am 26. September 2019 Liebe Gertraud und lieber Bernd, In den vergangenen Wochen haben meine Gedanken verschiedentlich versucht Euch nachzüglerisch auf Eurer Reise zu folgen, Bemühungen die vielleicht mehr über meine schüchterne Zurückgezogenheit besagen als über Euren mutigen, unternehmungsfreudigen Ausflug in den Osten. Wenn ich nun heute Euern Brief beantworte, betrachte ich es als meine Aufgabe Euch von meiner Existenz - oder von den Bruchstücken dieser Existenz die mir noch bleiben - Rechenschaft zu geben, eine Pflicht die mir schwieriger erscheint, je länger ich sie bedenke. Schriebe ich Euch das es mir schlecht geht, würde ich klagen; schriebe ich aber dass es mir gut geht, würde ich prahlen. Beide Aussagen wären zugleich wahr und unwahr. Das ist eine Gegebenheit der ich entnehme, dass es den Worten manchmal nicht gelingen will, dem Erleben nahe zu kommen, geschweige denn es zu begreifen. Je älter ich werde, desto stärker der Eindruck dass mich mein Erleben beständig verwandelt, dass schließlich die Verluste, Entbehrungen und Enttäuschungen zu einem Bestandteil meines Wesens werden, bis zuletzt die Möglichkeit und die Fähigkeit mich ihm anzupassen, das Schmerzhafte Lügen straft, und als unwirklich erscheinen lässt. In den vergangenen Wochen, hab ich Gelegenheit gehabt über das Klagelied als literarische Gattung und als existentielle Gegebenheit nachzudenken. Mein Schwager Alex, Margarets Bruder, jetzt in seinem 91. Jahre, hatte mich auf Tchaikovkies 6. Symphonie als bemerkenswert traurig (mournful) aufmerksam gemacht, ein Stück dessen abschließender Satz tatsächlich "adagio lamentoso" überschrieben ist, und mich zu Überlegungen betreffs Klage und Klagelied angeregt hat. Ich begann mich zu fragen ob der Klagende sich innerhalb oder außerhalb des Schmerzenskreises befinden möchte, ob die Klage als Einladung oder als Abwehr des Beklagten gedeutet sein sollte. Besann mich der Sitte Klageweiber zu heuern um einer vermeintlichen KLagepflicht gerecht zu werden, auch der Barocklyrik und der Bachkantaten wo die künstlerische Leidenschaft des Klagens wie Schutz gegen das Beklagte zu wirken scheint. "Es rauschen aber um Asias Tore Hinziehend da und dort In ungewisser Meeresebene Der schattenlosen Straßen genug, Doch kennt die Inseln der Schiffer. Und da ich hörte, Der nahegelegenen eine Sei Patmos, Verlangte mich sehr, Dort einzukehren und dort Der dunkeln Grotte zu nahn. Denn nicht, wie Cypros, Die quellenreiche, oder Der anderen eine Wohnt herrlich Patmos, Gastfreundlich aber ist Im ärmeren Hause Sie dennoch Und wenn vom Schiffbruch oder klagend Um die Heimat oder Den abgeschiedenen Freund Ihr nahet einer Der Fremden, hört sie es gern, und ihre Kinder, Die Stimmen des heißen Hains, Und wo der Sand fällt, und sich spaltet Des Feldes Fläche, die Laute, Sie hören ihn und liebend tönt Es wider von den Klagen des Manns. So pflegte Sie einst des gottgeliebten, Des Sehers, der in seliger Jugend war Gegangen mit Dem Sohne des Höchsten, unzertrennlich, denn Es liebte der Gewittertragende die Einfalt Des Jüngers und es sahe der achtsame Mann Das Angesicht des Gottes genau, Da, beim Geheimnisse des Weinstocks, sie Zusammensaßen, zu der Stunde des Gastmahls, Und in der großen Seele, ruhigahnend, den Tod Aussprach der Herr und die letzte Liebe, denn nie genug Hatt er von Güte zu sagen Der Worte, damals, und zu erheitern, da Ers sahe, das Zürnen der Welt. Denn alles ist gut. Drauf starb er. Vieles wäre Zu sagen davon. Und es sahn ihn, wie er siegend blickte, Den Freudigsten die Freunde noch zuletzt, am 2. Oktober 2019 Bis zu diesem Zitat aus Hölderlins am Rande der Umnachtung entstandenen Hymne Patmos war ich gekommen, als ich wegen unserer, Klemens und meiner, bevorstehenden Fahrt auf die Insel Nantucket abbrechen musste. Wir fuhren um 6 Uhr 30 am 28. September von School Street ab, und kehrten um 4 Uhr am 30. zurück. Fünfzehn Jahre nach seinem Anfang nähert sich schließlich der Bau unseres Hauses dort seinem Ende. Man steigt auf einer Wendeltreppe in der Vorhalle ins zweite Geschoss zu einem atemberaubenden Blick über die struppig grüne Heide zum flimmernden Meeresstreifen am Horizont. Gastfreundlich wie Hölderlins Patmos, aber ist Nantucket keineswegs. Im Gegenteil, es ist ein Ort wo die Bewohner im Sommer die reichen Urlauber beneiden und verachten, und in der Einsamkeit des Winters ihren Unmut an einander auslassen. Den Februar bezeichnet man als "hate month" und feiert die beängstigende Feindseligkeit mit "hate month parties". "Vieles wäre zu sagen davon." Als wir Montag zurückkehrten, lag Euer Postkartenbrief mit dem Poststempel Loksa, 13.9.19 im Briefkasten. Vermutlich