die Wand: "Nun wirst du Ruhe haben, du garstiger Frosch." 1684 Als er aber herabfiel, war er kein Frosch, sondern ein Königssohn 1685 mit schönen und freundlichen Augen." 1686 1687 MÖCHTEGERN: Herr Lump hat einem jeden von uns, fünf an der Zahl, eine Kröte ins 1688 Gesicht geworfen, und keine hat sich als ein verwunschener Königssohn entpuppt. 1689 1690 ERATO: Das unliebsame Tier war aber ein Frosch und keine Kröte. 1691 1692 MÖCHTEGERN: Kröten sind garstiger noch als Frösche. Liebste Erato, ich bekenne 1693 mich garstiger noch als eine Kröte. Wenn du mich aus allen Kräften wider die 1694 Wand schmissest, vielleicht würde ich mich dann auch in einen Königssohn 1695 verwandeln dem es erlaubt wäre zu dir ins Bett zu steigen. 1696 1697 ERATO: Die Möglichkeit besteht. Das geb ich zu. 1698 1699 MÖCHTEGERN: Dann wäre ein Versuch der Mühe wert, Meinst Du nicht auch? 1700 1701 ERATO: Was aber würde, wenn es missglückte, 1702 und ich dich schwer verletzte? 1703 1704 MÖCHTEGERN: Ach Erato, ich möchte es so gern, das ist mein Name. 1705 1706 (Inzwischen sind die Fünf bei Möchtegern zuhause angelangt. 1707 Melpomene hat sich umgehend ans Telephon begeben und 1708 verhandelt mit Hermes.) 1709 1710 HERMES: (im Telephon) Mir scheint das eine belanglose Angelegenheit, 1711 für deren Bearbeitung Dike zuständig ist. Ich schicke sie euch. Sie 1712 wird umgehend bei euch erscheinen. 1713 1714 (Dike, die Göttin der Gerichte, des Rechts und der Gerechtigkeit 1715 ist unverzüglich erschienen.) 1716 1717 DIKE: Die Umstände die ich zur Kenntnis genommen habe, 1718 drängen mich zur Tat: So außerordentlich 1719 unannehmbar es ist, dass Menschen Göttertöchtern 1720 zerquerschte Kröten ins Gesicht zu schleudern wagen, 1721 so unerlässlich ist die amtliche Bestrafung. 1722 Benehmen solcher Art ist lediglich 1723 den Göttern vorbehalten. Doch diesen Missstand 1724 zu beheben erscheint mir eine Kleinigkeit. 1725 Nichts Weiteres dünkt mich vonnöten, 1726 als die Berichtigung der Grundurkunden 1727 womit dem Musterpatrioten sein Besitz 1728 entzogen wird. 1729 1730 MÖCHTEGERN: Aber Fräulein, Göttin Dike, Abänderung 1731 der Grundurkunden ist doch unmöglich. Sind die Kataster, 1732 ist das Grundbuch eingerichtet nicht, 1733 dass es dem Grundbesitz Beständigkeit 1734 und Zuverlässigkeit gewähre? 1735 Verlässlich möchte jeder ums eigene 1736 und um des Nachbarn Eigentum Bescheid 1737 bekommen können. Ist nicht das Grundbuch 1738 in gewissem Maße heilig? Darf's nicht 1739 mit Aufsicht nur und mit Genehmigung 1740 zuständiger Beamtendamen aufgeschlagen 1741 und gelesen werden? Geändert aber nie? 1742 1743 DIKE: Du kleines Unschuldskind, heißt du nicht Möchtegern? 1744 Du hast noch viel, hast sehr viel noch zu lernen. 1745 Denn zwischen was wir Götter sagen 1746 und was wir Götter tun ist eine große Kluft, 1747 und kein Mensch ist befugt sie zu beklagen. 1748 Von Menschen nur wird Folgerichtigkeit verlangt. 1749 Sie soll'n vermeiden sich zu widersprechen, 1750 Sie nennen's Wahrheit sagen und nicht lügen. 1751 Und weiterhin wird es gefordert, 1752 dass ihre Taten sollten stimmen 1753 mit ihren Worten überein. 1754 Doch dieser Maga Lump erdreistet 1755 wie ein Gott sich zu benehmen, 1756 wie Gott zu werden und wie Gott zu sein, 1757 und das, mein liebes Kind, du weißt, ist Sünde 1758 die keinem Sterblichen vergeben wird. 1759 Denn Eifersucht, das sollt'st du längst verstanden haben, 1760 sie ist der Götter höchste Leidenschaft. 1761 Und über alle Sachen sind wir Götter eifersüchtig, 1762 Das Gottsein unbestritten zu bewahren 1763 ist worum es vor allem Anderen geht. 1764 Die große Götterkameradschaft stiftet Eifersucht. 1765 und diese nur ist was uns von den Menschen unterscheidet. 1766 1767 ERATO: Kollegin Dike, ich verstehe dich sehr wohl. 1768 Auch ist es dir nicht nötig weiter den Versuch zu machen 1769 mit Möchtegern zum Einverständnis zu gelangen. 1770 Denn Möchtegern versteht dich weil ich dich verstehe. 1771 Und Möchtegern versteht dich weil er mich versteht. 1772 So geh du nur, und spute dich um Dein Geschäft. 1773 Wir warten hier auf den Erfolg 1774 den du uns bald berichten wirst. 1775 1776 7. Teil 777777777777777 1777 1778 Im Katasteramt. 1779 Reihen auf Reihen mit großen dicken schweren Büchern beladen. 1780 Rechts ein Tresen (counter) mit drei Beamtinnen. 1781 Dike erscheint im Katasteramt. 1782 Da die Beamtinnen sie kennen, 1783 ist es ihr nicht nötig sich vorzustellen. 1784 1785 ERSTE BEAMTIN: Hochwohlgeborne Göttin, Fräulein Dike, 1786 erhabne Verwalt'rin der Gerechtigkeit, 1787 willkommen seien sie endlich wieder 1788 in unsren hohen heiligen 1789 und doch verschlumpten Hallen. 1790 1791 ZWEITE BEAMTIN: Denn wir bedürfen ihres pauselosen Segens 1792 um die Rechtmäßigkeiten unsrer Unternehmen 1793 die anderweitig so willkürlich scheinen, 1794 entweder zu verbürgen oder zu verbergen. 1795 1796 DIKE: Den Segen sollt ihr nicht entbehren, 1797 vorausgesetzt ihr seid bereit, 1798 uns Göttinen das Vorecht zu gewähren 1799 Bestimmungen zu treffen wie es sich gebührt. 1800 1801 DRITTE BEAMTIN: In dieser Hinsicht sollten sie wahrhaftig 1802 sich von Bedenken ungequält empfinden. 1803 Alltäglich zeigen uns die Richter 1804 geschmeidig und mit ehrenvoller Eleganz, 1805 wie Recht sich biegen, wie's sich beugen lässt. 1806 Das Mogeln mit der Sprache üben wir 1807 mit unsern Richtern, so lang und gründlich 1808 bis es nahtlos klappt und unerkennbar wird. 1809 1810 ERSTE BEAMTIN: Mit welcher Fälschung, oder sollt ich sagen, 1811 mit welcher Korrektur wär' ihnen heut zu dienen? 1812 1813 DIKE: Es handelt sich um den gewissen Maga Lump. 1814 Der hatte, mein nachlässiges Versehen ist Schuld, 1815 vor eingen Jahren schon das Vogelschutzgebiet erworben, 1816 Das war ein Fehler der heute noch berichtigt werden kann und muss. 1817 1818 ZWEITE BEAMTIN: Meinen Ehrwürden, die Vögel entbehrten nun gehörger Heimat? 1819 1820 DIKE: Das wohl auch. 1821 Vornehmlich aber sind's die Kröten 1822 die Maga Lump verfolgt. 1823 1824 ZWEITE BEAMTIN: Kröten nur, nichts weiter? 1825 1826 DIKE: Ich bitte Sie nicht zu vergessen, 1827 dass alle Tiere gleich sind in der Götter Augen. 1828 Das Ausschlaggebende jedoch war nicht 1829 ein Angriff auf die Kröten; es war ein Angriff 1830 auf die Götter selbst von Seiten Maga Lumps. 1831 1832 ERSTE BEAMTIN: Was sie nicht sagen! 1833 Wie stelle man sich solche einen Angriff vor? 1834 1835 DIKE: Den Angriff vorzustellen, hieße ihn verstärken. 1836 Sie mögen sich auf meine Feststellung verlassen. 1837 Verstehen 1838 Hoffe zugleich, dass sie verstehen, Befehle 1839 die ich gebe nicht bestreitbar sind. 1840 1841 ZWEITE BEAMTIN: Jede von uns ist sich im Klaren 1842 wie wesentlich gefälscht die Bücher sind. 1843 Die heikle Frage, Fräulein Dike, jetzt 1844 an Sie gestellt, muss nicht was eingetragen 1845 in ein Buch von Fälschungen gefälscht sein, 1846 um als wahrhaftig zu erscheinen? 1847 1848 DIKE: Deine Sorge bedarf keiner Erörterung. 1849 In dieser Hinsicht ist es umgekehrt. 1850 Hier sind die Richter uns Göttern vorbildlich. 1851 Denn was immer ein Richter schreibt, 1852 wie verlogen auch immer, ist wahr, 1853 weil es vom Richter geschrieben wurde. 1854 Entschuldigt nun, indess ich meine Arbeit tue. 1855 (Dike geht fort zu den Grundbücherregalen.) 1856 1857 ERSTE BEAMTIN: Welch eine liebenswürdige Frau. 1858 Wenn wir ihresgleichen hier anstellen könnten, 1859 wenn sie uns assistierend zur Verfügung stünde, 1860 würd unsere Arbeit schneller vor sich gehen. 1861 1862 ZWEITE BEAMTIN: Sie kommt zurück. 1863 Die Richtergöttin lässt nicht auf sich warten. 1864 1865 DIKE: Alles erledigt. Verständige Kollegen die ihr nun einmal seid. 1866 Es ist mir eine Freude Euch zu bescheinigen, 1867 dass alles hier in bester Ordnung ist, 1868 und um euch eure Treue zu vergüten, 1869 für jeden von euch dreien ein Goldstück 1870 auf dem Tresen abzulegen. Macht's gut. 1871 Bleibt glücklich, last's euch wohl ergehen. 1872 1873 (Im nu hatte Dike die Grundbucheintragung für Maga Lumps Anwesen gelöscht, 1874 mit einer gerichtlichen Übertragung an das Naturschutzreservat ersetzt. 1875 und mit einem angemessenen Trinkgeld die Forderungen der zuständigen Beamten 1876 beglichen. Dike ab) 1877 1878 ERSTE BEAMTIN: Welch großes Glück, welch hohe Freude, 1879 so gütigem verständnisvollen Vorstand untergeben sein. 1880 1881 8. Teil 888888888888888 1882 1883 Dike meinte sie hätte die Krötenrettung ein und für alle Mal sicher gestellt. 