Liebe Gertraud, lieber Bernd, Dank für Euern Heiligabendbrief den ich umgehend beantworte, um, so weit wie möglich, auch dieses Antwortsschreiben mit einem Abglanz eines Weihnachtsschmelzes zu zieren. Denn anderweitig mangelt es in meiner Umwelt und in mir an Weihnachtszauber. Ich schreibe ohne diesen Mangel zu bedauern Mag sein dass ich mich betrüge ihn als Vorteil, wenn nicht sogar als Gnade zu erkennen, statt ihn als ein im Wirtschafts- und Gesellschaftsleben Verlorengegangensein zu beklagen. Heute meine ich zu erinnern schon als Kind zu dem Beschluss gekommen zu sein, dass ich den anderen 364 Tages des Jahres ein Unrecht täte, diesen einen, den Weihnachtstag mit großem Feiern zu bevorzugen. Entweder gebührte es jedem Tage als Weihnachten zu gelten, oder keinem. Das ist eine Erinnerung der ich entnehme, dass von jeher mit meinem Gemüt nicht alles in Ordnung war, dass ich vielleicht nicht nur neuerdings, sondern schon in der Kindheit, dem Wahnsinn verfallen war. Ich besinne mich, wie beeindruckt ich 22 jähriger Medizinstudent war, als man uns belehrte die Feststellung des Wahnsinns beruhe auf dem Urteil nicht, dass des Patienten Denken unbedingt falsch sei, sondern dass, aus welchen Gründen auch immer, seine Gedankenfolgen der Gesellschaft nicht annehmbar wären. Besessen wie ich nun einmal bin, mit der Suche nach Vergangenheit, mit der Suche nach Gegenwart, und mit der Suche nach Wirklich- oder Unwirklichkeit der Zeit im Allgemeinen und im Besonderen, ist es heute zu spät mich zu heilen oder mich heilen zu lassen. Nichts bleibt mir übrig als was ich fühle und denke zu verschweigen, mich sittsam und geistes-politisch korrekt zu benehmen, zuversichtlich, dass die allgemein herrschende Indolenz der an nichts liegt als ungestört weiter zu wursteln, mich ungestört in Ruhe lassen wird. Liebe Gertraud, lieber Bernd, bitte seid mir beim Verstecken meines Wahnsinns behilflich. Herzliche Weihnachts- und Neujahrsgrüße an Euch beide. Euer Jochen