Dieselbe Küche, derselbe Küchentisch, wie am Anfang der Krötenrettung, aber abgedeckt und mit einem Tischtuch und mit einer blühenden weißen Orchidee geschmückt. Erato und Möchtegern sitzen einander schweigend, doch Liebe strahlend gegenüber. Sie besprechen a) sich selbst, b) ihr Verhältnis, c) die Umstände in welchen sich ihre Bekannten, Krötenheim und Lump mit deren Familien befinden. d) das furcht-erregende Weltgeschehen, und, e) jedenfalls auf Seiten Möchtgerns, die Gegebenheiten der Seelenlandschaft. f) Später erscheinen Euterpe und Melpomene mit Erzählungen und Berichten, die das Daseinsbild vervollständigen. MÖCHTEGERN: Ich höre eine ununterbrochene Nachricht die sich aus Stille bildet. ERATO: Die schöne Blume, nein, nicht zwischen, sie ist neben uns, sie lechzt nach Wasser. Ich will sie begießen. (Geht zum Waschbecken am Tresen, füllt einen Milchgießer mit Wasser und begießt die Orchideen.) MÖCHTEGERN: So lechzt auch ich nach Lebenswasser, als Du mich trocken fandest. Du tränktest mich, wie jetzt die Blume. (Nach kurzem Nachdenken) Nur dass ich eben keine Blume bin. ERATO: Nein, eine Blume bist du nicht, zugegeben nicht so schön, aber ein Mensch zu sein, was wertvoller als eine Blume. MÖCHTEGERN: Weiß wirklich nicht wovon du redest. Ich bin ein Mensch in Schlamm versunken, zusammen mit und kaum zu unterscheiden von den andren Kröten. ERATO: Du tust mir Unrecht Möchtegern. Ich bin bei Dir, und wenn nur deshalb bist Du bei mir, und wo Du bist da bin auch ich; das nennst Du Schlamm? Du sollst Dich schämen. MÖCHTEGERN: Das tu ich auch, Erato. Wir stimmen überein, dass ich mich schämen sollte. Nur wäre festzustellen, über was. Bleibt nicht ein Schämen unvollständig, bis man bestimmt, worüber man sich schämt? ERATO: Darüber würde ich, jetzt jedenfalls, das Kopfzerbrechen unterlassen. MÖCHTEGERN: Ich schäme mich vor Dir, und vor den anderen Göttern und vor dem eingen Gott. Ich muss mich schämen vor den vielen Menschen, muss mich vor allem schämen vor mir selbst. ERATO: Mein lieber Moritz Möchtegern, mich dünkt so vieles und so allgemeines Schämen ist belanglos, hebt sich selber auf, denn wer sich schämt bedarf unschuld'ger Tugend dagegen sich zu unterscheiden. MÖCHTEGERN: Ich schäme mich weil ich die erste Frau nicht vergessen kann; dann wiederum schäme ich mich weil ich das Bedürfnis habe, sie zu vergessen. ERATO: Warum solltest du das bedürfen? MÖCHTEGERN: Weil es so wunderbar, weil es so himmlisch war. ERATO: Und du meinst, dass es unmöglich wäre mit einer Göttin wie mir eine himmlische Beziehung anzuknüpfen und zu unterhalten? Ach, bist du nicht ein dummer kleiner Denker, Möchtegern. MÖCHTEGERN: Meine liebe, oder sollte ich sagen, meine geliebte Erato, meine Seele ist vergleichbar mit meinem Körper. Außen, nach außen ist der Körper jedenfalls scheinbar, einigermaßen ansehnlich, wenngleich nicht unbedingt schön. Aber wie's unter der Haut, in den Gelenken, in den Gefäßen, wie's im Gedärm aussieht, das zu betrachten würde unsre gemütliche Ruhe zerrütten. Vergleichbar ist's mit der Seele, ich meine, vergleichbar ist's mit der Vorstelling mit der Vorführung der Gedanken und Gefühle mit denen ich mich und mein Bewusstsein erkenne. ====== Scham wegen der Dummheit, Beschränktheit, Unzulänglichkeit, wegen des Geschlechts Vieldeutigkeit und Unersättlichkeit, wegen des Geistes Schwäche Täuschung und Verlogenheit, wegen des Schriftums, auch der Opern Leere. fühl mich verantwortlich für aller Welt Unzulänglichkeit. Das ist die Folge des Abtuns, des Leugnens, des Wegwerfens der Vergeltungsethik, zugleich die Folge der Verstehensethik. Ich schäme mich, weil ich zu viel verstehe oder zu wenig, und nicht vermeiden kann zu dem zu werden, was von mir verstanden wird, sonst schäm ich weil das Verstehen mir nicht gelingt. Krötenheims Erlebenskreis hat sich erweitert, denn er ist jetzt nicht nur ums Krötenwohlsein besorgt sondern ums Wohlsein aller Lebewesen die Menschen einbeschlossen. Das ist Euterpes Einfluss ihn. Lump ist um seine gesellschaftliche und politische Macht besorgt, um seine Anhänger und deren Milizen, denn er verfügt sonst über keine gesellschaftliche Macht. Bei der neuen Beamtenschaft drängt die Feindseligkeit der Wille zur Macht zum Ausdruck, Die Gesellschaft zerbricht an den verschiedensten Unzulänglichkeiten. Da wird klar mit welcher Nachlässigkeit die neue Staatsordnung von Apoll angeordnet worden ist. Daher der Verfall, das Versagen des Staats. Um diesen zu retten, und um die Menschen vorm Untergang zu bewahren, sind neue Maßnahmen notwendig. Das Schauspiel