1884 Aber scheinbar doch nicht. Denn als es bekannt wurde dass der Kröten halber 1885 und mittels der Einmischung von drei oder vier unbekannten Frauen, Maga Lump 1886 seines Bauernguts enteignet worden war, da erschienen auf der Schnellstraße 1887 zwischen Krötenheims Anwesen und Maga Lumps einstigem Besitztum, eine Unzahl 1888 von Maga Lumps Verehrern, teils in braunen, teils in schwarzen Uniformen, 1889 bewaffnet mit den Sturmgewehren die sie Jahre lang für gerade diesen Augenblick 1890 gesammelt und in ihren Kleiderschränken aufbewahrt hatten. Wenn die 1891 Gefolgschaft Maga Lumps verhindert werden sollte die ekligen Kröten ruchlos 1892 zu überfahren und zu zerquetschen, um unerwähnt zu lassen die anderen 1893 Errungenschaften Maga Lumps, weswegen sie ihn bewunderten, und die es sie 1894 drängte ihm nachzumachen, dann war der Augenblick für die Revolution, für den 1895 Bürgerkrieg gekommen. Jetzt war die Schnellstraße mit aufsässigen Schützen 1896 völlig gestaut. Es waren nicht nur Kröten, die sie nicht mehr zu überqueren 1897 vermochten. Erato, Euterpe und Melpomene mit ihren zwei menschlichen Bekannten 1898 stehen auf der Veranda von Möchtegerns Haus und beobachten diese Unruhen mit 1899 wachsendem Unbehagen. Ein lautes inständiges Klopfen an der entlegenen Seite 1900 des Hauses. Melpomene verschwindet um die Tür zu öffnen. Nach geringer Zeit 1901 kehrt sie wieder. Ihr folgen drei uniformierte Männer, zwei tragen schwarze 1902 Uniformen, der dritte trägt eine braune Uniform. Die drei sind mit 1903 Sturmgewehren bewaffnet. 1904 1905 Küche im Hause Möchtegerns ähnlich wie in der ersten Szene und doch 1906 wesentlich größer so dass eine vermehrte Anzahl von Sitzgelegenheiten 1907 vorhanden sind. Melpomene, Euterpe und Erato im Gespräch. 1908 1909 KRÖTENHEIM: (zu Euterpe) Hast eine Ahnung wie lange wir 1910 auf Dike's Rückkehr werden warten müssen. 1911 1912 EUTERPE: Dike ist sehr entschieden, sehr 1913 zielgerichtet, entschlossen und geschickt. 1914 Unähnlich ihren menschlichen Kollegen 1915 bedarf sie wenig Zeit zu Überlegung. 1916 Sie kommt; ich sehe sie; bald wird sie hier sein. 1917 1918 DIKE: (ist eingetreten) Die Sache ist erledigt. 1919 Herr Lump, vermute ich, 1920 wird andres zu bedenken haben 1921 als arme kleine Kröten zu verfolgen. 1922 Die Menschen hier auf dieser Erde, 1923 vergessen allzu leicht 1924 dass sie nicht ihre eignen Herren sind. 1925 Sie leben von der Götter Gnade. 1926 Die Hände die sie segnen, sollten sie nicht beißen. 1927 Auch ist es ihnen nicht erlaubt 1928 euch, die ihr göttlich seid, 1929 zerquetschte Kröten ins Gesicht zu werfen, 1930 denn dieses Recht gebührt allein den Göttern. 1931 1932 KRÖTENHEIM: (zu Dike gewandt) 1933 Bitte erzählen Sie was Sie erreichten. 1934 1935 DIKE: Es war, es ist, ganz einfach. 1936 Das Gut auf das er übermäßig stolzt, 1937 steht eingeschrieben amtlich im Kataster, 1938 durch dieses Buch bestätigt und beschützt. 1939 Kataster sind den Richtern unterstellt. 1940 Und einem jeden steht die Möglichkeit 1941 sie nach der eignen Laune abzuändern. 1942 Die Götterstellung die ich innehab, 1943 verleiht mir mindestens die gleichen Rechte. 1944 Was jeder Richter darf, gebührt auch mir. 1945 Das Grundstück das Lump zugerechnet war, 1946 hab ich an NABU übertragen lassen. 1947 Er ist im Unrecht. Nichts stand mir im Wege. 1948 Verloren haben, ist sein eignes Pech. 1949 Von dem Naturschutzbund wird Lump erfahren 1950 dass sein Besitz ihm nunmehr nicht gehört. 1951 1952 KRÖTENHEIM: Ist es nicht wunderbar wie leicht 1953 das Leiden unsrer lieben Kröten 1954 sich beheben lässt. 1955 1956 MÖCHTEGERN: Das scheint vielleicht nur so. 1957 weil's sich um eine göttlich 1958 eingerichtete Verfügung handelt. 1959 Wär's ungehörig wenn ich Sterblicher 1960 die Angelegenheit aus andrer Sicht 1961 zu deuten unternähme. 1962 1963 ERATO: Ich fänd es ungehörig keineswegs, 1964 wenn Du uns dein Verständnis wissen ließest. 1965 In manchen Sachen ist's an uns von Euch, 1966 die wir hochmütiglich die Kleinen nennen, 1967 zu lernen. Drum lieber Moritz sag nur an, 1968 wie du die Dinge siehst. 1969 1970 MÖCHTEGERN: (Vergeltungslied) 1971 Dass Fräulein Dikes Maß gerecht sein möchte, 1972 darf ich nicht zweifeln. Es ist ihr Bereich, 1973 Doch was Gerechtigkeit den Menschen brächte 1974 ist nur vorübergehender Vergleich. 1975 1976 Vergeltung, Schlüsselwort das ich versteh 1977 Vertarnung ist's für unaussprechlich Weh 1978 Vergelten ist versteckter Rache Schild. 1979 die gut geheißen wird weil sie vergilt. 1980 1981 Belohnt wird gutes edeles Betragen. 1982 Scheu mich der Strafe Schrecken auszusagen 1983 Vergeltung ist nur vorgetäuschtes Recht 1984 Sie schürt das Leiden, und statt gut ist schlecht. 1985 Niemals ward Glück gestiftet durch die Rache. 1986 Gerechtigkeit ist eine heikle Sache. 1987 1988 Seit Priam Helena dem Meneläus entführt, 1989 ward keines Menschen Herz zur Lieb gerührt, 1990 kein Erdenglück gestiftet durch die Rache. 1991 Gerechtigkeit ist eine heikle Sache. 1992 1993 DIKE: Was schlägst du vor? 1994 1995 MÖCHTEGERN: Wir müssen lernen einander zu verstehn. 1996 1997 DIKE: Was hilft's am End' einander zu verstehn? 1998 Was hilft's verständnisvoll zugrunde gehn? 1999 2000 MÖCHTEGERN: (Gesellschaftsarzenei) 2001 Gerechtigkeit, du tief und zäh im Menschen wurzelst. 2002 Ein Wort, gedankenlos mir aus dem Munde purzelst, 2003 Geheimnisvoll, Du, wundernswürdge Sache 2004 versprichst mir hohen Lohn und süße Rache 2005 Bekomme Antwort nicht auf meine Frage 2006 bei Tag ein Rätsel, und bei Nacht nur Plage. 2007 2008 Auch ist es unbestimmt 2009 von wem man Recht verlangt. Ist es der Einzelne 2010 von dem Gerechtigkeit gefordert wird, 2011 dass er dem Gott gerecht entgegen träte, 2012 gerecht dem Nächsten oder nur sich selbst? 2013 Ist's die Gesellschaft, ist's der Staat 2014 der sich gerecht erweisen soll, 2015 nach Innen sich gerecht, oder nach Außen? 2016 dem Einzelnen entgegen oder allen? 2017 2018 Mich dünkt ich sollte, eh ich den Versuch 2019 Behandlung zu bestimmen mache, 2020 feststellen was die Krankheit ist 2021 welche geheilt zu werden fordert. 2022 Wie's bei dem Körper sich verhält, 2023 so auch im Falle des Gesellschaftswesens 2024 es ist unmöglich Krankheit zu bestimmen, 2025 eh man sich drüber klar geworden ist, 2026 was als gesund verstanden werden sollt'. 2027 2028 Gesellschaftlich gesund ist jener Zustand 2029 in dem der Einzelne sich froh und freudig 2030 in die Gemeinschaft fügt, und diese wiederum 2031 ihn schützt und fördert, dass die Menschen einzeln 2032 und ins gesamt im höchsten Maß gedeihen. 2033 Gerechtigkeit ist das Verhalten, das dieses 2034 hohe Ziel befördert. 2035 2036 Dike und Möchtegern, Zusammen 2037 2038 DIKE: 2039 Gerechtigkeit ist mein Beruf. 2040 Gerecht war Gott der Adam schuf. 2041 Als dieser aß verbotenen Bissen, 2042 verklagt Gott Adam im Gewissen. 2043 2044 Die Untat musste Gott vergelten, 2045 Genügte nicht das Paar zu schelten. 2046 War nötig dass Er sie verwies. 2047 Nicht blüh'n darf Sünd' im Paradies. 2048 2049 MÖCHTEGERN: 2050 Erdreiste mich zu widersprechen: 2051 Herr Jesus sagt Du sollst nicht rächen, 2052 Dem Angriff sollst nicht widerstreben, 2053 Dem Feind die linke Backe geben. 2054 2055 Hät Gott des Sohnes Rat gehört, 2056 den zweiten Apfel hätt' spendiert, 2057 die Sünde wär durch Lieb' vertrieben, 2058 sie wär'n im Paradies geblieben. 2059 2060 Ende des Duets 2061 2062 MÖCHTEGERN: (Arie) 2063 Betrachte man die Menschen wie sie sind. 2064 Die Eltern sehnlich liebt das schwache Kind, 2065 Doch Liebe dauert oft nur kurze Zeit 2066 und die Geschwister liegen bald im Streit. 2067 2068 Geliebte fühlen stark sich angezogen, 2069 bald aber stoßen sie einander ab. 2070 Dass sie sich wirkich liebten war gelogen. 2071 Ahnen am Ende dass sie sich betrogen 2072 Getrennt und einsam liegen sie im Grab. 2073 2074 Wo Mitgefühl und Widerwillen streiten, 2075 da gibt es keine friedevollen Zeiten 2076 Heute mit Sorge und mit Gram vergeht 2077 der einz'ge Tag an dem der Mensch besteht. 2078 2079 DIKE: (Arie) 2080 2081 Der kleine Knirps der Möchtegern 2082 der möchte gern ein Weiser sein 2083 doch was er lehrt, taugt weder Kröten 2084 noch Menschen, es würd' beide töten. 2085 2086 Liebe ist Lust, wie jeder Jüngling weiß. 2087 Die Agape ist hart und kalt wie Eis. 2088 Nur waagerecht entzücken sich die Freunde. 2089 Sobald sie senkrecht stehn sind's böse Feinde. 2090 2091 Die eifern miteinander um das Geld, 2092 um Ehre, Macht und Reichtum dieser Welt. 2093 Gedeihen nur auf Grund selbstsücht'ger Triebe 2094 betrügen sich mit vorgetäuschter Liebe. 2095 2096 Drum ist Vergeltungsethik unerlässlich. 2097 Die Welt die Marx gepredigt hat ist grässlich, 2098 zeigt Liebe als entsetzliche Bedrängnis, 2099 als Weg ins dunkle Gulag, ins Gefängnis 2100 2101 Die Bergespredigt tönt nur schöne Worte 2102 Der graue Alltag ist von andrer Sorte. 2103 Vergeltung ist der Inbegriff vom Recht. 2104 Nur Glück aus der Gerechtigkeit ist echt. 2105 2106 EUTERPE und MELPOMENE, zusammen, im Duet 2107 2108 EUTERPE: 2109 Der Mensch ist einsam, lebt als Einzeltier. 2110 In seiner Seele schwebt sein Gott bar Sprache, 2111 Der Tanz ums Kalb würd diesen Gott vernichten 2112 als Einzelseele mahnt ihn sein Gewissen. 2113 In Einsamkeit erfährt er Gottes Macht. 2114 2115 MELPOMENE: 2116 Der Mensch ist edles Vieh, ist Herdentier. 2117 In seiner Seele lebt das Volk als Sprache. 2118 die Einsamkeit würd' ihn zugrunde richten. 2119 als Herdenseele mahnt ihn sein Gewissen. 2120 Sprache als Volksgeist ihn lebendig macht. 2121 2122 MÖCHTEGERN: (Lied) 2123 Der Mensch ist Einzelner und Herdentier zugleich, 2124 Des Einzelnen Natur, dass er in seine Umwelt, 2125 und die Gesellschaft wo er lebt, sich fügt 2126 indem er sich ihr anpasst, sich verwandeln lässt, 2127 sei's als ihr Bürger, sei's als tapferer Soldat. 