am 11. April 2020 Lieber Jochen, heute Morgen hatte ich schon alles eingrichtet und war dabei, Deinen brief vom 4.April nochmals zu lesen, als das Telefon ging und eine Freundin, ehemalige Schülerin, im Sozialpsychiatrischen Dienst der Stadt Lüdenscheid tätig, anrief und Oster-und sonstige Wünsche übermittelte. Das gespräch dauerte 1 Stunde und 38 Minuten, danach machten Bernd und ich erstmal unserern möglichst täglichen Gang, so flott wie es geht, manchmal etwas keuchend, erleichtert, wenn die Höhe erreicht war, und dann gab es weitere Dinge zu tun, damit das Umfeld unsres Hauses ein klein wenig umsorgt aussah, und dann ging ich unsere alte freundin besuchen, , diesmal sehr anstrengend, weil es um einen gerade angekommenen brief von ihrer Krankenkasse ging, dessen Inhalt sie nicht verstehen konnte ... Es dauerte lange, und weil sie sehr vergesslich und manchmal verwirrt ist, wurde es sehr angespannt und schwierig, und wieer zu Hause, beschloss ich, mich mit dem Befreien des Bürgersteiges von allerlei ungestattetem Pflanzlichen zu befreien - kurzum, lieber Jochen, ich dachte zwar zwischendurch an Dich, aber in Briefstimmun war ich absolut nicht. Nun ist es bald Ostern, und bevor ich mich mit einer Goethe-Biografie zu Bette begebe, sollst Du doch endlich ein wenig von uns hören. Was Du über Dein verhältnis zu Klemens schreibst, beruhigt mich und freut mich. Ich weiß ja, wie wesentlich Euch Eure Beziehung ist. - Deine körperlichen Einschränkungen betrüben mich, auch wenn ich die etwas gebirgige Gestalt Eures Hauses mir vor Augen führe,, denke mir dann, dass es vielleicht auch eine Art nötige Gymnastik sein könnte. Das kommt Dir sicher albern vor. Ich versuche mich damit zu trösten, weil mir sonst nichts beschwichtigendes dazu einfällt. Soll es ja nicht, ich weiß. Sprichst Du denn mit Klemens über Deine Gedanken, eventuell Deine Bücher? Und hat Margaret sie gelesen, habt Ihr darüber gesprochen? Das hast Du mir bisher beharrlich verschwiegen. Kannst Du ja auch. Ich bin nur neugierig. Sicher erscheint Dir der Tite l eines Buches von Precht, Philosoph, "Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?" banal, aber werden da nicht auch Deine Überlegungen brührt? Ich habe das Buch nicht gelesen, es ist aber ziemlich berbreitet. Goethes zwei Seelen in seiner Brust, und womöglich noch mehr, pasen vielleicht auch dazu. Ich beobachte seit einiger Zeit, wie mühsam es im Alter manchmal ist, das eigene, vertraute, enn auch nicht geliebte Ich zu behauptn, wenn im Gehirn immer mehr schwindet. Aber das trifft beiweitem nicht bei allen zu, und bei Dir bestimmt nicht, das meine ich auch keinesfalls in Bezug auf Dich - es ist nur als Beitrag zum Thema "Ich" gedacht. Dich Interessierendes kann ich sowieso nicht beisteuern. Also noch kurz ein Bericht über unser Entenpaar, das seit einigen Tagen beharrlich versucht, sich auf unserem Teichlein zu etablieren. Trotz mindestens sechs vertrebungsversuchen kommen die Beiden immer wieder, nach dem Prinzip Hoffnung. Im übrigen haben sich in den letzten beiden, sehr warmen, Tagen sooo viele Blätter und Blüten geöffnet, die Welt sieht märchenhaft verwandelt und verschönt aus. Bloß dass wenig fleucht und kreucht.. Ob es auf die Dauer den Vögeln in unserer Nhe zuträglich ist, sich fast ausschließlich von unseren Sonnenblumenkernen und Haferflocken zu ernähren, muss ich bezweifeln. Morgen, da ja Ostern ist und der gruß "Frohe Ostern" hier auf dem Lande doch noch verbreitet ist, greift doch eine gewise frohe Erwartung um sich, wir werden vile gekochte Eier zum Frühstück mit freundlich aufgebackenen Brötchen essen und uns an vergangene zeiten erinnern, als wir noch Eier färbten und bemalten, mit den wenigen Motiven, deren wir fähig waren, also Drachen, Weidenkätzchen, unserem blauen VW-Käfer, Osterglocken... Und einen längeren Spaziergang wird es hoffentlich geben. Wir dürfen ja raus, und im Wald lässt sich Abstand halten und trotzdem ein paar freundliche Worte mit Mit-Spaziergängern wechseln. Die Stimmung ist noch gut. Habe gute Gedanken, friedliche Gefühle und keine Schmerzen! Wenn möglich, bestelle doch Laura und Klemens mal schöne Grüße von uns, zum Frühling. Übrigens, Bernd und ich glauben ganz bestimmt, sozusagen aus eigener Erfahrung, dass Du existierst, und wie! Deine Gertraud und Bernd.