am 10. Dezember 2019 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Dank für Euern Brief. In seine Zahmen Xenien notiert Goethe: "Sie sagen, du habest es gut vollbracht. Mein Kind, ich hab es klug gemacht: Ich habe nie über das Denken gedacht." Leider will es mir nicht gelingen Goethes weisem Rat zu folgen. Denn ich fühle mich gedrungen dauernd andauernd und schließlich ausschließlich den verbotenen nicht denkbaren Gedanken nachzuspüren. Bin nun auch soweit gedrungen mir vorzustellen weshalb Er das Denken über das Denken untersagt hat. Denn Er dachte um zu sprechen, und Er sprach um zu schreiben, und Er schrieb um gelesen zu werden, und schließlich wollte Er gelesen, um verstanden zu werden. Er war aber klug genug einzusehen, dass das Denken über das Denken nicht mitgeteilt zu werden vermag, weil jedes Menschen Denken sein eigenstes ist, subjektiv, und diesem subjektiven Wesen gemäß, nicht mitteilbar. In meinem Alter, - ich komme nicht umhin mich immer wieder zu erinnern, dass ich im kommenden Juni neunzig Jahre alt sein werde, dass nur eine kurze erbärmliche Zukunft vor mir liegt, aber hinter mir, eine reiche vielfältige Vergangenheit, die es mir obliegt zu bearbeiten, das heißt, zu bedenken. Indem ich versuch dieser Pflicht gerecht zu werden, fällt mir auf wie diese Erinnerungen der Vergangenheit - meiner Kindheit in den Hildebrandt- und Schleinitzstraßen in Braunschweig, in der Pestalozzi Schule, Spaziergänge im Elm und Wanderungen im Harz, in den Sommerferien auf Sylt, Besuche bei meinen Großeltern in Nikolassee, wie diese Erinnerungen sich unvermeidlich und unerbittlich aus Wirklichkeiten in Mythen verwandeln, insofern als mit dem Verlauf der Zeit, der Jahre und Monate, aber auch der Wochen, Tage, Stunden und Minuten, Echo und Nachbild des Einstigen verblassen und besonders an Hand von alten Briefen und Photographieen, von neuen gegenwärtigen geistigen Entdeckungen und Erfindungen ergänzt und schließlich ersetzt werden. So wird die Erinnerung der Vergangenheit die sich mir aufdrängt oder in die ich mich verirre, ein Zaubergarten wo alles denkbar und nichts unmöglich wird, - eben aus dem Grund, dass nichts mehr gegeben, sondern dass alles neu geschaffen ist, ein Zaubergarten wo alles andere Gewächs, von Mythen verdrängt und durch sie ersetzt wird. Aus all diesem erhebt sich eine mich verlockende aber von Ihm verbotene Frage, mit der ich Euch nicht behelligen darf, inwiefern diese mir heute als Mythos erscheinende Kindheit, sich von der anderen Vergangenheit die hinter mir liegt, von der armseligen Existenz in Konnarock, vom verzweifeltem, hoffnungslosem Studium, von der seligmachenden Liebe, und von allem anderen das in der Erinnerung auftaucht und in ihr untergeht, gleichfalls als sich ewig erneuernder Mythos begriffen werden will. Daneben die geisteswissenschaftlich approbierte Geschichte, von der es problematisch zu bestimmen ist wo sie anfangen möchte, ob mit Herodot und Thukydides oder mit Homer und Hesiod, die sich dann aber ganz am Anfang mit der geisteswissenschaftlich verpönten Mythengeschichte der unheimlich brutalen titanischen und olympischen Götter als gemeinsam verwurzelt ergibt.... Rilke schrieb: "Und mit kleinen Schritten gehn die Uhren Neben unserm eigentlichen Tag. Der gezählte, gemessene Verlauf der Zeit drängt mit dem "eigentlichen", mit dem Erlebten Verlauf vereinbart zu werden. Der "eigentliche" Tag, die erlebte Zeit, lässt sich mit Tag und Nacht, mit dem Auf und Niedergang der Sonne, übereinstimmen, mit den Jahreszeiten, mit Frühling, Sommer, Herbst und Winter, zuletzt auch mit dem Verlauf des Lebens, "von der Wiege bis zum Grab." Das scheinen mir natürliche und naturgemäße Zeitmessungen zu sein. Auch Sonnen- und Sanduhr. Aber dann die von Federn oder Elektrizität getrieben mechanischen Zeitmessgeräte welche das "eigentliche" Zeiterleben zu regieren beanspruchen: die Erwartung, die Erinnerung, die Ungeduld, die lange Weile, "die Wirklichkeit", - und schließlich das Leben selbst. "Ich schweige. Kein Wort mehr," versprach der Urgroßvater; eh er zu reden anfing. Herzliche a) Dezember-, b) Advents-, c) Weihnachts-, d) Neujahrs-grüße an Euch beide. Jochen