2128 Die Fähigkeit assimiliert zu werden, 2129 ist Vorbedingung für das Überleben. 2130 Das Höchste, oder wär's das Niedrigste, 2131 ein Herdentier auf Erden. 2132 2133 Für viele kommt die Zeit, für manche nie, 2134 wenn sie sich von der Herde trennen müssen. 2135 Der Eine, der Verbrecher, überschreitet, 2136 der Andre, Künstler, stiftet die Gesetze, 2137 und wird von seiner Fähigkeit verleitet 2138 in eigner Schöpfung Wirklichkeit zu finden, 2139 und sich an das zu binden was er als schön 2140 und gut entdeckt indem er zeitig sich 2141 von den Gesellschaftsbanden trennt 2142 und sich als Einzelner erkennt. 2143 Das ist das Schicksal, 2144 des Einzelnen und der Gesellschaft. 2145 2146 ERATO: Lieber Möchtegern, das Lied das du uns singst 2147 klingt glänzend schön in meinen Ohren. 2148 Bitte erzähl's ein weit'res Mal 2149 erkläre uns wie wir's verstehen sollen. 2150 2151 MÖCHTEGERN: (Lied von der Assimilierung) 2152 Betracht es als Gegebenheit des Menschseins, 2153 in wie weit andre Lebewesen einbezogen würden 2154 weiß ich nicht, bin aber überzeugt, 2155 dass alles was ich sehe, höre, 2156 dass alles was ich zu verstehen meine, 2157 was in besondrer Weise mich berührt, beeindruckt, 2158 dass dieses alles mich zugleich indem 2159 es mich berührt, verwandelt, 2160 mich macht zu einem anderen als ich war. 2161 Ist es nicht das, was sich mir als Erinnerung bietet? 2162 2163 Insofern als es andre Menschen sind die mich berühren 2164 ist die Begegnung feindlich oder freundlich. 2165 Feindlich wenn sie mich bedrohn, 2166 freundlich aber wenn mir ihre Nähe 2167 Hilfe und Unterstützung verspricht. 2168 In jedem Falle aber scheint es mir, 2169 entsteht Verständigung, 2170 das heißt, wir werden einander gleich, 2171 und insofern wir einander gleich sind, 2172 werden wir zu der Gemeinsamkeit, zu der Gesellschaft. 2173 2174 DIKE: Das gebe ich dir zu, bemerke aber, 2175 dass die Gemeinsamkeiten, Städte, Länder 2176 einander oftmals widerstreben und bekämpfen; 2177 und anders als das einzelne Lebenwesen 2178 keine Neigung aufweisen, 2179 sich durch Berührung einander anzugleichen. 2180 2181 MÖCHTEGERN: Das ist nur manchmal wahr. 2182 Angleichung an einander ist der größte Segen 2183 des Handlungsverkehrs. 2184 Die Beziehungen unter uns Menschen 2185 und zwischen den Gemeinschaften die unter uns entstehen, 2186 sind weit verzweigt und inniglich verflechtet, 2187 so dass wir an der Möglichkeit sie aufzulösen, 2188 zu enträtseln, verzweifeln möchten. 2189 Doch soweit braucht es nicht zu kommen. 2190 2191 KRÖTENHEIM: Was du da sagst, Freund Möchtegern, 2192 das reimt sich und das überzeugt mich. 2193 Doch wie verhält sich dies zur Krötenrettung; 2194 und wie verhält sich Krötenrettung zu all diesem? 2195 2196 MÖCHTEGERN: (Das Lied vom Mitgefühl. (der Sympathie)) 2197 Die Kröten sind ein Sinnbild 2198 für unsere Beziehungen zur Natur, zu dem was lebt, 2199 zu Tieren und letztlich zu einander. 2200 Manche von uns verbleiben von den Schmerzen 2201 und vom Sterben der zerquetschten Tiere unberührt, 2202 andere erleben es mit Sympathie 2203 und Angst, indessen manche vom Betrachten 2204 des Leidens und des Sterbens so befriedigt werden, 2205 dass sie sich drängen zur Beteiligung, 2206 bedürftig selbst die Schmerzen zuzufügen. 2207 Müssen vorerst verstehn zu lernen 2208 wie unterschiedlich doch wir Menschen sind. 2209 Einander zu bestreiten, zu bekämpfen 2210 führt zu nichts. 2211 2212 MÖCHTEGERN: Wir haben Gäste, wie es scheint. 2213 2214 DIKE: Hier sind sie, unsere drei Besucher. 2215 Die haben uns bis jetzt nicht anvertraut 2216 was sie im Sinne haben. Um vorzubeugen 2217 jedem Missverstehn mit wem sie hier 2218 verhandeln, erlaub ich mir den drei Besuchern 2219 die Ganzheit der Gesellschaft vorzustellen: 2220 (Sie wendet sich zu den Besuchern.) 2221 Zu ihrer rechten, die Herrn Möchtegern 2222 und Krötenheim. Hier gegenüber stehn 2223 drei Gottestöchter vom Vater Zeus, 2224 und Mutter Mnemosyne. Mit Namen sind's 2225 Melpomene, Euterpe und Erato. 2226 Ich selber rühme mich die Göttin Dike, 2227 zuständig für Gerechtigkeit auf Erden. 2228 Sie aber legen ihre Waffen nieder. 2229 Sie haben unsrerseits nichts zu befürchten. 2230 Gleichfalls wir nichts von ihnen. Uns vier Olympier 2231 schützt Zeus, und wir beschützen unsre Freunde. 2232 2233 ERSTER PATRIOT: Wir sind erschienen weder zu beklagen 2234 noch zu bitten. Uns geht's um den Besitz des Führers, 2235 des Musterpatrioten Maga Lump, 2236 Den zu bestätigen, wo nicht, gilt's 2237 den Besitz mit anderen Mitteln herzustellen. 2238 Von zuverläss'ger Quelle wissen wir, 2239 dass unsres Führers Eigentum ihm plötzlich, 2240 vier unbekannte Frauen sind beteiligt, 2241 ohn' jegliche Erklärung, vom Gericht 2242 entzogen worden ist. Das darf nicht sein. 2243 2244 DIKE: Sie richten ihren Antrag an die falsche Stelle. 2245 2246 ZWEITER PATRIOT: Dann sagen Sie die Richtige 2247 wohin wir unsren Antrag wenden müssen. 2248 2249 DIKE: Sie der rechten Stelle für ihr Unternehmen 2250 zu unterweisen ist nicht unsre Angelegenheit. 2251 2252 DRITTER PATRIOT: Unsinn, was brauchen wir Gerichte, 2253 die wir die Sturmgewehre in den Händen haben. 2254 Verpassen wir den Wilderern die Lehre 2255 wem unsres Führers Haus gehört. 2256 Dazu sind Kugeln und Gewehre. 2257 2258 ERSTER PATRIOT: Das Ungeziefer aber das wir hier gefunden haben, 2259 das sollten wir sogleich vernichten. 2260 2261 (Bei diesen Worten haben die vier Göttinnen 2262 sich in einen Kreis begeben in deren Mitte 2263 sie die beiden Männer, Möchtegern und Krötenheim, beschützen.) 2264 2265 ZWEITER PATRIOT: Die beiden Männer da, die Feiglinge, 2266 wie sie sich hinter den Weibern verstecken, 2267 die zerquetschen wir wie Kröten. 2268 Die Frauen sind dann Beute unter uns zu teilen. 2269 2270 ERSTER PATRIOT: Die große Blonde da, 2271 (Er weist auf Erato) 2272 die mit den blauen Augen, 2273 die will ich haben, 2274 die soll mir gehören, 2275 die leg ich mit Beschlag. 2276 2277 DRITTER PATRIOT: Nicht ganz so schnell. 2278 Gerade die ist's, die ich haben wollte. 2279 2280 ZWEITER PATRIOT: (Richtet sein Gewehr auf den ersten Patrioten) 2281 Was fällt dir ein. Ich kenne die Gewohnheit, 2282 eh es ein anderer erspäht, 2283 das beste Marzipan vorwegzuhaschen. 2284 Mit solchen Faxen aber, kommst du bei mir nicht durch. 2285 2286 (Ein Schuss fällt. Die drei Patrioten liegen ausgestreckt auf dem Boden. 2287 Es ist unbestimmt wer getötet, wer verletzt, und wer sich unversehrt zum 2288 Schutz auf den Boden hingestreckt haben mag.) 2289 2290 MÖCHTEGERN: (im Begriff den Schutzkreis der Göttinnen zu verlassen 2291 um den Gefallenen zu helfen.) 2292 Vielleicht ist Hilfe möglich. 2293 Ich will nicht warten bis es zu spät ist. 2294 2295 MELPOMENE: Menschen wie denen ist nicht zu helfen. 2296 Die graben sich ihr eignes Grab. 2297 2298 DIKE: Ich würd's mir zwei Mal überlegen, 2299 eh ich in deren Angelegenheit mich mischte. 2300 Die haben doch selbst keine Vorstellung, 2301 was sie denn eigentlich wollen. 2302 Wer ihnen nahe kommt den schießen, den töten sie. 2303 Und darauf letzten Endes kommt ihnen alles an. 2304 2305 MÖCHTEGERN: Kann's nicht ertragen zuzusehn, wie Menschen leiden. 2306 2307 EUTERPE: Der Alte glaubt, und sagt es immer wieder, 2308 es wäre nichts als ihre eigene Schuld. 2309 Gewisslich nicht die unsere. 2310 2311 MÖCHTEGERN: Das macht nichts aus. Hier muss geholfen werden. 2312 2313 ERATO: Ich habe Angst. 2314 Nein, lieber Möchtegern, ich habe solche Angst um dich. 2315 Was nötig ist, das will ich selber tun. 2316 Ich habe solche Angst um dich. 2317 Ich habe dich so lieb. 2318 2319 (In diesem Moment stürzt ein Trupp gewappneter Patrioten durch die Tür.) 2320 2321 DIKE: Wir sollten uns ein wenig aus der Feuerlinie zurückziehn. 2322 Das mein' ich, wäre klug. Wer weiß was jetzt noch kommt. 2323 Es sollt mich nicht verwundern, wenn sie sogleich den Anfang machten 2324 auf einander los zu schießen. 2325 2326 MÖCHTEGERN: Wär' das nicht Grund den Menschen beizustehn? 2327 2328 ERATO: Vielleicht, aber nicht du, mein Möchtegern, 2329 du bist ja auch ein Mensch, und weil du menschlich bist, 2330 bist zu verwundbar. 2331 2332 (Die Musen, Dike, Krötenheim und Möchtegern haben sich in einen entlegenen 2333 Winkel des großen Saals zurückgezogen und werden von den herumschwadronierenden 2334 Patrioten nicht bemerkt. Diese scheinen sich um ihre drei gefallenen Kameraden 2335 kaum zu kümmern, und fangen an erst einander Vorwürfe zu machen, dann einander 2336 eines unbestimmten Schadens zu beschuldigen. Plötzlich ertönen Schüsse. 2337 Die Patrioten haben sich in zwei oder mehr Abteilugen geteilt. 2338 Der Patriotenteil nãchst der Tür, von ihren Gegnern gedrängt, 2339 zieht sich zurück nach draußen. Der Rest der Patriotentruppen 2340 folgt ihnen. Nun plötzlich, unerwartet, ist der Saal leer geworden.) 2341 2342 KRÖTENHEIM: Endlich, endlich sind wir sie los. 2343 2344 EUTERPE: Sag's nicht zu früh. Ich halt's für möglich, dass sie wiederkommen. 2345 2346 DIKE: Das scheint mir unwahrscheinlich. 2347 Dort draußen haben sie mehr Platz sich zu bekämpfen. 2348 Und nun ist's doch wahrhaftig jeder gegen jeden. 