Liebe Cristina, es war zu erwarten, dass in den 9 Stunden ruhelosen nächtlichen Schlummers die ich neuerdings genieße meine Gedanken sich zu mindestens einem, wenn nicht mehreren weiteren Briefen an Dich beschließen würden. Als Vorbereitung, hab ich Deine jüngsten Mitteilungen noch einmal gelesen. Du schreibst, unter anderem: "Ich hatte mich vor zwei Tagen selbst aufgenommen vor dem Probespiel um zu sehen, ob ich gut genug vorbereitet bin und tatsächlich alles auf seinem Platz ist wie ich dachte, und als ich heute die zwei Aufnahmen verglich, fiel mir auf, dass mir trotz aller Imperfektionen die Bach Aufnahme von vor sechs Jahren als das "rohe Cristinische Künstleroriginal" vorkommt und mein Spiel heute eine sich verzweifelt der Umwelt anzupassen versuchenden junge Musikerin widerspiegelt. Man kann dies zweideutig interpretieren: Entweder die Künstlerin durchlebt gerade eine Umwandlung und es bedarf einer schwierigen Zeit der verzweifelten Suche um zu einem neuen richtigen Weg des nächsten künstlerischen Abschnittes zu gelangen. Oder die Künstlerin war schon als Kind die richtige Künstlerin, hatte immer schon zwar ihre individuelle aber richtige Intonation und Stimme gefunden, es gilt diese ein Leben lang zu nähren und weiter zu entwickeln und die Trauben da draussen sind in Wirklichkeit nicht nur sauer, sondern toxisch." Du hast die richtige Diagnose gestellt. Du bist eine kluge Frau. Die Concertgebouw Orchestre Türhüter haben ihr Tor vor Dir verriegelt, nicht wegen mangelnder "Intonation" und mangelndem "aktivem Hören" sondern weil sie, wie Dein kalifornischer Professor, vom Geist und von der Leidenschaft Deines Musizierens überwältigt waren, und sich vor ihm zu retten vermochten, nur indem sie Dich abwiesen. Damit verriegelten sie nicht Dein Leben sondern ihr eigenes. Beklag es nicht, dass sie sich weigerten Dich in den Rang wo Du hingehörst, den Rang von Pablo Casals, Yo-Yo Ma und Mischa Maisky einzustufen. Ich sage es nicht um Dir zu schmeicheln, sondern um Dich zu trösten, denn in einem Maße wie Du es bist etwas Besonderes zu sein ist eine schwere Last, und keine Ehre, denn Du lebst in Deiner eigenen Welt, wo Ehre belanglos ist. Ich schreibe Dir aus eigener Erfahrung. Als ich mit 19 Jahren die Universität absolvierte, musste ich mich einem mündlichen Examen unterziehen wo man entscheiden würde ob ich mein Diplom Magna cum Laude oder Summa cum Laude erhalten sollte. Der Vorsitzende des Examensgremiums war ein Amerikaner, Professor Stuart Atkins, der mit der deutschen Sprache auf weit weniger sicherem Fuß stand als ich. Auf meine Antworten erwiderte Atkins, er habe das alles schon vormals gehört, nämlich von seinem beneideten Kollegen Karl Vietor, einem Emigranten aus Deutschland dessen Schützling ich war, und verweigerte mir dann das begehrte Summa cum Laude unter dem Vorwand: "The English speaking part of the student's mind is insufficiently familiar with the material," wo ihm mein Deutsch sprechendes Gemüt unerträglich war. Etwa acht Jahre später als ich im Verlauf meiner augenärtzlichen Ausbildung den Dienst in der Notfallstation vertrat, begegnete ich Stuart Atkins ein weiteres Mal als er sich zur Entfernung eines kleinen Fremdkörpers aus der Bindehaut einstellte. Beim Entlassen erinnerte ich ihn daran, dass wir uns nicht zum ersten Mal träfen. Liebe Cristina, ich habe Dir noch viele weitere Geschichten zu erzählen, aber dies soll für heute genügen. Grüße bitte Deine Eltern von mir. Dein Jochen