Liebe Cristina, Deine beiden Briefe sind zwei Geschenke die zu beschreiben ich nicht versuchen darf um ihnen nicht ungerecht zu werden; für die ich es vielleicht unterlassen sollte mich zu bedanken, um nicht Gefahr zu laufen die Dankbarkeit zu beleidigen oder zu erschöpfen. Hingegen ist es leicht und einfach einen lächerlichen Fehler in einem meiner Briefe an Dich zu berichtigen. Ich protzte mit einem Alter von achtundneunzig, wo ich tatsächlich nur neunundachtzig Jahre aufzuweisen habe. Das sind immerhin genug. Die Verwechslung finde ich bezeichnend für die allgemeine Anfälligkeit meines Denkens. Ich kam nach Amerika als ich acht Jahre und neun Monate alt war. In wenigen Wochen hatte ich die englische Sprache gelernt, und eben so schnell hatte ich die deutsche Sprache fast vergessen. Ich besinne mich wie ich als zehn und elf jähriges Kind entschlossen war, statt sie zu verlieren, die deutsche Sprache ein zweites Mal zu erlernen. Schon damals wurde ich mir der Zahlumstellung bewusst: 89 lautet im Englischen in gerader Reihenfolge "eighty" "nine", im Deutschen aber nicht, wie ich schrieb, "acht" und "neunzig", sondern umgekehrt "neun" und "achtzig". Diese Verwechslung ist ein Denkfehler mit dem ich längst vertraut war, und den ich bei nur leidlich gewissenhaftem Korrektur Lesen richtig gestellt hätte. Zugleich war's aber auch ein Denkfehler den ich als musterhaft für andere Irrtümer zu erkennen meine, weil er sich als unmittelbare Folge einer Beschaffenheit der Sprache ergibt. In gegebenen Fällen, die Gleichschaltung von Ruhm und Wert, welche unsere Staaten so schicksalhaft belastet und zugrunde zu richten droht, und welche für einen jeden von uns, für Dich in Voraussicht und für mich im Rückblick, das Leben prägt. In Betreff auf meine Bessessenheit mit Gedanken, besonders insofern sie schriftlich überliefert werden, ist eine unbekannte "verlorene" Schrift ihrer Unkennbarkeit zufolge, ohne "Wert", indessen eine "erhaltene" Schrift "Wert" hat, wenn nur weil sie erhalten ist. Dieser Wert aber wird wegen ihrer Kennbarkeit oder Bekanntheit, wegen ihres Ruhms, von der Gesellschaft der Leser, oder unter Umständen vom einzelnen Leser in einen anderweitig unverständlichen oder auch belanglosen Text projiziert. Die Schriften von Aristoteles, Aquinas, Kant ... mögen als Beweisstoff dienen. Ähnliches, so scheint es mir, gilt für Gedichte, Novellen, Romane, deren "Ruhm" sich aus einem siegreichen öffentlichen Konkurrenzkampf ergibt. Ob dieser Sieg des "Ruhmes" tatsächlich einem unabhängigen ästhetischen, ethischen oder epistemischen Wert entspräche, vermag nur ein "Professor" zu entscheiden, ich aber nicht. Die politisch bedingte Forderung von "affirmative action" wirft enthüllendes Licht auf die Gültigkeit gesellschaftlicher Wertschätzungen. Erlaube mir ein Bekenntnis das die Nichtigkeit meiner geisteswissenschaftlichen Ansprüche besiegelt. Dante's "Inferno", angeblich das berühmteste Buch westlicher "Literatur" mutet mich an als dermaßen Ekel erregend, obszön, grausam und widerlich, dass ich mit jedem Versuch es zu lesen, gescheitert bin. Dein Cellospiel, Cristina, wäre möglicherweise mangelhaft nur im Umkreis Deiner Konkurrenten, will sagen unter Menschen die bestrebt sind Dich zu erniedrigen um sich selbst zu erhöhen und ihren eigenen Wert zu behaupten. In den Ohren Deiner Eltern und in den Ohren anderer die Dich lieben, besonders wenn sie wenig von Musik verstehen und fast taub sind, klingen Du und Dein Cello wunderbar, wenn nicht gar himmlisch. Dein Jochen