2349 2350 MELPOMENE: (zu Dike) Meinst du nicht auch, 2351 wir sollten etwas unternehmen, 2352 um dem zerstörerischen Unfug 2353 der sich dort draußen abspielt 2354 und sich noch gröber zu entwickeln scheint, 2355 endlichen Einhalt zu gebieten? 2356 2357 DIKE: Ich stimm' dir zu. 2358 Will mich beraten mit den andren Göttern 2359 um zu entscheiden wie wir's machen. 2360 2361 9.Teil 9999999999999 2362 2363 DIKE (geht an den Telephonapparat der auf einem kleinen niedrigen Tisch 2364 an der Seite steht. Sie wählt eine Telephonnummer, 2365 und spricht ins Telephon.) 2366 Verbind' mich bitte mit Apoll. (Pause) 2367 Er ist beschäftigt, sagst du? Unterbrich ihn. 2368 Die Angelegenheit ist dringend. 2369 Sag ihm ein Aufstand, Bürgerkrieg 2370 ist auf der Erde ausgebrochen. 2371 Ich weiß nicht was zu tun. 2372 Benöt'ge seine Hilfe, seinen Rat. (weitere Pause) 2373 2374 Ach, Apoll, entschuldige 2375 dass ich dich unterbrochen hab. 2376 Mir scheint die Angelegenheit sehr dringlich. 2377 So einfach wie wir sie uns vorgestellt 2378 ist die Begegnung mit dem Krötenfeind, 2379 mit Maga Lump, denn doch nicht abgelaufen. 2380 Mit den Katastern gab es kein Problem. 2381 Im Handumdrehn geschah die Übertragung 2382 des Lumpschen Eigentums an den Naturschutzbund. 2383 Lump selbst, soviel ich weiß, hat kaum gemuchst. 2384 Doch keineswegs war es voraussehbar 2385 wie sehr die vielen Jünger die ihm folgen 2386 Enteignung ihres Führers Eigentums 2387 bedrohlich finden, und nun mit ihren Waffen, 2388 die sie geheim gesammelt, mit Aufstand also 2389 und mit Bürgerkrieg, den Grundbesitz 2390 zurück erobern wollen. 2391 2392 APOLLO: (im Telephon, aber laut) 2393 Ich komme. 2394 (in gedämpftem Ton) 2395 Das Weitre wenn ich bei euch bin. 2396 2397 Zehnter Teil 1010101010101010 2398 2399 Möchtegerns Wohnzimmer. Dike, Melpomene, Euterpe, Erato, Krötenheim 2400 und Möchtegern, verteilt auf Sesselns und Sofas. Dike und Melpomene 2401 sitzen einzeln in Armsesseln. Euterpe mit Krötenheim, 2402 Erato mit Möchtegern, sitzen nebeneinander auf Sofas. 2403 2404 MELPOMENE: Weiß nicht wie lange wir hier sitzen sollen 2405 und auf ihn warten. Bekanntlich ist Apoll 2406 verlässlich und der pünktlichste der Götter. 2407 Ich wund're mich, dass er verspätet ist. 2408 2409 APOLLO: (der unbemerkt in der Tür erschienen war) 2410 Du wunderst dich umsonst, denn ich bin hier. 2411 2412 DIKE: Ich dank' dir vielmals. Endlich bist Du da! 2413 Benötige dich sehr. Ich bin erleichtert, 2414 denn für die Bosheit dieser Menschen hab ich, 2415 hat die Gerechtigkeit, kein Heilungsmittel. 2416 2417 APOLLO: Wozu bedürft ihr meiner Unterstützung? 2418 Und was bedarf der Besserung? 2419 Wer würde mir genauestens berichten 2420 weshalb ihr mich hierher gerufen habt? 2421 2422 DIKE: Am meisten überzeugend und verlässlich 2423 wirst du's von Moritz Möchtegern erfahren. 2424 Der denkt. Der hat den weitsten Blick, und hat 2425 das Einzelne am gründlichsten bedacht. 2426 2427 MÖCHTEGERN: Dank für die Ehre, Dank für das Vertrauen. 2428 Die neu gebaute Straße ist nur Anlass, 2429 ist keineswegs der Grund der Problematik 2430 wie sie uns hier beschäftigt. Beim Entwurf 2431 ward übersehen was dieser Streif von Asphalt 2432 den Tieren die hier leben antun möchte. 2433 Besonders Kröten hat man nicht bedacht, 2434 die jeden Frühling dorthin ziehen wo 2435 sie laichen, wo ihr Leben sich erneut. 2436 Zahlreiche Tierchen werden überfahren 2437 vom Eilverkehr nach Norden wie nach Süden. 2438 2439 APOLLO: Wie kommt's dass keiner sich darum besorgt? 2440 Warum gibt's keine öffentliche Reglung? 2441 2442 MÖCHTEGERN: Wir Menschen sind verschiedner Ansicht. 2443 Dem Einem sind die Kröten Höllenboten, 2444 die schonungslos zu töten sind, wie Schlangen. 2445 Dem Andren sind sie kleine Spiegelbilder 2446 des eignen ärmlichen Lebendigseins. 2447 So etwa Krötenheim, mein Freund, mich selber 2448 unerwähnt zu lassen, hegt stille Liebe 2449 zu den Kröten und ist bemüht so viele 2450 wie nur möglich vorm Quetschungstod zu retten. 2451 Die Straße offenbart zwei Arten Mensch. 2452 und zeigt uns in bemerkenswerter Weise 2453 wer wir sind. Die eine Menschenart 2454 am Töten sich ergötzt. Sie liebt das Jagen, 2455 genießt das Töten und verherrlicht Krieg. 2456 Die and're spürt in Hinblick auf den Tod 2457 die eig'ne Sterbensangst; sie ist geplagt, 2458 genau wie Krötenheim und ich, von Mitleid. 2459 Wir fühlen uns gefährdet wie die Kröten. 2460 2461 ERATO: Auch ich empfinde Mitleid und Erbarmen. 2462 2463 APOLLO: Erato, Melpomene und Euterpe, 2464 wie wurdet ihr in diesen Streit verwickelt? 2465 2466 MELPOMENE: Weiß nicht wer uns gerufen haben möchte, 2467 zu welchem Zweck man uns hierher bestellt. 2468 Der armen Kröten Unglück scheint nur Zufall. 2469 Mich dünkt's unmöglich Weltgeschichte zu 2470 beschreiben, geschweige denn sie zu berechnen. 2471 2472 APOLLO: Ein weiser Spruch von einer schönen Frau. 2473 2474 MELPOMENE: Hier fanden wir Herrn Möchtegern im Schlaf. 2475 Er war sehr einsam, hatte uns begehrt. 2476 In unsrer Gegenwart erschien der Graf 2477 mit seiner Klage um der Kröten Schicksal. 2478 Er bat um unsre Hilfe, hat gefleht, 2479 ein Notfall wär's, so hat er's uns erklärt. 2480 Wir sind gehorsam, tun was uns befohlen. 2481 Die Pflicht ergibt sich aus besondrer Lage, 2482 nicht vom Allgemeinen. 2483 2484 EUTERPE: Wir sehen Menschen jeweils nur als einzeln. 2485 vermögen nur dem Einzelnen zu helfen. 2486 Ich seh den Krötenheim der Kröten liebt, 2487 vielleicht weil ihm die Frau im Hause fehlt. 2488 2489 ERATO: Und Möchtegern versucht die eigne Rettung 2490 im Denken und im Dichten zu entdecken, 2491 und in der Kunst. Auch meine Hilfe wird 2492 ihm nicht genug. Umsonst. Er wird versagen. 2493 Und doch die größte Lieb' heg ich für den 2494 der den Versuch wagt über sich hinaus 2495 zu schaffen, und am Versuch zu Grunde geht. 2496 2497 APOLLO: Ihr seid drei gute, liebevolle Mädchen. 2498 Doch diesem Schicksal scheint ihr nicht gewachsen. 2499 Und dich, Dike, frag ich, Gerechtigkeit 2500 vermöchte keine Lösung hier zu finden? 2501 2502 DIKE: Die himmlische Gerichtsbarkeit hat Grenzen 2503 nur im Maß der Strafen die zu verhängen 2504 sie entschlossen ist. Nicht ob, sondern 2505 wie schwer die Strafe sollte sein 2506 ist was entschieden werden muss. 2507 2508 MOECHTEGERN: Ich fürchte nicht, 2509 denn was uns hier begegnet, wird durch Vergeltung 2510 wesentlich verschlimmert, nicht behoben. 2511 2512 DIKE: Was Sie da sagen, Moechtegern, ist Unsinn. 2513 2514 MÖCHTEGERN:(Nach einer Pause) Euch Götter 2515 bitt' ich um Vergebung. Zwar sterblich, noch 2516 dazu dem Tod sehr nah, erdreist ich mich 2517 wie ich's versteh euch mitzuteilen. Denn eine 2518 andre Lehre ists die ich vertrete. 2519 Vergeltung, Aug um Aug und Zahn um Zahn 2520 hat Frieden nie, noch Freude je, beschert. 2521 Erinnern möcht' ich euch, wie schwer das Leiden 2522 das Helenas Entführung durch Vergeltung 2523 nicht über Troja nur, nein über's ganze 2524 Griechenland gebreitet hat. Wer wagt 2525 den schweren Schmerz der Rache zu erwägen 2526 den durch Vergeltungswahn die vielen Opfer, 2527 Achill und Agamemnon, Klytemnestra, 2528 Elektra und Orest und Iphigenie 2529 sich zugezogen haben. 2530 2531 DIKE: Du kleiner Naseweis, 2532 du willst mich, Dike, Göttin die ich bin 2533 in deine Fakultät matrikulieren? 2534 2535 MÖCHTEGERN: Ich schlag ergebenst vor, verehrte Göttin, 2536 wie dürft ich sonst zu Euer Gnaden sprechen? 2537 kein Mensch ist zu erfahren, 2538 kein Gott ist zu erhaben, 2539 sich eines Bess'ren zu belehren lassen, 2540 von seinen Fehlern endlich umzukehren. 2541 2542 APOLLO: Den Knirps, lass ihn nur reden. Hör' ihn an. 2543 Erspar' dir überflüss'gen Widerspruch. 2544 Sein Unsinn wird sich selber widerlegen, 2545 2546 MÖCHTEGERN: Griechisch gelehrte Götter die ihr seid, 2547 Melpomene mag's euch auf Grieschisch lesen, 2548 denn Worte sind die Schlüssel zum Verstehn. 2549 (Möchtegern reicht Dike ein schwarz eingebundenes Buch) 2550 2551 DIKE: 2552 (legt das Buch auf ein Lesepult und liest. 2553 Der Tonsetzer mag die Rezitative der Matthäuspassion, 2554 Johannespassion und des Weihnachtsoratoriums erinnern.) 2555 2556 38 Ἠκούσατε ὅτι ἐρρέθη, Ὀφθαλμὸν ἀντὶ ὀφθαλμοῦ καὶ ὀδόντα ἀντὶ ὀδόντος. 2557 2558 39 ἐγὼ δὲ λέγω ὑμῖν μὴ ἀντιστῆναι τῷ πονηρῷ· 2559 ἀλλ᾽ ὅστις σε ῥαπίζει εἰς τὴν δεξιὰν σιαγόνα [σου], στρέψον αὐτῷ καὶ τὴν ἄλλην 2560 2561 40 καὶ τῷ θέλοντί σοι κριθῆναι καὶ τὸν χιτῶνά σου λαβεῖν, 2562 ἄφες αὐτῷ καὶ τὸ ἱμάτιον 2563 2564 41 καὶ ὅστις σε ἀγγαρεύσει μίλιον ἕν, ὕπαγε μετ᾽ αὐτοῦ δύο. 2565 2566 42 τῷ αἰτοῦντί σε δός, καὶ τὸν θέλοντα ἀπὸ σοῦ δανίσασθαι μὴ ἀποστραφῇς. 2567 2568 43 Ἠκούσατε ὅτι ἐρρέθη, Ἀγαπήσεις τὸν πλησίον σου καὶ μισήσεις τὸν ἐχθρόν σου. 2569 2570 44 ἐγὼ δὲ λέγω ὑμῖν, ἀγαπᾶτε τοὺς ἐχθροὺς ὑμῶν 2571 καὶ προσεύχεσθε ὑπὲρ τῶν διωκόντων ὑμᾶς, 2572 2573 45 ὅπως γένησθε υἱοὶ τοῦ πατρὸς ὑμῶν τοῦ ἐν οὐρανοῖς, 2574 ὅτι τὸν ἥλιον αὐτοῦ ἀνατέλλει 2575 ἐπὶ πονηροὺς καὶ ἀγαθοὺς καὶ βρέχει ἐπὶ δικαίους καὶ ἀδίκους. 