Liebe Gertraud, lieber Bernd, Je mehr der Geist schwindet, desto unaufhaltbarer verstreicht die Zeit. Ich beeile mich Euern letzten Brief zu beantworten, eh ich vergessen habe, dass er noch zu beantworten ist. Es kommt vom Alter: Die Tage werden zunehmend ununterscheidbar von einander. Ich vermag sie zu zählen nur indem ich täglich aufschreibe was ich denke und fühle. Aber auch dann, wenn ich das Niedergeschriebene am folgenden Tag oder in der folgenen Woche überlese, muss ich, wenn ich ehrlich bin, zugestehen dass was ich noch vor Kurzem als bedenkenswert betrachtete, mich heute langweilt. Ich hab mir vorgenommen was ich denke und fühle, so gut ich kann, an meinem Netzort http://ernstjmeyer.ddns.net aufzubewahren, ohne auch nur den Versuch zu machen zu bestimmen ob es anderweitig des Erinnerns wert wäre. Sollte es vielleicht unterlassen diesen Versteckensort des Banalen und Gleichgültigen überhaupt zu erwähnen. Auch Margaret hätte und hat es nie angeschaut. Die Vorstellung, dass dies für mich Einmalige einem Zweiten als sinnvoll erscheinen möchte, habe ich längst aufgegeben, wie auch den frommen Wunsch, dass es uns in irgendeinem tieferen Sinne möglich sein sollte, einander zu "verstehen". Ich erinnere Georg Büchners Klage in Dantons Tod: “Wir sind Dickhäuter, wir strecken die Hände nacheinander aus, aber es ist vergebliche Mühe, wir reiben nur das grobe Leder aneinander ab, - wir sind sehr einsam. [...] Geh, wir haben grobe Sinne. Einander kennen? Wir müssten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren.” Nebenbei bemerkt: "die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren" sind stark materialistisch geprägte Vorstellungen von denen ich vermute dass sie auf eine der Grundlagen dieser Einsamkeitsbesessenheit weisen. Im Gegensatz fühlt man sich im höhlenartigen ungeheizten Dom fast so gemütlich wie am Ofen in der Kneipe oder im Lokal um die Ecke. In diesem Zusammenhang: Den Bachkantaten deren Aufführungen ich mir immer wieder im Internet anschaue und anhöre, entnehme ich wie Gedicht und besonders Musik dazu dienen die sich täglich aufs Neue einschleichende Einsamkeit zu beschwichtigen, indem sie gekünstelte Seelenvergesellschaftungen unter den Menschen stiften, Verständnis aber wohl kaum. Das wäre für heute genug, wenn nicht gar zu viel. Euch beiden sende ich meine Vorfrühlingsgrüße aus Belmont. Euer Jochen