Lieber Jochen, danke für Deinen Brief vom 24.12.! Schon wieder eine Woche vorbei, schade finde ich das immer, so lange lebt man doch ein bisschen in froher Erwartung - liebe alte Gewohnheit von Kinderzeiten her -, und mit Silvester schiebt man das nunmehr alte Jahr erleichtert oder wehmütig beiseite, und peng, kommt schon wieder das neue, und man knabbert daran herum,bis es irgendwann auch aufgezehrt ist. Naja, aber erst einmal werden allmählich die Tage wieder länger, irgendwann zeigen sich die ersten Schneeglöckchen, die kleinen wuseligen und redseligen Erlenzeisige sind schon zu hören, man hat etwas zum Freuen. An Stümpfen und alten Bäumen wachsen jetzt bei der milden Witterung die schönsten Baumpilze, Moose, Flechten - am 26. sind wir um eine größere Talsperre spaziert und haben so viel entdeckt an Formen und Farben, Gestalten aller Art, und auf dem Wasser schwamm sehr majestätisch ein prachtvoller Schwan. Es war viel los, fanden wir, auch in dem eher etwas langweiligen Sauerland. Am Weihnachtsbaum, wie bereits erwähnt, tummeln sich allerlei alte und neuere Figürchen aus Märchen und Himmel und Wald und Heide, auch eine Harzer Brockenhexe und der immer lächelnde Oberförster Kuno, sein Dackel ist ihm im Laufe der vielen Jahre abhanden gekommen, aber er wirkt immer frisch und unternehmungsfreudig. Viele der Figuren haben ja meine Eltern in ihren allerersten Ehejahren erworben und mir damit ein sehr geliebtes Vermächtnis hinterlassen. Draußen knallen schon seit Stunden Böller in der Nachbarschaft. Daran haben wir uns noch nie beteiligt, manchmal gehe ich auch schon deutlich vor Mitternacht zu Bett, das neue Jahr ist nicht mehr so spannend wie früher. So, dies ist der allerletzte Brief dieses Jahres! Möge das neue Jahr für Dich angenehm und gedankenreich und erfreulich werden, wünschen Dir mit vielen herzlichen Grüßen Deine Gertraud und Bernd.