2576 2577 46 ἐὰν γὰρ ἀγαπήσητε τοὺς ἀγαπῶντας ὑμᾶς, τίνα μισθὸν ἔχετε; 2578 οὐχὶ καὶ οἱ τελῶναι τὸ αὐτὸ ποιοῦσιν; 2579 2580 47 καὶ ἐὰν ἀσπάσησθε τοὺς ἀδελφοὺς ὑμῶν μόνον, τί περισσὸν ποιεῖτε; 2581 οὐχὶ καὶ οἱ ἐθνικοὶ τὸ αὐτὸ ποιοῦσιν; 2582 2583 48 Ἔσεσθε οὖν ὑμεῖς τέλειοι ὡς ὁ πατὴρ ὑμῶν ὁ οὐράνιος τέλειός ἐστιν. 2584 2585 MÖCHTEGERN: (Arie) 2586 Falls ihr nicht Griechen seid und nicht erhaben 2587 nur Schwindler und vielleicht sogar aus Schwaben, 2588 und noch dazu auf dem Gymnasium 2589 Griechisch geschwänzt, hier ist's als Symbolum 2590 in euerer holden, zauberhaften Sprache. 2591 Ob ihr's versteht, ist eine and're Sache. 2592 2593 (Die griechische und/oder die deutsche Fassung der Bergpredigt, 2594 mag dem Tonsetzer beliebig, als Rezitativ, als Duet vertont werden. 2595 Aber auch mit der Vulgata als Trio, mit der KJV (King James Version) 2596 als Quartet, als Motette, als Choral oder als Chor. Keiner Vertonung 2597 wird's gelingen diese Texte verständlich zu machen.) 2598 2599 (Rezitativ) 2600 38 Ihr habt gehört, daß da gesagt ist: “Auge um Auge, Zahn um Zahn.” 2601 39 Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Übel; 2602 sondern, so dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, 2603 dem biete den andern auch dar. 2604 40 Und so jemand mit dir rechten will und deinen Rock nehmen, 2605 dem laß auch den Mantel. 2606 41 Und so dich jemand nötigt eine Meile, so gehe mit ihm zwei. 2607 42 Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht von dem, 2608 der dir abborgen will. 2609 43 Ihr habt gehört, daß gesagt ist: 2610 “Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.” 2611 44 Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; 2612 tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, 2613 so euch beleidigen und verfolgen, 2614 45 auf daß ihr Kinder seid eures Vater im Himmel; 2615 denn er läßt seine Sonne aufgehen 2616 über die Bösen und über die Guten 2617 und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte. 2618 46 Denn so ihr liebet, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? 2619 Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? 2620 47 Und so ihr euch nur zu euren Brüdern freundlich tut, 2621 was tut ihr Sonderliches? 2622 Tun nicht die Zöllner auch also? 2623 48 Darum sollt ihr vollkommen sein, 2624 gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist. 2625 2626 MÖCHTEGERN: (fährt fort) 2627 Es wird gelehrt wie ich's euch vorgelesen: 2628 Dem Bösen sollest du nicht widerstehen, 2629 und so dich einer auf die rechte schlägt, 2630 dann wend' ihm deinen Kopf und lass ihn auch 2631 die linke Backe schlagen. 2632 2633 DIKE: Das ist ja Unsinn, ist nicht ernst zu nehmen. 2634 Hat keinen Zweck darüber diskutieren. 2635 2636 EUTERPE: Erbaulich ist die Dichtung, ich geb's zu, 2637 jedoch bezweifeln dennoch möchte ich, 2638 dass jemals Nächstenliebe sich bewährte. 2639 Ein jeder Gott und eine jede Göttin 2640 sich selber liebt mit größ'rer Leidenschaft 2641 als ihre Nächsten, anders nicht als Menschen. 2642 Die Nächstenlieb' wird niemals durchgeführt; 2643 bestreite dass sie durchzuführen ist. 2644 2645 ERATO: Ich möcht' von Moritz hören, was er meint, 2646 ob ihm die Liebe ebenso erscheint. 2647 2648 MÖCHTEGERN: Vorerst ist's nötig darauf hinzuweisen, 2649 dass sich das Leben durch die Sprache nicht 2650 erschöpfen lässt. Worte sind Zeiger, und deuten 2651 jenseits wo jeder sich allein befindet. 2652 2653 Dass diese Lehre die ich euch zitierte 2654 in ungepanschter, unverfälschter Weise 2655 in öffentlicher Handlung je erschiene, 2656 ist unwahrscheinlich. Wie, in welchem Maße, 2657 wie oft, von wem, und wo die hier gepries'ne 2658 Liebe im Inneren gepflegt sein möchte, 2659 ist unerkennbar wie das Innere selbst. 2660 Dabei ist als Voraussetzung bemerkbar, 2661 dass unsere Handlungen bewusst und klar, 2662 mit Wissen und mit Absicht wären. 2663 Das ist verhängnisvoller, großer Irrtum 2664 der dem Verständnis arg im Wege steht. 2665 Die unbefangene Betrachtung zeigt 2666 sehr viel erklärend, doppelt Widersprüche 2667 wie Menschen mit einander überleben. 2668 Zugleich bedürfen und bedrohen wir 2669 einander, sind aneinander angezogen 2670 und streben dennoch von einander fort. 2671 Besonders im Erwachsen, im Flieh'n von Eltern 2672 und Geschwistern aus der Kindheit, um bald 2673 mit neuen fremden Menschen zu verbinden 2674 und sich in eine weit're Umwelt fügen. 2675 Es tritt auch in der Eh', in der Entwicklung 2676 der Familie in Erscheinung. Dies sind 2677 die Mächte, zwar unscheinbar, und doch sehr stark, 2678 welche die Existenz des Einzelnen erklären, 2679 und an der Wurzel der Gesellschaft liegen. 2680 2681 MELPOMENE: Und welche Bedeutung haben, welche Rollen spielen, 2682 die Vergeltungsethik, selbstsüchtige egoistische Gerechtigkeit 2683 wie Dike sie vertritt, und die altruistische Verständnisethik 2684 welche Sie uns als Alternative zeigen? 2685 2686 MÖCHTEGERN: Der kluge Arzt, so scheint es mir, 2687 lässt die Behandlung auf's Verständnis 2688 von der Krankheit fußen, und fragt 2689 um diese zu bestimmen, was schließlich 2690 als Gesundheit gelten möchte. 2691 Mein Denken folgt in seinen Spuren. 2692 2693 Ich seh die große Menschenmenge aus vielen Einzelnen bestehend 2694 die sich zuweilen zusammenfügen und sich wieder trennen, 2695 sich gegenseitig unterstützen weil sie hilfsbedürftig sind, 2696 dann aber auch mit einander konkurrieren, sich bekämpfen, 2697 denn sie begehren dieselben knappen Wertbestände. 2698 2699 ERATO: Wie kam es zu dem Krötenrettungsstreit? 2700 2701 MÖCHTEGERN: Wir haben unterschiedlichen Bedarf, 2702 beherrscht von widerstreitenden Gefühlen, 2703 denn einige, wie Krötenheim und ich 2704 bewegt die Sympathie mit kleinen Tieren. 2705 Die anderen, die Jäger, ergötzen sich 2706 an ihrer Macht über das fremde Leben, 2707 und sie töten das Lebend'ge weil es lebt. 2708 2709 EUTERPE: Is es nicht wahr, wir alle essen mit Begierde Fleisch? 2710 2711 MÖCHTEGERN: Mit ihrem Einwand, finde ich, sind sie im recht. 2712 2713 MELPOMENE: Wie aber werden wir die Gegensätze schlichten? 2714 2715 MÖCHTEGERN: Zuletzt scheint Schlichtung mir unmöglich. 2716 Wir müssen lernen mit einander auszukommen. 2717 2718 MÖCHTEGERN: Die Lehren die einander widersprechen, 2719 mögen als passende Anweisungen zu den Schauspielvorstellungen gelten, 2720 in denen Einzelleben und Zusammenleben sich ergänzen. 2721 Sie unterstützen einander, 2722 wenngleich planlos, zufällig und willkürlich. 2723 Keins von beiden ist allein genügend. 2724 Zusammen ermöglichen sie und erhalten das Menschenleben, 2725 2726 (Es klopft. Lump tritt ein, 2727 sein Adjudant Oberstleutnant Hahn, 2728 und seine Nebenfrau Ursula Schönstimm folgen ihm.) 2729 2730 LUMP: Ich stell mich vor, bin Maga Lump, der Krötenfeind 2731 und Gutsbesitzer. Und mit mir mein Gehilfe Oberstleutnant Hahn, 2732 und eine meiner vielen schönen Mädchen, Ursula Schönstimm, 2733 meine Opernsängerin mit hohen Brüsten und mit Schenkeln 2734 noch herrlicher als ihre Stimme. 2735 2736 MELPOMENE: Sie tun der Phantasie ein Unrecht, die 2737 mit ihren Worten überflüssig wird. 2738 2739 LUMP: Nein, Unrecht haben sie an mir getan. 2740 2741 DIKE: Nicht ohne Folgen, schmeißt man einer Göttin 2742 zerquetsche Kröten ins Gesicht. 2743 2744 LUMP: Es waren drei, jetzt sind es vier, 2745 der fünfte, denk ich, auch ein Gott. 2746 Und diese beiden Knirpse, Möchtegern 2747 und Baron Krötenheim, die haben sich 2748 inzwischen vermutlich auch vergöttern lassen. 2749 (zu seinem Adjudanten) 2750 Geh Hahn, und hol' den Eimer mit den toten Kröten, 2751 Behandelung vier weiterer Gesichter ist vonnöten. 2752 2753 SCHÖNSTIMM: Sei nicht so übermütig Maga, 2754 Du kannst nie wissen was der Götter Zorn 2755 dir Weitres noch bescheren möchte. 2756 2757 LUMP: Da hab ich keine Sorgen, Ursula, 2758 denn deine Stimme taugt die wildesten 2759 der Tiere zu bezähmen. 2760 2761 APOLLO: Die unerhörte Frechheit lechzst nach Strafe. 2762 2763 MÖCHTEGERN: Gelegenheit für einen hohen Gott 2764 statt der Vergeltung die Verständnis zu erprüfen. 2765 2766 APOLLO: (zu Lump und Begleitern) 2767 Ihr mögt es diesem klugen Menschensohn 2768 verdanken, dass euch der Blitz nicht augenblicklich 2769 schon zerspalten hat. 2770 2771 LUMP: Wir sind gekommen Klage einzureichen. 2772 2773 DIKE: Mich dünkt Sie finden sich am falschen Ort, 2774 und außerdem veranlasst Klage Gegenklage. 2775 2776 APOLL: Was wäre denn der Inhalt der Beschwerde? 2777 2778 LUMP: Die widerrechtliche Entwendung meines Eigentums. 2779 2780 DIKE: Ein weites Thema ist's. Sie meinen wirklich, 2781 dass es hier angeschnitten werden sollte? 2782 2783 KRÖTENHEIM: Ich lege Klage für die Kröten ein, 2784 ruchlos getötet wobei man vergisst, 2785 dass auch die Kröten Seelen haben, 2786 die ewig leben werden, wie die unsrigen. 2787 2788 MÖCHTEGERN: Wenn ich die Sachen recht begreife 2789 so handelt's sich um drei verschiedene Probleme. 2790 Am Anfang war's das Krötenüberfahrenwerden, 2791 hinzu kam dann die Auseinandersetzung mit Herrn Lump, 2792 die einerseits mit toten Kröten Schmeißen endete 2793 und andrerseits mit der Enteignung im Katasteramt. 2794 Es folgt der Aufstand von den Lumpenloyalisten, 2795 bis an die Schwelle eines Bürgerkriegs. 