Liebe Gertraud, Lieber Bernd, Euerm Silversterbrief entnehme ich die Ruhe und Zufriedenheit welche Euch in diesen kurzen Wintertagen beseligt. Ich hab mich in ähnlicher Weise mit dem Winter abgefunden, in meinem Fall mit den Beschränkungen des Winters meines (hohen) Alters. Die kleinen Wanderungen oder die weiten Spaziergänge um eine der benachbarten Teiche welche in Spinozas Worten, Deus sive Natura in der Eiszeit als Talsperren bei uns eingerichtet hat, sind mir wegen meiner verkrüppelten Hüften zur Unmöglichkeit geworden. Statt mich in Müllerschem Geist in der kalten Winterluft herumzutreiben: Fliegt der Schnee mir ins Gesicht, Schüttl' ich ihn herunter. Wenn mein Herz im Busen spricht, Sing' ich hell und munter. Höre nicht, was es mir sagt, Habe keine Ohren; Fühle nicht, was es mir klagt, Klagen ist für Toren. Lustig in die Welt hinein Gegen Wind und Wetter ! Will kein Gott auf Erden sein, Sind wir selber Götter ! sitze ich hier am Küchentisch bei zehn Grad im anderweitig ungeheizten Hause, und denke über die Unmöglichkeitskaskaden nach, darin das Leben besteht, gewissenhaft bedacht mich der vielen naheliegenden Absurditäten zu enthalten mit denen ich Euch vielleicht verärgern möchte. Die fast neunzig Jahre, die mir das Schicksal - oder sollte ich schreiben "Deus sive Natura" angekreidet hat, legen mir nahe den Versuch zu machen, einige "Sonetten an Chronos" zu schreiben, ein Versuch der "an und für sich" meinen Größenwahnsinn bekundet, und damit zugleich einen Witz, worüber man lachen muss, bis es einem auf diesem Umwege gelingt sich auch ohne Alkohol in die passend fröhliche Silversterstimmung zu begeben. Meine Kenntnisse von griechischen Mythen sind sehr oberflächlich. Hab' mir aus Trägheit nicht einmal die Mühe gemacht die heute im Internet so leicht verfügbaren Quellen nachzulesen. So viel ich festgestellt hab, ist über Chronos, über den Gott der Zeit, nur wenig berichtet. Von einem Titan Kronos ähnlichen Namens werden Schauergeschichten überliefert. Philologen behaupten dass Chronos und Kronos etymologisch verschieden sind. Tatsächlich aber wurden Chronos und Kronos schon im frühen Altertum verwechselt, auch von Cicero, und besonders von ihm. Mir fällt auf, wie ganz im Allgemeinen und nicht zuletzt in der griechischen Mythologie, das Erleben des Menschen in Sprache niederschlägt, in Worten welche einst wegen der Macht ihres unerschütterlichen Sinns als Götter verherrlicht wurden, hingegen in unserer auf Naturwissenschaft beruhenden Geisteswelt, als unantastbare Begriffe der Mathematik, der Physik, der Chemie, wie etwa Raum und Zeit. ======================= Eine Gruppe anderer Versionen bietet verschiedene Varianten einer abweichenden Überlieferung des Mythos. Eine davon ist die von Damaskios wiedergegebene Fassung aus den „Heiligen Reden in 24 Rhapsodien“,[15] daher spricht man von der „rhapsodischen Kosmogonie“ der Orphiker. In diesem Überlieferungszweig erscheint die Zeit (Chronos) als das Prinzip, das den Ursprung von allem bildet. Chronos bringt zunächst zwei Prinzipien hervor, Aither und Chaos. Die zweite Phase der kosmischen Geschichte beginnt mit der Entstehung des silbrig glänzenden Welteis, das Chronos im Aither erschafft. Aus dem Weltei wird der geflügelte Lichtgott Phanes geboren.[16] Phanes ist eine Hauptgottheit der Orphiker, außerhalb orphischer Kreise scheint er nicht verehrt worden zu sein. Er wird in der spätantiken, vielleicht auch schon in der frühen Orphik mit Eros gleichgesetzt. Seine Gefährtin ist Nyx, die Nacht; ihr vertraut er sein Szepter an. Nyx gebiert den Gott Uranos, der als nächster die Welt regiert. Dies ist die dritte Phase. Uranos wird von seinem Sohn Kronos gestürzt; dieser Machtwechsel leitet die vierte Phase ein. Auf Kronos folgt Zeus, dessen Regierung die fünfte Phase bildet. Zeus verschlingt Phanes, womit er sich dessen gesamte Kraft und Macht aneignet. Mit seiner Mutter zeugt er die Tochter Persephone, mit Persephone den Sohn Dionysos. Später überlässt Zeus die Herrschaft dem noch kindlichen Dionysos, womit die sechste Phase beginnt. Gegen Dionysos stachelt Hera, die eifersüchtige Gattin des Zeus, die Titanen auf. Die Titanen locken Dionysos in eine Falle, töten und zerstückeln ihn. Dann kochen sie seinen Leichnam und beginnen ihn zu verzehren, wodurch sie etwas von seinem Wesen in sich aufnehmen. Zeus überrascht die Mörder jedoch und verbrennt sie mit seinem Blitz zu Asche. Aus der Asche, in der Titanisches mit Dionysischem gemischt ist, steigt Rauch auf und es bildet sich Ruß; daraus erschafft Zeus das Menschengeschlecht. Damit erklärt eine Variante des Mythos die Ambivalenz der menschlichen Natur, die zwei gegensätzliche Tendenzen aufweist: einerseits einen zerstörerischen, titanischen Zug, der zur Rebellion gegen die göttliche Ordnung anstachelt, andererseits aber auch ein dionysisches Element, das zum Göttlichen hinführt. Apollon sammelt die Stücke von Dionysos’ Leichnam ein, Athene bringt sein intaktes Herz zu Zeus, der nunmehr den Ermordeten zu neuem Leben erweckt.