Die Opern mit denen ich mich kürzlich beschäftigte, lassen viel zu wünschen. Die Dekadenz der DaPonte Opern, ihre Leere, ihre Frivolität ist so augenscheinlich, dass ich mich schämen muss sie jemals so befürwortet, so angebetet zu haben. Was besagen diese Umstände über die Gültigkeit, über die Verlässlichkeit meines Urteils? Und auch die drei Hofmannsthal Opern Arabella, Ariadne und Rosenkavalier lassen ungeachtet ihrer überzeugenden Stärken, zu wünschen übrig. Bei Arabella die beiderseitige Vernunftlosigkeit der Liebe, die dennoch über alles andere Menschliche, allenfalls im Rahmen der Dichtung bestätigt wird. Bei Ariadne die Erotik allenfalls der weiblichen Todessehnsucht. "Aber lautlos meine Seele, folget ihrem neuen Herrn, wie ein leichtes Blatt im Winde, folgt hinunter, folgt so gern." Rosenkavalier, die verkörperte Leichtsinnigkeit. Bedächtiger noch, in Fidelio, die Abwesenheit jeglicher Kritik an der unmenschlichen Beschäftigung Roccos, der die Anweisungen Pizarros Florestan zu morden indem er ihn in Ketten verhungern ließ, kritiklos und unbedenklich durchführte, um dann it der Weigerung Florestan mit einem Dolch zu ermorden sich einen Glorienschein der Rechtschaffenheit erwarb. Und Leonore selbst, ausschließlich auf die Rettung ihres Mannes bedacht, ohne sich mit den vielen Schicksalen der vielen anderen Gefangenen zu bekümmern, abgesehen mit den paar Minuten "in freier Luft den Atem leicht zu heben ..." die sie ihnen, vielleicht als Symbol für ihre Mitleidenschaft besorgte. Und mein neuestes Klagelied: Der Pathos der Vergeltungsethik als Gestaltungsprinzip der Gesellschaft. Die Unzulänglichkeit der Vernunft. Die katastrophalen Folgen des Versuchs logisch vernünftig zu handeln. Der Widerspruch von Natur und Logik, zwischen dem natürlichen Handeln des Menschen und den Richtlinien, welche die Sprache, die Logik ihm aufdrängt. Oder möchte es sein, dass die Widersprüche schon der menschlichen Natur innewohnen. Vielleicht nach dem Vorspiel zu Ariadne als Muster, ein Libretto dass die Fidelio Problematik ausdrücklich auseinandersetzt, und den Entwurf bestimmend beeinflusst, mit den Folgen, dass das Stück versagt, und der Verfasser inhaftiert wird. Möchtegern ist unzufrieden mit der Welt. Seine neue Begleiterin, Erato, schlägt ihm vor, ermuntert ihn, urges, encourages him, sie zu erbessern. Aber wie? Selbstverständnlich, Muse die sie nun einmal ist, durch die Kunst, durch Aufsdtze, wissenschaftliche Arbeiten, Bücher vielleicht-, eventuell Romane, Gedichte, aber vielleicht besser noch durchs Drama, durch's Theaterstück, vielleicht sogar durch eine Oper. Die Musik zu komponieren wäre Möchtegern unfähig, aber ein Libretto zu schreiben würde er sich zumuten. Möchtgern ist von Eratos Vorschlag begeistert. Als Einleitung vielleicht eine der alljährlichen Konferenzen der alten Mitglieder, der alten Freunde und Widersacher, Möchtegern, Krötenheim, Lump-Christ-Herkules, Melpomene, Euterpe, Erato, die drei Patrioten und vielleicht ein Krötenanwalt oder Krötenvertreter, auch Dike und Apoll, und nicht zuletzt Ursula Schönstimm. Krötenheim ist unzufrieden; Lump bemängelt und verunglimpft Krötenheim. Dike und Apoll bestimmen dass Verbesserungen, dass Revision notwendig ist. Apoll tadelt Möchtegern für seine Nachlässigkeit, entschuldigt sich dann aber umgehend für seine Ungerechtigkeit. Ein neuer Text, ein neues Drama scheint vonnöten. Ursula drängt auf eine Oper; sie möchte die Hauptrolle sich selber vorbehalten. Lump ist von einer Oper wo seine Freundin die Prima Donna spielen möchte begeistert. Wer aber soll das Libretto schreiben, wer soll die Handlung (plot) bestimmen. Selbstverständlich die Musen, aber die sind unerfahren in der Welt. Sie müssen belehrt werden; aber von wem. Selbst Apoll hat keinen Rat, aber Möchtegern hat gewisse Vorstellungen, gewisse Ideen.