2796 Um den zu schlichten, ist Apollo, Gott des Lichtes, 2797 selbst erschienen. Er wird den groß gewachsenen Streit 2798 zu schlichten wissen, ein Frieden der die vor'gen 2799 Streitigkeiten einbeschließt. 2800 Hab ich es recht verstanden? 2801 2802 APOLLO: Herr Möchtegern, 2803 Sie haben meine Anerkennung sich verdient. 2804 Ich zolle ihnen meine Achtung. 2805 2806 MÖCHTEGERN: Erlauben Sie mein hochverehrter Gott, 2807 noch eine weitere Betrachtung. Was ich 2808 erblicke ist ein weitausladendes Gefüge, 2809 Unstimmigkeiten die zur Schlichtung drängen. 2810 Bei weitem ehr berichtet als getan. 2811 Ich will mich nicht erdreisten 2812 die Grenzen eurer Macht zu setzen. 2813 Und doch soll's ausgesprochen sein, 2814 dass es aus ird'scher Perspektive klug erscheint 2815 endgültige Lösung der Konflikte hintanzustellen, 2816 und sich damit begnügen, unmittelbaren Missstand 2817 zu beheben, vorläufig und vorübergehend. 2818 Die Zeit verwandelt, 2819 manches macht sie besser, 2820 manches wird schlimmer, 2821 vieles erkrankt und stirbt von selbst. 2822 Die Zeit wirkt Heilung hier und stiftet anderswo 2823 neue Verletzung, neue Krankheit, 2824 und ungeahntes Leiden. 2825 Als Mensch würd ich Verbessrung nur, 2826 völlige Heilung aber nicht erstreben. 2827 2828 ERATO: Mein Möchtegern, du bist ein weiser Mann. 2829 Dich anzuhören ist mir eine solche Freude, 2830 dass ich, muss schämen mich es auszusprechen, 2831 um deinen klaren klugen Geist zu spüren, 2832 die Problematik fast willkommen heiße, 2833 wenngleich sie das Entsetzlichste berührt. 2834 2835 APOLLO: 2836 Mein lieber Möchtegern, ich nehme die Beschränkung 2837 die du in klarem Sinn euch Menschen auferlegst, 2838 auch für uns Götter an. Endgültigkeit 2839 ist nicht die Lösung die ich suche. 2840 Zufrieden bin ich wenn es mir gelingt 2841 der Menschen Existenz vorübergehend 2842 zu erleichtern und erträglich zu gestalten. 2843 2844 MÖCHTEGERN: 2845 Lasst uns den Anfang machen mit den großen Fragen, 2846 mit der Beschwichtigung des Aufstands der Miliz. 2847 Wenn der geregelt ist, so halt ich es für möglich, 2848 dass andere Probleme sich von selber lösen. 2849 2850 APOLLO: Nun hab' ich aber eine weitere Frage: 2851 Wie denken Sie Vergeltungs- und Verständnis- 2852 ethik miteinander zu versöhnen? 2853 2854 MÖCHTEGERN: Ich fühl' mich, Herr Apoll, geehrt 2855 um meinen Rat befragt zu werden, 2856 und will mein Bestes tun, Sie nicht zu ärgern, 2857 Sie nicht zu stören, mich dienlich zu erweisen, 2858 und Ihnen aus der Niedrigkeit, zu helfen. 2859 Vorerst erlauben Sie mir hinzuweisen, 2860 wie Ethik mit Vergeltung und Verstehen 2861 einander widerlegen und ergänzen. 2862 Erst beide machen die Gemeinschaft möglich, 2863 gefährden dann was sie geschaffen; 2864 bedürfen drum einander zu ergänzen. 2865 Mein Vorschlag ist ein Kompromiss; 2866 das Instrument das dieses Kompromiss 2867 bewirkt ist Schauspiel, ist Theater. 2868 Der Ort des Kompromisses ist die Bühne 2869 die nun zum trüben Weltenspiegel wird. 2870 2871 Geläuf'ge Meinung sieht den Mensch als Gegenstand 2872 getrennt von dem was er erlebt, 2873 und unabhängig von dem was er tut. 2874 Entsprechend möchten das Schauspiel, 2875 die Handlung auf der Bühne, 2876 unabhängig vom Ich und 2877 unabhängig von der Person 2878 betrachtet werden. 2879 Zuwider dem, schlage ich vor, 2880 des Menschen subjektives Wesen ist bestimmt 2881 und ist erkennbar lediglich in dem Erleben, 2882 des Menschen objektives Wesen ist bestimmt 2883 und ist erkennbar lediglich in dem Betragen. 2884 Und so besteht des Menschen Wirklichkeit 2885 in dem was er erlebt und was er tut, 2886 und nirgends sonst. 2887 2888 Gewöhnlich werden dies Erleben, 2889 dies Betragen als willentlich geschätzt. 2890 vermeintlich von ihm selbst bestimmt, 2891 genauer aber, von seinem Wesen, 2892 und von den Umständen worin 2893 er sich befindet. 2894 2895 Im Schauspiel ist es anders. 2896 Da ists der Dichter, der Dramatiker 2897 der die Handlungen, die Erleben der Schauspielers erfindet. 2898 und nicht weniger bedeutend, die Umstände des Daseins. 2899 Das Schauspiel gibt bemerkenswerte Anleitung 2900 zur Behandlung der Probleme die sich aus 2901 den Krötenrettungsversuchen ergeben, 2902 in seinen tiefsten, und wenn ichs sagen darf, 2903 in Dimensionen die am meisten tragisch 2904 und traurig sind. 2905 2906 Entsprechend bedeutsam ist der Bau, 2907 der Text, das Libretto, der Inhalt des Schauspiels 2908 das wir hier entwerfen müssen. 2909 Ein solcher Entwurf ist die denkbare größte Aufgabe. 2910 Vermag mir keine mehr bedeutende vorzustellen. 2911 So mag das Schauspiel Mittel sein, 2912 das Instument wodurch der Anfang möglich wird 2913 die Welt zu ändern. 2914 2915 APOLLO: Da haben sie die Antwort 2916 zu der Krötenrettungsaufgabe ausgesprochen. 2917 Sie werden das Echo ihrer Gedanken in meiner Ansprache, 2918 in meinen Anweisungen wiedererkennen. 2919 Es ist Zeit mich an die Aufständischen zu wenden. 2920 (Apollo verschwindet.) 2921 2922 Überall sind Lautsprecher angebracht, 2923 doch das Mikrophon dessen Apollo sich bedient 2924 ist nirgends in Sicht. 2925 Eindeutig und klar hallt jetzt Apollos Stimme 2926 über das unruhig schäumende Menschenmeer. 2927 2928 APOLLO: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht. 2929 Ich weiß wer ihr seid, und was ihr im Sinne habt. 2930 Eure Versuche es mir zu verhüllen wären unnütz. 2931 Zwar hat Heraklit behauptet, dass alles fließt 2932 und dass sich alles verändert, aber nicht unbedingt. 2933 Ich weiß, es bleibt ein jeder der er ist. 2934 Von euch kann keiner anders werden. 2935 Ich nehme jeden von euch wie er ist. 2936 Ihr gleichfalls müsst das Schicksal nehmen wie es ist. 2937 Denn euch steht nichts zur Wahl. Bin nicht gesinnt 2938 um eure Gunst mich schmeichelnd zu bewerben, 2939 gesonnen nicht euch guten Rat zu geben. 2940 Ich stehe hier und ich befehle euch. 2941 Ich gebiete euch. 2942 Das Licht der Sonne ist in meiner Macht. 2943 Meine Macht über euch ist das Licht, 2944 und wenn ihr mir nicht gehorcht schalte ich es aus, 2945 und lasse euch in schwarzer Nacht verkommen. 2946 2947 Zuerst will ich euch sagen wer ich bin: 2948 der Sohn des Zeus, des höchsten Gottes, 2949 hab mich erniedrigt eure Erde zu besuchen, 2950 nein, nicht wie ihr zu werden, 2951 nicht als Mensch will ich auftreten, 2952 sondern als Lebewesen, 2953 wie zu Beispiel eine arme Kröte. 2954 Ich will nicht angebetet werden 2955 wegen Schönheit an der Oberfläche. 2956 Sind wir nicht alle hässlich wie die Kröten? 2957 Ist nicht ein jeder in der eignen Weise krötenartig? 2958 Ein Höchstes wäre zu begreifen 2959 wie schön die Kröte weil sie hässlich ist. 2960 2961 Zu handeln willentlich ist nicht in unserer Macht. 2962 Die einzige Wahrheit ist im Schauspiel, 2963 vorgespielt und vorgespiegelt, 2964 Wirklichkeit, und vorgespielte Tugend, 2965 die vorgespielten Werte. Alles vorgespiegelt, 2966 Weil alle Tugenden sich als unmöglich, 2967 widersprüchlich und unmöglich sich erweisen. 2968 2969 Zwar ist es unwahr vorzugeben 2970 dem kategorischen Imperativ zu gehorchen. 2971 Ich geb euch dennoch kategorische Befehle. 2972 Ein jeder von euch muss einzeln werden 2973 und muss es lernen die Wahrheit zu erkennen, 2974 zu bewahren, und zu sagen, muss lernen 2975 den Nächsten wie sich selbst zu lieben, und 2976 Gerechtigkeit zu üben. Ich geb euch zu 2977 wie widersinnig alles ist, und sinnlos. 2978 Was ich euch befehle ist unmöglich. 2979 Wahrheit ist auf den Einzelnen gemünzt. 2980 Gleichfalls die Tugend. Ihr seid Herdentiere. 2981 Euch ist's unmöglich Einzelne zu sein. 2982 Der höchste Geist ist euch die Dudensprache. 2983 Ausdruck des äußeren und des inneren Zwangs 2984 auch in Betreff auf Sprache, und besonders hier. 2985 Genauso sprechen wie die Anderen. 2986 Genau wie sie ein Herdentier zu sein. 2987 Jeder von Euch soll sich benehmen 2988 als ob er ein Einzelner wäre. 2989 2990 Zugleich ist Sprache Handlung und Erscheinung. 2991 Ethischer Wert ist ihr die Wahrheit. 2992 Ästhetisch baut sie auf Grammatik. 2993 Und Tugend widerlegt sich selbst; ist Widerspruch. 2994 2995 APOLLO: (fährt fort) Mein erster Befehl an Euch, 2996 Schauspieler die ihr nun seid, 2997 ist dass ihr es unterlasst euch zu rächen. 2998 Vergeltung steht auf keinem Programm. 2999 3000 Mein zweiter Befehl ist, 3001 dass ihr versucht einander zu verstehen. 3002 Das ist schwierig. 3003 3004 Mein dritter Befehl ist, 3005 dass ihr so tut als ob ihr euch 3006 in gegenseitiger Ehre hieltet. 3007 3008 Mein vierter Befehl ist, 3009 dass ihr vorgebt einander zu behandeln, 3010 wie ihr behandelt werden wollt. 3011 3012 Mein fünfter Befehl ist, 3013 dass ihr erkennt und nie vergesst, 3014 dass ihr Schauspieler seid, 3015 dass ihr euch wie die Schauspieler betragt, 3016 dass ihr euch als Schauspieler an dem Schauspiel beteiligt 3017 wie ich es vorgeschrieben hab. 3018 3019 Es ist nur ein einziges Schauspiel, 3020 es ist nicht übermäßig lang, 3021 und hat ein Ende, ist aber rekursiv. 3022 Des Schauspiels Ende ist sein nächster Anfang, 3023 so dass es endlich in ein neues Schauspiel mündet. 