Liebe Cristina, hoffentlich mutet Dich diese unmittelbare Ergänzung meines gestrigen Briefes nicht als Belästigung an. Inzwischen solltest Du Dich an das Ungestüm meines Schreibens gewöhnt haben, der ich in "Echtzeit" (real time) lebe und ungeneigt bin die Niederschrift meines heutigen Denkens und Fühlens bis Morgen aufzuschieben. In Deinem Brief fragtest Du nach meinem Schreiben. Überschätze es bitte nicht. "Ich singe wie der Vogel singt, der in den Zweigen wohnet..." Betrachte was ich geschrieben habe als Gebrauchsanweisung oder Richtungsanzeiger, wohl bemerkt, nur für die neunundachtzig Jahre meines eigenen Lebens, wobei ich keineswegs behaupten möchte nicht trotzdem in die Irre gegangen zu sein. Mein Erleben hat sich im Laufe der Jahre verwandelt. Als junger Mensch schien mir was ich schrieb die unentbehrliche Beurkundung des geistigen Lebens. Im Alter wo ich weniger anspruchsvoll bin, scheint mir ein Griffel wie ein Wanderstab auf den ich mich stütze um die weite Reise durchs Leben zu schaffen. Inwiefern, wenn überhaupt, das Lesen des von mir Geschriebenen erbaulich oder gar produktiv wirken möchte, wage ich nicht zu beurteilen. Wenn Du die sechs gedruckten Bände besitzen möchtest, erlaube mir sie Dir zu schenken, und schreib mir die Adresse an welche sie geliefert werden sollten. (wenn nur weil der Verleger sie an mich als Verfasser zu wesentlich günstigerem Preis verkaufen würde als an andere.) Aber warum? Alles was ich geschrieben habe steht ja zu leichterem Lesen in beliebiger Größe auf dem Bildschirm. In Regalen gereiht, sammeln die gedruckten Bücher nichts als Staub und zuletzt sind's nur die Spinnen denen sie dienlich sind. Mein Erleben hat sich im Laufe der Jahre verwandelt. Als junger Mensch schien es mir notwendig dass mein Denken in Büchern veröffentlicht werden sollte, und meine Person anerkannt, vornehmlich als Professor. Weder das eine noch das andere geschah; stattdessen lernte ich von Äsop die Klugheit des Fuchses der einsieht dass die Trauben zu sauer sind, und kaum der Mühe wert. Diese Einsicht des Fuchses deute ich als eindrucksvolles Beispiel der allgemeinen Wahrheit, nämlich dass wir Menschen - vielleicht wie auch andere Tiere - nur zu gedeihen und überhaupt zu überleben vermögen indem wir uns körperlich, geistig und seelisch in unsere Umwelt fügen, indem wir diese Umwelt assimilieren oder uns von ihr assimilieren lassen. So deute ich die verzückte Einsicht von Hölderlins Hyperion: »Eines zu sein mit allem, das ist Leben der Gottheit, das ist der Himmel des Menschen. « »Eines zu sein mit allem, was lebt, in seliger Selbstvergessenheit wiederzukehren ins All der Natur, das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden« (Hyperion, 1. ... Wir sterben, um zu leben« So kommt, dass ich, ungleich meinem Gegenhelden Möchtegern, auch ohne den Beistand einer Muse vom schneeigen Olymp, in Dankbarkeit und Frieden das Ende meines Leben vorauszusehen vermag. Zugegeben, erträglich wird dies alles nur durch Tätigkeit, selbst wenn der Sinn dieser Tätigkeit ein Maß Selbsttäuschung erfordert. Augenblicklich beschäftigt mich mein Verständnis der Zeit, und ich versuche den bis jetzt vergeblichen Anlauf zu einem Zyklus von Sonetten an Chronos, wo ich mir einredete dass ich mein Zeiterleben darlegen würde. Wie sich diese Anmaßung entfalten wird, ist heute jedenfalls ein Zukunftsgeheimnis. Außerdem unterhält mich die Vorstellung, weitere Opernlibrettos zu entwerfen, selbst wenn kein Mensch je daran dächte sie zu vertonen, denn damit wagte ich den unmittelbaren Eingriff in die Gesellschaft bestehend aus Sängerinnen und Sängern, aus Intendanten und Regisseuren, aus Instrumentalisten und Dirigenten, und aus einem Publikum bestrebt dies alles zu begreifen.' Grüße bitte Deine Eltern von mir. Jochen