Liebe Gertraud, lieber Bernd, Heute sind drei Wochen vergangen seit Euerm letzten Brief, und es gebührt Euch Entschuldigung und Erklärung für meine verzögerte Antwort. Entschuldigt auch bitte den Hinweis auf die fragwürdige unfertige Sonettensammlung die sich an meinem Netzort http://ernstjmeyer.ddns.net unter "4. Aus der Umnachtung" befindet. Ich erwähne die Bemühung als Erklärung für die Verzögerung meines Briefes, keineswegs als Vorschlag, dass Ihr was ich geschrieben habe lesen solltet. Je älter ich werde desto unentbehrlicher werden mir die Bemühungen meinem Denken und Fühlen schriftlichen Ausdruck zu geben, ohne dass ich den Ergebnissen auch nur den geringsten "literarischen" Wert beimesse. Es ist die Tätigkeit die mich befriedigt. Mit den Erzeugnissen verbleibe ich durchweg unzufrieden, und beabsichtige wenn mir Zeit, Kraft und Geist gegönnt sind, sie im Laufe der Monate zu verbessern. Einschlägig zu diesem Thema ist die Antwort auf Eure Fragen, ob Klemens, ob Margaret das von mir Geschriebene jemals gelesen haben. Klemens kaum, Margaret nie. Zu Margarets Lebzeiten hat mich die Abwesenheit ihres Interesses an meinen schriftlichen Beurkundungen kaum betrübt; seit ihrem Tode überhaupt nicht mehr. Unsere Beziehung beruhte auf tieferem Grunde. Vor etwa zehn Jahren, machte ich den Versuch mich an Margarets literarischen Interessen zu beteiligen. Sie war Mitglied einer Lesegruppe (book group) der hiesigen Bibliothek geworden, und ich entschied mich sie zu begleiten. Das Ergebnis, wenn es Euch interessiert, könnt Ihr bei http://ernstjmeyer.ddns.net unter "18. Bookgroup" nachlesen. Auch diese kleinen Aufsätze hat Margaret nie gelesen. Das Besprechen der verschiedenen Bücher war für Margaret kein Selbstzweck, sondern ein Instrument womit sie Beziehungen zu anderen Menschen anzuknüpfen vermochte. Margaret war sehr menschenfreundlich. Wie sonst hätte sie mich ertragen können? Indessen hat sich meine eigenes Verständnis (oder Unverständnis) des Schrifttums und der Geistigkeit die sich in ihm spiegelt, wesentlich geändert, in Maßen und Richtungen die zu beschreiben den Rahmen eines Briefes sprengen würden, die ich aber vielleicht, wenn mir Zeit und Kraft gegönnt sind, anderweitig ausführlicher erzählen werde. Ich hoffe sehr dass dieser Brief Euch gesund und zufrieden erreicht, und wünsche Euch beiden den denkbar schönsten Sommer. Euer Jochen