ist unzulänglich weil es doch letzten Endes immer wieder, und nichts anderes als das "wahre" Wesen der Menschen zum Ausdruck kommen lässt. Die Menschheit und die Menschen sind ein veränderliches Gefüge; sie werden zum Teil durch die Sprache, durch ihr Denken (um)gestaltet. Diese Erwägung weist auf die Pädagogik als Verhütungs- und Heilmittel für menschliche Gebrechen. Von dieser Einsicht überzeugt Möchtegern Apoll. Und wenn die Krötenrettung die Lösung gesellschaftlicher Problematik im Schauspiel zu finden meinte, so meint diese Fortsetzung und Verbesserung die Lösung der Problematik in der Schulung der Menschen, in der Pädagogik zu finden, will sagen in der Verfeinerung des Schauspiels In welcher Hinsicht und in welchem Ausmaß ist es möglich a) die Handlung, und b) das Wesen des Menschen, durch Erziehung, durch Sprache, Gesetz, Regel zu bestimmen? Die Rettung der Welt durch die Pädagogik. Theoretisch wäre der Lehrberuf der großartigste, wenn es dem Lehrer erlaubt wäre, dem Schüler sein Leben, sein Erleben mitzuteilen. Praktisch ist er gesellschaftlich beschränkt: "Das Beste was du weißt, darfst du den Knaben doch nicht sagen." 20190919 Die Gesellschaftsordnung die nur auf Schauspiel fußt, zersetzt sich. Apolls Bemühungen waren unzulänglich. Es gibt kein Gefühl, meine Vorstellung, von dem was sich gehört, von dem was notwendig ist. Die Unzulänglichkeit des Schauspiels beweist sich. Überall, andauernd, bleiben Möchtegerns Bestimmungen und Entscheidungen unbeachtet. Zuletzt wird auch er detainiert, wird mit (geschlechtlicher) Unzucht beschuldigt. Auch Krötenheim wird inhaftiert. Ursula wird die venia cantare (cantandi, des Singen) entzogen. Die Patrioten und ihre Miliz brechen erneut an die Oberfläche. Dies alles, weil Apolls Bestimmungen das Schulwesen vernachlässigt haben. Die Menschen sind verbesserungsanfällig susceptible, aber sie bedürfen der Paideia. Natur sei nicht genug,es sei denn dass diese die Paideia einbeschließt. Aber verfügt die Sprache (wirklich) über solche Macht? Wie wird es möglich dass die Menschen sich an den eigenen Schuhschnürsenkeln, Geistesriemen Riemen, Schuhriemen, Senkel, Schuhsenkeln, Schnürsenkeln Aus dem Schlamm entziehen und befreien? Die Kröten müssen den Menschen zum Vorbild dienen. Während dessen habe die Patrioten aufs Neue versucht, sich der drei Musen zu bemächtigen. Aber bei dem Angriff auf die Musen versiegt ihre Macht eben weil es Göttinnen sind die sie angreifen. Auf Flügeln des Gesanges begibt sich Erato zum schnee-gekrönten Olymp, bewirkt nicht nur Möchtegerns Befreiung, sondern seine Einberufung in den Rat der Götter. Die Olympusbesprechung der Odyssee wiederholt sich. Die Götter wollen Möchtegern verjüngen um ihn zum Weltkanzler zu bestimmen, ernennen, (vgl. Freunde I) aber Möchtegern lehnt diese Macht und diese Ehren ab. Sie widersprächen der Natur; aber er verspricht was er gesehen, was er erlebt, was er verstanden hat, zu erzählen, zu erklären, niederzuschreiben, und noch dazu als Libretto zu einem Bühnenwerk, vielleicht zu einer Oper. Der Inbegriff dieser Einsicht ist durch Entwicklung, Erziehung, Paideia, education, bewirkte und beförderte Entwicklung. 21. September 2019. Möchtegerns Beziehung zu Erato ist Parodie einer Ehe; ist Ehe und ist doch keine richtige Ehe, denn 1) war es die Ehe mit einer Überirdischen, und 2) war es eine zweite Ehe, wo doch die Erste unauslöschlich und unwiederholbar ist. Eratos Reise zum Olymp um Hilfe zu beschaffen, war für Möchtegern die Krise am Rand der tiefen steilen Kluft die ich in meinem Brief an Margaret beschrieb, wo sie mich bei ihrer Rückkehr nicht mehr finden würde. Hier die Vorstellung, Skizze, eines weiteren Klageliedes, (oder doch KL2) wegen der Veröffentlichung unsrer Liebesbriefe, als die Vergegenwärtigung eines Traums des Glücks; als Lockruf an die nächste Geliebte. Ein Lockruf der dann gehört und in wunderbarer Weise beantwortet wird. KL2 als Zusammenfassung des bisherigen (Liebes)Lebens, als unumgängliche Bereinigung der wilden Schmerzen. Ach von all den wilden Schmerzen muss dies Herz gereinigt sein. Ein späteres Libretto über (MEEI) Vergesellschaftung und Individualität. am 24. September 2019 Krötenheims Trauer und Sehnsucht nach den Kröten welche ihn und sein Bauerngut verlassen haben; die Mühen Euterpes als Ersatz, als Entschädigung anzunehmen. Die Spannungen und Unruhen im Lumpenhaushalt. Auch der will verstanden sein. Gespräche mögen die treueste Darstellung des (geistig-seelsichen) Erlebens sein, insofern sie die Kluft zwischen Innen und Außen überbrücken.