From: "Bernd Strangfeld" To: Ernstmeyer Subject: Dein brief vom 2.Mai Date: Wed, 13 May 2020 12:04:22 +0200 Lieber Jochen, danke für Deinen bericht über Margaret und Klemens hinsichtlich des Lesens Deiner Romane. So etwas Ähnliches hatte icb auch dunkel in einer Gedächtniskammer. Ich erinnere mich auch, dass Margaret mit Eurer örtlichen Bibliothek zu tun hatte und gern über Literatur kommunizierte. Ein weites Feld!Ich habe gerade eine deutsche Kinder-und Jugendbuchautorin (wieder-)entdeckt, Kirsten Boie, und habe gerade einen ganzen Stapel aus unserem kleinen, aber gut funktionierenden Buchladen abgeholt - nein, bestellt hatte ich, abgeholt hat Bernd, der sowieso die meisten Außenarbeiten erledigt, also Einkäufe. Somit ist für längere Zeit die abendliche Lektüre im Bett gesichert, mindestens eineStunde, bei Kräutertee, und möglichst nichts sehr Düsteres,denn dann schlafe ich nicht. Nehme sowieso , wenn nicht vergessen, je einen Teelöffel Baldrian-und Hopfentinktur zu mir, das beruhigt tatsächlichWas Du über Deine Schreibtätigkeiten schreibst, kann ich nachvollziehen - meine ich jedenfalls, zumindest ein bisschen - , trotzdem bekommt einem ein wenig Publikum gut. Wenn es hoffentlich endlich mal wieder regnet, interessieren mich/uns Deine neuen Sonette schon sehr, aber es tritt bei uns seit einiger Zeit keine rechte Ruhe ein. Sorge und Aktivitäten und Entscheidungen um/für unsere alte Freundin, verstärkter Briefverkehr mit Freunden seit Corona, und vor allem der Garten, in dem dieses Jahr besonders viel besonders üppig wächst und blüht und tägliches intensives Betrachten und "Betüddeln" erfordert. Und auf der Terrasse die jungen Vögel, die von pflichtgetreuen Eltern gefüttert werden: aufgeplusterte junge Amseln, 4 junge Spatzen - offenbar Geschwister -, Meisen in Nistkästen. Dazu täglich "unser" Entenpaar, das seit nunmehr fast 4 Wochen sich zu etablieren versucht und bei jedem Verscheuchtwerden weniger Verständnis gegenüber unserer Abwehr zeigt. Natürlich gehören w i r nicht hierher, klarer Fall! Übrigens kennst Du noch aus Braunschweiger oder späteren Zeiten das Wort "fünsch"? Für "böse, missgelaunt, unfreundlich" oder so ähnlich? Dies und noch einige andere Nie wieder gehörte Wörter aus meiner Kindheit finde ich in den Büchern von Kirsten Boie, die in Hamburg lebt. Wirkt auf mich sehr heimatlich. Natürlich sind alle Leute ringsum sehr mit Corona und seinen Auswirkungen beschäftigt, was das soziale und stimmungsmäßige Leben angeht. Bernd und mich betrifft das alles nicht so sehr stark, weil wir erstens gesund sind und zweitens zu zweit und drittens sowieso das Allermeisten zu zweit gemeinsam machen. Aber wir würden schon gern ein paar Freunde besuchen - von denen die meisten ja gar nicht in Kierspe wohnen - und einfach ein bisschen über Land fahren, ein paar Ziele ins Auge fassen. Ohne Corona wären wir zum Beispiel jetzt mit Freunden aus unserem Frankreich in Thüringen, letzten Sonntag auf der Wartburg, abends in einem Hotel in Mühlhausen, dann auf dem Baumwipfelpfad im Nationalpark Hainich, danach Erfürt, dann Weimar ... Offen ist noch, ob wir, wie lange geplant, Ende Juni zu Freunden in die Nähe von St.-Pierre fahren dürfen, um , während sie mit Freunden in den Alpen wandern, in ihrem Haus und ringsum ihre Hühner, Gänse, Kaninchen und Katzen samt Hütehund Snoopy zu versorgen. Heute Morgen waren sie noch ganz hoffnungsvoll, aber ich bin skeptisch. Und dann entfielen auch Besuche bei unserer ältesten Chorschwester, 90, an Parkinson leidend und uns in Liebe verbunden, und bei unserem Nachbarn und Freund in St.-Pierre, der im letzten oder vorletzten Stadium von Lungenkrebs in seinem Haus verbringt. Beide warten sehr auf uns, und wir wollten ihnen ja auch Dias aus unseren Anfängen in St.-Pierre zeigen. Wie gut, dass es immerhin telefon gibt. Allerdings macht die französische Telecom, die sich "Orange" nennt, manchmal einen Strich durch die besten Kommunikationsabsichten, zum Beispiel bei meinem Vetter, auch Bernd geheißen, der noch ländlicher wohnt als wir in St.-Pierre und wo "Orange"immer mal wieder wochenlang die telefonische Verbindung ausfallen lässt. Das internet ist daran gekoppelt und stellt sich auch mal blind-taub. Sonst aber sind alle Freunde bisher von Corona verschont geblieben. möge das so bleiben. Die Artikel im letzten Spiegel klingen ganz schön grauslich. Und unerfreuliche Leute drängen zunehmend auf die Straße. Habe ich Dir von dem Reh berichtet, das gelegentlich unseren Garten heimsucht? Ist ja ein wunderhübsches Tier, hat aber kürzlich die Hälfte aller Knospenstengel des Herbstsedums, das im August/September blüht und Scharen von Bienen und die wenigen noch verbliebenen Schmetterlinge erfreut, abgefressen. Da hört die Liebe auf, aber wie? Gerade wird vor meinen Augen ein fast ausgewachsenes Amselkind von einem emsigen Vater gefüttert. Eigentlich könnte es schon selbständig sein, scheint mir. Hotel Mama bzw.Papa! Der Goldregen fängt an zu blühen Es hat viel für sich, dass wir nicht verreisen durften und dürfen, wir können alle Stadien der Gartenentfaltung aus nächster Nähe betrachten. Und geht es ja riesig gut, mit Haus, Garten , einander, genug Geld, Gesundheit... Es tut mir leid, dass Deine Gelenke so viel Schmerzen und Mühen machen Wir wünschen Dir dringend, dass Du wenigstens genügend Beweglichkeit für den Hausgebrauch behältst! Gerade werden zwei aufgeplusterte junge Spatzen gefüttert. Diese Geduld der Eltern! Möge Dir die Arbeitsfreude erhalten bleiben! Liebe Grüße von Gertraud und Bernd..