3024 Daher wird euer Leben ganz zum Schauspiel, 3025 zum Schauspiel das ich vorgeschrieben hab. 3026 Und so vergeht das Leben euch als Schauspiel. 3027 Davon die einzige Erlösung ist der Tod. 3028 Ud nun fangt an euch einzuüben 3029 indem ihr all' zusammen mit mir singt: 3030 3031 In diesen heil'gen Hallen, 3032 Kennt man die Rache nicht. -- 3033 Und ist ein Mensch gefallen; 3034 Führt Liebe ihn zur Pflicht. 3035 Dann wandelt er an Freundeshand 3036 Vergnügt und froh ins bess're Land. 3037 3038 In diesen heiligen Mauern, 3039 Wo Mensch den Menschen liebt, 3040 Kann kein Verräther lauern, 3041 Weil man dem Feind vergiebt. 3042 Wen solche Lehren nicht erfreu'n, 3043 Verdienet nicht ein Mensch zu seyn. 3044 3045 APOLLO: (fährt fort) Ich glaub' das nicht; 3046 auch ihr habt keinen Grund daran zu glauben, 3047 weil's gelogen ist. 3048 Gesellschaft kann der Lüge nicht entbehren: 3049 Die Wahrheit kennt nur den der einzeln ist, 3050 und nur der Einzelne kann sie erkennen. 3051 Für die Gesellschaft ist die Lüge unerlässlich. 3052 Vielleicht, wenn man, wie's Credo in der Messe, 3053 es immer wieder wiederholt, 3054 fängt auch der Einzelne an daran zu glauben 3055 und die Lüg als Lüge, 3056 und so die Wahrheit zu erkennen. 3057 Dann würde er durch seinen Glauben so verwandelt, 3058 dass Lüge Wahrheit wird. 3059 3060 APOLLO: (Zu den bewaffneten Truppen die zögern ihre Waffen niederzulegen.) 3061 Legt euere Sturmgewehre auf den Haufen 3062 von wo ich sie demnächst verschrotten lasse. 3063 Übt euch in eure Schauspielrollen ein. 3064 Dort sind Regale mit Gesetzesbänden. 3065 Geht, schlagt sie auf und lest und lest 3066 bis eure müden Augen euch versagen 3067 und tut als ob ihr was ihr lest verstündet. 3068 Geht an die Schränke, sucht euch Formulare 3069 und füllt sie aus. Verfertigt was euch leer 3070 und sinnlos dünkt, als ob's euch heilig wär. 3071 3072 (Die bewaffneten Truppen haben begonnen sich in das verordnete Schauspiel 3073 einzuüben. Sie haben ihre Sturmgewehre auf einen Schrotthaufen gelegt, 3074 und haben sich an Tische begeben, die von Dienern in den Vordergrund der 3075 Bühne geschoben sind. Auf einem großen Bildschirm im Hintergrund 3076 erscheinen Einkommensteuer und andere Formulare mit deren Ausfüllung 3077 (completion) die ins Schauspiel abgedankten Empörer sich nunmehr 3078 beschäftigen müssen.) 3079 3080 APOLLO: (wendet sich zu Dike) 3081 Versteh ihn, Dike, und vergiss ihn nicht, 3082 den großen Dienst der von euch Rechtsgelehrten 3083 geleistet wird den Göttern wie den Menschen. 3084 Dass Euchs gelingt den künftgen Übeltäter 3085 mit ungezählten Regeln und Gesetzen 3086 von Gewaltverbrechen abzulenken. 3087 So lange sie in euerm Kleinkram wühlen 3088 so lang sie eure Formulare schreiben, 3089 sind sie mit anderem beschäftigt, 3090 haben sie andre Sachen im Gemüt 3091 als gegeseitig sich erschießen. 3092 3093 (wendet sich zu den Aufständischen) 3094 Doch diese lebenslangen Pflichten 3095 befehl ich, sollt ihr täglich unterbrechen 3096 und aufmarschiern zum Kriegerfriedhof 3097 wo Kameraden die sich gegenseitig 3098 totgeschlagen begraben sind. Dort knieet nieder, 3099 auf was ihr fühlt und denkt kommts garnicht an, 3100 doch tut als ob ihr Reue spürt. Versprecht, 3101 bedenkt's so gut ihr es vermögt, 3102 und nehmt's so ernst wie es euch möglich ist, 3103 dass ihr in ew'gem Frieden mit einander 3104 leben wollt und leben werdet, und dann 3105 marschiert zurück, seid zuverlässige 3106 gedanken- und gewissenlos, Beamten. 3107 3108 APOLLO (fährt fort) 3109 3110 Die Krötensache sollte weder euch 3111 noch den Herrn Lump nun weiterhin besorgen. 3112 Die lässt sich technisch lösen. 3113 Ich hab den Bau von großen Abflussröhren 3114 die Schnellstraße zu unterqueren angeordnet, 3115 so dass von nun an Kröten unbehindert 3116 unterhalb dem rasenden Verkehr, 3117 vor ihm geschützt und ungefährdet, 3118 von ihren heimatlichen Feldern 3119 in Krötenheim ins Tierschutzparadies 3120 hinwandern können. 3121 3122 MELPOMENE: 3123 Ihr rügt mir mein Verhältnis zu Herrn Lump, 3124 Es ärgert euch, dass ich ihm wohlgesinnt. 3125 Mein freundliches Verstädnis ist euch gram, 3126 nennt's Liebe wenn ihr wollt. Ihr habt scheinbar 3127 vergessen, mit wem ihr sprecht. Ich bin Melpomenē‚ 3128 anmut'ge Sängerin von trag'scher Dichtung 3129 und von Trauerliedern, bin auch die Älteste 3130 von uns, und deshalb dünk ich mich verantwortlich 3131 für unser Unternehmen und Betragen. 3132 Der Maga Lump ist Held des Trauerspiels 3133 beseht ihn nur von welcher Richtung immer 3134 wie ihr wollt. Er ist so wie er ist, 3135 und deshalb ist ihm wirklich nicht zu helfen. 3136 Vielleicht bedauern oder sonst beklagen 3137 mögt ihr ihn. Aber was hülfe das? 3138 3139 Wäre vielleicht mit einem solchen verehelicht zu sein 3140 die bitterste Tragödie die eine Frau befallen möchte 3141 für sie das Unglück, doch für ihn das größte Glück. 3142 So gibt es Dialektik auch in der Eudämonie. 3143 Und da mein Amt die Trauerlieder sind, 3144 sollt ich sie singen nur, und spielen, 3145 Ist es nicht meine Pflicht ins dichteste 3146 verwoben sein wovon ich singen muss? 3147 Die Ehe ist des Menschen höchstes Glück, 3148 zuweilen auch die größte Katastrophe. 3149 Wie könnte ich umhin, 3150 wie wäre es mit meinem Amt vereinbar 3151 mich nicht mit jenem Bösen zu verbinden, 3152 um ihn zum Guten zu bekehren? 3153 Das Äußerste zu wagen, das Äußerste zu sein, 3154 das ist die höchste Pflicht von Göttinnen und Göttern, 3155 die Menschen als ihr Vorbild dienen müssen 3156 3157 Wärs mir erlaubt als Sängerin des Tragischen 3158 in eine Eh' die glücklich ist mich zu begeben? 3159 Ihr meint ich sollte mich in keinem Fall, 3160 in eine Ehe binden lassen. Wär aber 3161 nicht allein zu sein das höchste Glück? 3162 Wie sollte solch ein Glücksgefühl vereinbar sein 3163 mit amtlichen Pflichten, amtlich im Beruf? 3164 Der Richtige, wenns einen gibt für mich, 3165 der wird mich schwer beleidigen und traurig machen. 3166 3167 EUTERPE: 3168 Und Ursula, was sagt die große Sängerin, 3169 angeblich seine Gattin, tatsächlich aber nur, 3170 eine der vielen Kebsen die Lump unterhält. 3171 zu deiner vorgeschlagenen Verbindung? 3172 mit Maga Lump? Was sagt die Schönstimm 3173 zu deiner künftgen Zugehörigkeit 3174 zur Lumpfamilie? 3175 3176 APOLL: Gerechte Frage, auf die ich keine Antwort habe. 3177 3178 URSULA SCHÖNSTIMM: 3179 Verehrter Herr, verehrter Gott Apoll, 3180 Ich brauche keinen Sprecher. 3181 Ich vertret mich selbst. 3182 Bin fähig meinen Standpunkt 3183 selber zu erklären. 3184 Schauspiel ist mein Beruf, 3185 liegt tief in meinem Wesen. 3186 Und bessre Vorbereitung 3187 für diese Lumpenehe 3188 ist mir kaum vorstellbar. 3189 Es ist mein Bühnenamt zu tun 3190 als ob ich mich von jedem Mann, 3191 welchen der Intendant wenn nicht sogar 3192 der Regisseur für mich gewählt, 3193 umarmen, küssen, herzen, 3194 fast begatten ließe. 3195 Wär solche Kupplung ernst zu nehmen? 3196 Für mich ist alles Witz, 3197 denn alles ist nur Spiel. 3198 Besonders meine Eh mit Maga Lump ist Maskerade. 3199 Für einen Mann wie ihn 3200 ist eine Ehefrau unmöglich. 3201 Auch sind Beziehungen zu ihm weit weniger 3202 belastend und belästigend 3203 als man's sich denken möchte, 3204 denn seine Manenskraft, 3205 und fragt mich nur nicht wann und wie, 3206 kam längst abhanden. 3207 Im Bette ist von ihm 3208 so wenig zu befürchten 3209 so wenig zu erhoffen, 3210 wie von einem Kind 3211 das nur fünf Jahre zählt. 3212 So heiß ich Melpomene herzlichst willkommen, 3213 wenn nicht als Nebenfrau, 3214 dann als Kommödienschwester. 3215 Auch sie wird weder Freud noch Leid 3216 von Maga Lump zu fürchten 3217 oder zu erwarten haben. 3218 Ich heiße Melpomene willkommen 3219 als Freundin auch und Lehrerin, 3220 die mich in meiner Kunst zu höheren 3221 Errungenschaften leiten wird. 3222 3223 APOLL: Herr Maga Lump, was sagen Sie dazu. 3224 3225 LUMP: Mein wahres Amt ist Leiter, nein Besitzer, 3226 von einem Damenschönheitwettbewerb. 3227 Da heiß ich alles Weibliche willkommen. 3228 Sind alle Mädchen. Solang es mir gelingt 3229 mit eignen Händen Brust und Lenden zu bewerten, 3230 ist's mir belanglos was sie über mich berichten. 3231 Denn nichts berührt mich. 3232 Mir ist mir alles recht. 3233 3234 APOLL: Herr Lump, was Sie da sagen 3235 das ist uns Göttern überaus verständlich; 3236 doch in der Erdenordnung die wir stiften 3237 ist das Geschäft das sie betreiben 3238 kein amtlich zugelassener Beruf. 3239 3240 LUMP: Dann will ich Richter werden, 3241 Bestimmen will nicht nur was schön und hässlich ist, 3242 will nicht nur anschaun dies bestimmte Mädchen, 3243 obs schöne Brüste oder Schenkel hat. 3244 Besonders über Wahrheit will ich richten, über Lüge, 3245 im Allgemeinen über gut und schlecht. 3246 3247 MÖCHTEGERN: Das ist ein Anspruch 3248 der Katastrophenfolgen nach sich zieht. 3249 3250 DIKE: Sie waren's Möchtgern, wenn ich mich recht besinne, 3251 der sich erdreistete mich über eine Ethik 3252 des Verstehens zu belehren. 3253 3254 APOLL: (zu Lump) 3255 Da's nur, und grade weil's, ein Schauspiel ist, 3256 das wir hier inszenieren, bin ich's zufrieden, 3257 dir deine Bitte zu gewähren. 