war er am 28. abgeliefert, 15 Tage unterwegs. Erweiterte Bedeutung der Beschriftung "Par Avion". Vielen Dank für Eure Mühe. In Gedanken bin ich Euch nachgewandert, aber viel langsamer als ihr. Besinnt ihr Euch auf unsere letzte gemeinsame Wanderung vor mehr als 20 Jahren im Grayson Highlands State Park, wo ich im Stillen befürchtete vielleicht überhaupt nicht wieder zurückzukommen? Schließlich ist es beruhigend wieder zuhause zu sein. Ich genieße die Einsamkeit und die vielen Erinnerungen die sie beleben. Bin keineswegs traurig sondern vielmehr erleichtert von den verschiedenen Mühen die hinter mir liegen, endlich befreit zu sein. Wohl hab ich Euch schon erzählt, dass ich mich eingehend mit Hofmannsthals Libretto Ariadne auf Naxos unterhalte, mit dem Ergebnis dass ich die so ergreifenden Klagen der Ariadne auswendig gelernt habe: ARIADNE an der Erde. Wo war ich? tot? und lebe, lebe wieder Und lebe noch? Und ist ja doch kein Leben, das ich lebe! Zerstückelt Herz, willst ewig weiter schlagen? Was hab ich denn geträumt? Weh! schon vergessen! Mein Kopf behält nichts mehr; Nur Schatten streichen Durch einen Schatten hin. Und dennoch, etwas zuckt dann auf und tut so weh! Ein Schönes war, hieß Theseus-Ariadne Und ging im Licht und freute sich des Lebens! Warum weiß ich davon? ich will vergessen! Dies muß ich nur noch finden: es ist Schmach, Zerrüttet sein, wie ich! Man muß sich schütteln: ja, dies muß ich finden: Das Mädchen, das ich war! Jetzt hab ichs – Götter! daß ichs nur behalte! Den Namen nicht – der Name ist verwachsen Mit einem anderen Namen, ein Ding wächst So leicht ins andere, wehe! NAJADE, DRYADE, ECHO als wollten sie sie erinnern, wachrufen. Ariadne! ARIADNE abwinkend. Nicht noch einmal! Sie lebt hier ganz allein, Sie atmet leicht, sie geht so leicht, Kein Halm bewegt sich, wo sie geht, Ihr Schlaf ist rein, ihr Sinn ist klar, Ihr Herz ist lauter wie der Quell: Sie hält sich gut, drum kommt auch bald der Tag, Da darf sie sich in ihren Mantel wickeln, Darf ihr Gesicht mit einem Tuch bedecken Und darf da drinnen liegen Und eine Tote sein! Es gibt ein Reich, wo alles rein ist: Es hat auch einen Namen: Totenreich. Hier ist nichts rein! Hier kam alles zu allem! Bald aber nahet ein Bote, Hermes heißen sie ihn. Mit seinem Stab Regiert er die Seelen: Wie leichte Vögel, Wie welke Blätter, Treibt er sie hin. Du schöner, stiller Gott! sieh! Ariadne wartet! Ach, von allen wilden Schmerzen Muß das Herz gereinigt sein, Dann wird dein Gesicht mir nicken, Wird dein Schritt vor meiner Höhle, Dunkel wird auf meinen Augen, Deine Hand auf meinem Herzen sein. In den schönen Feierkleidern, Die mir meine Mutter gab, Diese Glieder werden bleiben, Schön geschmückt und ganz allein, Stille Höhle wird mein Grab. Aber lautlos meine Seele Folget ihrem neuen Herrn, Wie ein leichtes Blatt im Winde, Folgt hinunter, folgt so gern. Du wirst mich befreien, Mir selber mich geben, Dies lastende Leben, Du nimmst es von mir. An dich werd ich mich ganz verlieren, Bei dir wird Ariadne sein. Klemens meint, dass Auswendiglernen fürs senile Gemüt eine stärkende Geistesübung ist, wie Leibesübungen oder Spazierengehen für den fast erschöpften Körper. Ich weiß es nicht. Denke zurück an mein Studium mit Karl Vietor, der seinen Studenten von Hofmannsthal erzählte, ohne jedoch dieser erschütternden Darstellung von Tod und Leben gerecht zu werden, oder sie auch überhaupt zu erwähnen. Mich begeistert sie so sehr, dass ich sie mir beim Einschlafen, halb als Gedächtnisprüfung, halb als Abendgebet im Stillen wiederhole; und vielleicht noch treffender, beim Erwachen als Morgenandacht. "Wo war ich? tot? und lebe, lebe wieder Und lebe noch?" das finde ich sind triftige Fragen beim Erwachen. Die Fortsetzung: "Und ist ja doch kein Leben, das ich lebe! Zerstückelt Herz, willst ewig weiter schlagen?" vermag ich in keiner Weise auf mein eigenes Erleben zu beziehen. Im Gegenteil, ich deute meine Zufriedenheit mit meinem Leben und mit mir als pathologische Euphorie, als Erscheinung einer senilen Geistesschwäche. Wieder einmal Hölderlin: Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf Unzählig blühn die Rosen und ruhig scheint Die goldne Welt; o dorthin nimmt mich, Purpurne Wolken! und möge droben In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb und Leid! – Doch, wie verscheucht von töriger Bitte, flieht Der Zauber; dunkel wirds und einsam Unter dem Himmel, wie immer, bin ich – Komm du nun, sanfter Schlummer! zu viel begehrt Das Herz; doch endlich, Jugend! verglühst du ja, Du ruhelose, träumerische! Friedlich und heiter ist dann das Alter. (Abendphantasie) Herzliche Herbstgrüße and Euch beide. Euer Jochen