3258 Des Schauspiel's Wahrheit nämlich sagt, 3259 dass Wahrheit nichts ist als ein Schein, 3260 und dass ich einen Geist wie dich zum Richter nenne, 3261 ist schlüssigster endgültiger Beweis, 3262 dass ich der Wahrheit wahrstes Wesen kenne. 3263 3264 MÖCHTEGERN: Verehrter Herr, verehrter Gott Apoll, 3265 erlaubt mir darauf hinzuweisen, 3266 dass Maga Lump von alledem 3267 das durch ein göttliches Gedmüte geht, 3268 auch nicht das Mindeste versteht. 3269 3270 APOLL: Du, Möchtegern, bist der's versteht, 3271 und weil die Wahrheit dir zu Herzen geht, 3272 nenn ich in diesem Spiel dich Oberrichter, 3273 der über Revision, Berufung waltet, 3274 und mannigfaltges Schicksal schaltet. 3275 und so der großen Ungerechtigkeit 3276 den güldnen Schein von Recht und Wahrheit leiht. 3277 Denn wie das Schauspiel Inbegriff von Lügen, 3278 so wird es deine Pflicht als Oberrichter, 3279 mit Wahrheit Lüge zu betrügen 3280 und Wahrheit vorzutäuschen mit dem Lügen. 3281 Bin zuversichtlich dass du wirst's vermögen, 3282 du bist der Seltne der versteht, 3283 wie's mit der wahren Lüge geht. 3284 3285 MÖCHTEGERN: Verehrter Herr, verehrter Gott Apoll, 3286 ich fühle mich gedrungen die schwere Pflicht 3287 die Ihr mir zugewiesen anzunehmen. 3288 Doch bitt ich als Entgelt ein kurzes Leben, 3289 und ohne Wiederholung, besonders nicht 3290 in überirdisch himmlischem Bezug. 3291 Denn einmal leben ist mehr als genug. 3292 3293 APOLL: 3294 Auch diese Bitte will ich dir erfüllen. 3295 Du brauchst nicht leben gegen deinen Willen. 3296 3297 ERATO: Und ich bestehe auf mein göttlich Recht 3298 bei ihm, bei Moritz Möchtegern zu bleiben, 3299 ihm meine Liebe bis ans Ende zeigen. 3300 Ich hab ihn oft gefragt wie er drum dächte, 3301 und er hat zugesagt, dass er es möchte. 3302 3303 MÖCHTEGERN: Das stimmt, ich sag und singe immerzu: 3304 Bist Du bei mir, geh ich mit Freuden, 3305 zum Sterben und zu meiner Ruh! 3306 3307 URSULA: Wie gerne hätt' auch ich den treuen Freund 3308 der mich im Sterben um Gesellschaft bittet! 3309 Doch dazu braucht ich einen tiefen Schatten, 3310 wenn nicht gar einen lieben treuen Gatten. 3311 Vielleicht dass meine neue Musenfreundin 3312 mir helfen wird, den Schatten zu besorgen. 3313 ihn mir zu schenken oder mir zu borgen. 3314 3315 APOLL: (Zu Euterpe) Für Erato und für Melpomene ist gesorgt. 3316 Was aber wird aus dir? 3317 3318 EUTERPE: Ich bleibe hier. 3319 Kein Zeus, kein Hermes, kein Apoll, vermag's 3320 mich auf den schneeigen Olymp zu locken. 3321 Der Graf von Krötenheim und ich, 3322 wir haben heimlich gegenseitig, 3323 dem anderen das eigne Herz geschenkt. 3324 und nun die Liebe unsre Zukunft lenkt. 3325 Ich werde werden Gräfin Krötenheim. 3326 und will ihm stillen alle Liebesnöte 3327 als wär ich seine schönste Kröte. 3328 3329 KRÖTENHEIM: Das stimmt. So haben wirs versprochen. 3330 Und ders bezeugen kann heißt Jochen. 3331 3332 APOLL: Was bleibt noch übrig? 3333 Nichts als die Berufe zu bestimmen 3334 welche der ausgemusterten Miliz gebühren. 3335 3336 ERSTER PATRIOT; Verehrter Herr, verehrter Gott, 3337 wir haben's unter uns besprochen, 3338 und bitten nun Euch um Genehmigung 3339 fürunsern Vorschlag, hier ist unsre Lösung: 3340 Die Patrioten in den braunen Uniformen 3341 sie werden Amtspersonen aller Art. [Funktionäre] 3342 vornehmlich Steuern einzuziehen, 3343 Beamten die nicht nur mit Geld, zusätzlich 3344 auch mit der Gelegenheit besoldet, 3345 die Menschen ihnen untertan zu schickanieren. 3346 Die in den schwarzen Uniformen werden Schlächter, 3347 Henker und Polizisten und Gefängniswärter, 3348 und ins besondere Soldaten, dazu 3349 auch Priester und Pastöre und Rabbiner. 3350 3351 APOLLO: (Zum ersten Patrioten) 3352 Ich bin mit deinem Vorschlag einverstanden, 3353 vorausgesetzt, der Vorsatz ist vorhanden 3354 die Ioten der Gesetze zu beachten 3355 mit Absicht einst zum Himmel aufzufahren; 3356 vorausgesetzt, ein jeder wird verpflichtet 3357 die Ehrfurcht vor dem Leben zu bewahren 3358 und fernerhin auf blutgen Mord verzichtet. 3359 Der Schlachter muss beim Schlachten 3360 den Anschein großer Lieb und Ehrfurcht 3361 für seine Opfer vorzutäuschen lernen, 3362 wichtiger noch der Henker, Nächstenliebe 3363 für jeden den er heut zum Galgen triebe, 3364 und Polizisten und Gefängniswärter 3365 paulinsche Agape und liebevollen Glauben 3366 für Menschen deren Freiheit sie berauben. 3367 Den Geistlichen, als ob's sich nicht verstünde 3368 ist Mensch und menschlich sein die große Sünde. 3369 Der Mensch ist tierisch, und das Tier ist schlecht. 3370 Doch was von Gott gefaselt wird ist echt. 3371 3372 Was nun das einstge Eigentum Herrn Lumps betrifft, 3373 gewährt sei ihm auf Lebenszeit, will sagen, 3374 auf Schauspielzeit, das Recht zu wohnen dort 3375 und es zu nutzen, bis an sein selig Ende. 3376 3377 ERSTER PATRIOT: 3378 Ich stehe zu Befehl, mein Feldmarschall, 3379 Gehorsam ist mir ins Gebein getrieben, 3380 Gehorsam ist mir ins Gemüt geschrieben, 3381 Ich folge meinem Führer überall. 3382 Befehl er was ich tun und lassen soll 3383 Gehorchen werd ich meinem Gott Apoll! 3384 3385 ZWEITER PATRIOT: Auch ich gehorche meinem Gott Apoll, 3386 von nun an lieb ich Kröten wie ich soll. 3387 Ich werd die Erdenordnung nimmer stören. 3388 Weil alle Dinge hier Apoll gehören. 3389 3390 DRITTER PATRIOT: Und ich erkläre mich entlumpisiert. 3391 Von Krötenhassen hab ich nie gehört. 3392 Werd als Verständnisethikprediger mich dingen, 3393 statt von Vergeltung vom Verstehen singen. 3394 3395 LUMP: 3396 Und ich, einst hieß ich Lump, jetzt heiß ich Christ 3397 an graden Tagen, anderweitig Herkules. 3398 Ehrfurcht vorm Leben mir Devise ist. 3399 Was mich beschäftigt ist mein Business. 3400 Wenn Ursula und Melpomen nicht schreien 3401 Lad ich in unser Bett, die schönste Krötin ein. 3402 3403 APOLL: Ich würd'ge ihr Verständnis, ihre Mitarbeit, 3404 einst war'n sie Maga Lump, heißen jetzt Christ, 3405 ihr Angebot sehr fein und edel ist, 3406 und doch scheint's überflüssig, geht zu weit, 3407 die Krötin gleich zum Beischlaf einzuladen, 3408 auch nicht gemeinsam sich mit ihr zu baden; 3409 bezweifle sehr, dass ihr's im Bett gefiele 3410 denn Liebessehnsucht ist hier nicht im Spiele. 3411 3412 (arie) 3413 ERATO: Ich bleibe hier. Ich geh nicht fort. 3414 führ Möchtegern den Haushalt hier am Ort 3415 Ich werde ihm bei philosoph'schem Denken 3416 der Götter Weisheit und Gedanken schenken. 3417 Wenn mich auch drum die andren Götter hassen 3418 ich werde Moritz Möchtegern nicht lassen. 3419 Ich liebe ihn auf dieser Erd am Meisten 3420 werd ihm so lang er lebt Gesellschaft leisten. 3421 3422 MÖCHTEGERN: (im Flüsterton) 3423 Ach, Erato, 3424 (fängt an zu singen) (Duet mit Erato) 3425 Bist du bei mir, geh ich mit Freuden 3426 zum Sterben und zu meiner Ruh. 3427 Ach wie vergnügt wär so mein Ende, 3428 es schlössen deine schönen Hände 3429 mir die getreuen Augen zu. 3430 3431 ERATO (Duet mit Möchtegern) 3432 Ich bin bei dir, wir gehn mit Freuden 3433 zum Leben und der Liebe zu. 3434 Gesegnet sei des Tages Ende 3435 Einst schließen meine treuen Hände 3436 dir die geliebten Augen zu. 3437 3438 Chor der Krötenseelen: 3439 3440 Hoch über den Wolken wir Krötenseelen 3441 wir krabbeln umher, uns wird nichts fehlen 3442 Tief unter uns sind die Menschen die streiten 3443 Sich schlagen und plagen nach allen Seiten. 3444 3445 Wir sehen wie sie die Welt zerstören, 3446 Wir gaben den Rat, sie wollten nicht hören 3447 Sie bilden sich ein, dass sie alles verstehn. 3448 Wir beobachten wie sie zu Grunde gehn. 3449 3450 Unsre Götter sind weder Dike noch Apoll 3451 Wir trauen der Natur die uns leiten soll. 3452 Im wassrigem Schlamm wo wir einst ersoffen 3453 lässt ewige Ruh auf Erlösung hoffen. 3454 3455 Für beschränkte Zeit wir zu Grunde gehn. 3456 Kein Zweifel ist's das wir auferstehn. 3457 ob den Menschen leuchtet ein ähnlicher Stern 3458 das mag Euch erzählen Herr Möchtegern 3459 3460 11 Nachspiel und Vorspiel 11 11 11 11 11 3461 3462 Nachgespieltes Vorspiel: 3463 3464 Blick auf einen wüst verwilderten Soldatenfriedhof, 3465 bestückt mit Fahnen vieler Länder. 3466 Die Gräber sind unterschiedlich mit Halbmond, mit Stern, 3467 und mit Kreuz angezeigt. 3468 Dazwischen liegen schlafende oder gefallene Soldaten 3469 mit gestreckten Gewehren. 3470 In allen Richtungen, auch über die Soldaten, krabbeln Kröten. 3471 Im Hintergrund drei ragende Kreuze. 3472 3473 Die Stimmen eines Chorals ertönen 3474 erst als sanftes kaum hörbares Orgelspiel, 3475 dann in vollem Chor: 3476 3477 "Ach Herr, lass dein lieb Engelein 3478 Am letzten End die Seele mein 3479 In Abrahams Schoß tragen, 3480 Den Leib in seim Schlafkämmerlein 3481 Gar sanft ohn eigne Qual und Pein 3482 Ruhn bis am jüngsten Tage! 3483 Alsdenn vom Tod erwecke mich, 3484 Dass meine Augen sehen dich 3485 In aller Freud, o Gottes Sohn, 3486 Mein Heiland und Genadenthron! 3487 Herr Jesu Christ, erhöre mich, 3488 Ich will dich preisen ewiglich! 3489 (Herzlich lieb hab ich dich, o Herr," 3. Vers , Martin Schalling, 1571) 3490 3491 Vorübergehend völlige Stille. 3492 Dann stürmischer Applaus, Händeklatschen, 3493 Fußstampfen, Gejohle und Gelächter. Der Vorhang fällt. 3494 3495 DAS ENDE